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Fernseh-Schulung : Peinlich währt am längsten

Heul doch! Wer berühmt werden will, muss die Öffentlichkeit am Innersten teilhaben lassen Bild: Evan Cohen

In New York kann man lernen, wie man ein Star in der nächsten Reality-Show wird - und wie man daran nicht zugrunde geht. Fünf Samstage und 300 Dollar muss man für die Trockenübungen des großen Auftritts aufbringen. Corinna Budras war für uns dabei.

          Ginas Geheimnis ist ein voller Erfolg: Sie ist Polizistin und hat schon einmal als Prostituierte gearbeitet. „Hallo, mein Name ist Gina Scarda, und bei meinem ersten Einsatz musste ich als Undercover-Prostituierte nach Brooklyn.“ Das sitzt. 20 Sekunden hat die blonde New Yorkerin, um das Publikum mit einem Geheimnis für sich zu interessieren, und die Menge grölt. In 20 Sekunden hat man im wirklichen Leben oft nicht einmal den Mund aufgemacht. In Reality-TV-Shows entscheiden 20 Sekunden dagegen über die Zukunft von Kandidaten: Aufhören oder weitermachen, hopp oder topp.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Wer sich durch Reality-Shows den großen Durchbruch erhofft, überlässt nichts dem Zufall. Jedenfalls nicht die 20 Gestalten, die sich an diesem eiskalten Samstag in einem Studio in der Nähe des Broadways eingefunden haben. Einmal wollen sie es in eine der vielen Reality-Shows im amerikanischen Fernsehen schaffen. Und Robert Galinsky soll ihnen dabei helfen. „We are making Stars“, verspricht er auf der Internetseite seiner „New York Reality TV School“. Mit seinem Konzept gehört er zu den Ersten, die das Gerangel um die wenigen Amateur-Plätze vor der Kamera als Geschäftsmodell entdeckt haben. Für 139 Dollar erklärt er mit seinem Team in zweieinhalb Stunden, wie man das Casting für eine solche Show überlebt. Fünf Samstage und 300 Dollar muss man für die Trockenübungen des großen Auftritts aufbringen.

          „Ich bin in einer Midlife-Crisis“

          Manche haben es schon einmal geschafft. Mit einem offenen Geständnis über ihre Gewichtsprobleme war Gina schon einmal auf der Mattscheibe. Die Kameras waren dabei, als die Mittvierzigerin 30 Pfund abnahm und ihr Stil generalüberholt wurde. Jetzt will sie in eine richtige Reality-Show. „Ich bin in einer Midlife-Crisis“, gibt sie zu und lacht ganz unbeschwert. Deshalb sitzt sie nun im überheizten Studio und lässt sich von Schauspieltrainer Galinsky erklären, dass sie bei all dem Training vor allem sie selbst sein soll.

          „Im Reality-TV geht es nur um eins: Persönlichkeit!“, ruft Robert Galinsky. Er steht - eher klein, schwarze Lockenpracht, Vollbart - in der Mitte des Stuhlkreises und ist ständig in Bewegung. „Authentizität macht den großen Unterschied: Wer sich selbst treu ist, sticht aus der Masse heraus.“ Wer nicht vor aller Welt seine Gefühle bloßlegen kann, sollte sich nicht gerade dieses Fernsehformat aussuchen, sagt Casting-Agentin Risa Tanania, die selbst einen eher verschlossenen Eindruck macht. „Kommt hier nicht mit einer Mauer rein. Ich möchte wissen, wer ihr seid.“ Ihre Lektion ist einfach: Wer sich nicht öffnen will, bekommt von ihr keinen Job.

          Magere Nachwuchs-Models auf dem Laufsteg

          Aus dem großen Meer der Durchschnittlichkeit ragt Gina etwas heraus. Nach einer Stunde kann sich zwar niemand an ihren Namen erinnern, aber immerhin ist sie für alle „der Cop“ - und fällt daher auf unter all den Musikern, Schauspielern und angehenden Schriftstellern. Auch der 24 Jahre alte Marius Horstick ragt heraus. Der große Schauspielschüler ist der einzige Deutsche in der Runde, und er will sich das zunutze machen. Doch die Casting-Agenten sind erbarmungslos. In der Trainingseinheit „Auf dem Grill mit Phil“ hat Marius kein leichtes Spiel. Er soll dem Dozenten Phil Galinsky erklären, warum er in der Reality-Show „Big Brother“ mitspielen will. Marius bemüht sich redlich um Coolness: „Ich liebe diese blöden, verdammten Leute im Big-Brother-Container.“ Aber schon nach diesem Satz wird er schreiend von Phil unterbrochen. Nicht überzeugend sei seine Begründung, außerdem benutze er zu viele Schimpfwörter. Der zweite Anlauf endet ähnlich desaströs. Robert Galinsky meint: „Reality-TV wird euch in Stücke reißen, wenn es das will. Um das zu verhindern, müsst ihr euch wohl in eurer Haut fühlen.“

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