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Flucht aus Syrien : Von Schüssen empfangen

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Ein junger Syrer hat sich in die Niederlande retten können und spricht über diese dramatischen vier Monate. In seiner Heimat wäre er in den Krieg geschickt worden.

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          Istanbul, für viele eine wunderschöne, kulturell reichhaltige Stadt, für andere eine Stadt voller dramatischer Erinnerungen. Einer der anderen ist Ziad, ein Syrer, dessen richtiger Name nicht genannt werden soll. „Warum passiert das genau mir?“, diese Frage stellte sich der heute 22-Jährige oft auf seiner vier Monate dauernden Flucht von Syrien in die Niederlande, die von Dezember 2014 bis April 2015 dauerte. Die Umstände zwangen ihn, seine Familie zu verlassen. Da war er 17 Jahre alt und stand kurz davor, zum Militär geschickt zu werden. Durch den Krieg war klar, dass er vom Militär nicht mehr zurückkehren würde. Das sei vor allem der Grund gewesen, weshalb er seine Heimat verlassen musste, erzählt er nachdenklich.

          Von der Einzelzelle ins Kinderheim

          „Ich machte meine Augen zu und dachte, das sei der letzte Moment meines Lebens“, berichtet der Friseur im Videotelefonat vom schlimmsten Moment seiner Reise. Auf der Lastfläche eines abgedunkelten Vans wurde er mit einigen Unbekannten von Qamischli in Nordosten Syriens über die türkische Grenze gefahren. Dort wurden sie von der Polizei mit Schüssen empfangen. Er wurde verhaftet, in eine Einzelzelle gebracht, drei Stunden später in ein Kinderheim verlegt. „Das war ein riesiger Salon, vollgestellt mit Sofas.“ Es gab keine Betten, so mussten etwa vierzig Kinder sich hintereinander auf die Sofas legen und so die Nächte überstehen, erklärte der 1,74 Meter große Mann. Nach einigen Tagen wurde er freigelassen. So machte er sich auf den Weg zu einem Bekannten. Nach einiger Zeit bemerkte er, dass dieser Mann ihn nur wegen seines Geldes bei sich aufgenommen hatte. „Als ich verschwinden wollte, hielten mich zwei riesige Männer auf. Sie warfen meine Sachen aus dem Fenster. In diesem Moment wünschte ich, eines dieser Kleidungsstücke zu sein, denn ich wusste, ich werde nach dieser Schlägerei nicht mehr laufen können.“ Doch „Gott sei Dank“ haben sich Nachbarn eingemischt und ihm geholfen.

          Was ihm der Vater befahl

          Ziad berichtet auch von freundlichen Menschen. „Während meines Aufenthalts bei einem anderen Bekannten habe ich mir die Idee, nach Europa zu flüchten, bereits abgeschminkt.“ Bis eines Tages sein Vater ihn anrief und ihm befahl, sofort nach Izmir zu reisen. Die Hafenstadt liegt 480 Kilometer von Istanbul entfernt. So lang wie die Geschichte der Stadt, die bis in die Antike reicht, schien Ziad seine Reise dorthin. Nach mehreren Anläufen, nachdem er sich mehrmals „Game over, try again“ dachte, kam er endlich am Wasser an. Immer noch schockiert, erzählt er von dem Gummiboot, in das er damals gestiegen war: „Es war ein kleines Gummiboot, etwa fünf Meter lang.“ Normalerweise dürfen nur zwanzig Leute darin Platz nehmen, doch waren sie insgesamt 45 mit Gepäck. „Drei Stunden lang saß ich mit dem Rettungsring um meine Taille in diesem Boot. Ich konnte mich kaum bewegen und meine Nachbarn nicht bitten, auf die Seite zu rutschen, denn sonst wären sie direkt ins Wasser gefallen. Ich saß direkt neben dem Fahrer, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Boot steuerte, und erlebte die Kälte meines Lebens.“

          Behandelt wie ein Schwerkrimineller

          Wie vieles in seinem Leben anders als geplant geschah, so war auch die Ankunft auf der griechischen Insel Samos, die Geflüchtete schlecht und strenger als andere Inseln behandelt. Nach fünfstündiger Wanderung kam er mit seinen Mitreisenden an einer Polizeistation an. Dort war niemand, so verbrachten sie die Nacht in einem verlassenen Haus. Als sie morgens abgeholt wurden, wurden ihnen Nummern zugeteilt. „Number eight come“, Nummer acht komm, wurde Ziad aufgerufen. „Im Gefängnis, in das wir danach gebracht wurden, wurden wir wie Schwerkriminelle behandelt.“ Erregt erzählt der Mann, der heute in einer Wohngemeinschaft in Groningen lebt, von ungenießbarem Essen und dem einen Monat langen „Struggle“, bis er aus dem Gefängnis kam. „Erst dann konnte ich mich endlich wieder wie ein Mensch fühlen und wie ein Mensch leben.“ Wie es auf seiner Reise weiterging und wie er es bis in die Niederlande geschafft hat, darauf möchte er aus emotionalen Gründen nicht weiter eingehen.

          Seine Familie zog nach Groningen

          Strahlend berichtet er aber von seiner Ankunft in den Niederlanden, die gut verlaufen sei, während im Hintergrund seiner Laptop-Kamera ein Plüschtier zu sehen ist, das eine blaue Mundmaske trägt. Heute fühlt er sich wohl, vor allem, nachdem seine Familie eineinhalb Jahre später ebenso nach Groningen umziehen konnte. Früher träumte er davon, Architekt zu werden, erst versuchte er es mit einer Wirtschaftsschule, später machte er die Ausbildung zum Herrenfriseur. „Ich gebe nie gerne auf und mache immer weiter, bis ich das erreiche, was ich erreicht haben möchte. Ich habe mir immer gedacht: Wenn es jetzt nicht klappt, wird es beim nächsten Mal klappen.“

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