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Felix-Nussbaum-Haus : Kunst gegen das Vergessen

  • -Aktualisiert am

Die Architektur des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück spiegelt die Unsicherheit und erinnert an die Schrecken des NS-Regimes. Der Museumsdirektor im Gespräch

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          Es ist still in den langen, verwinkelten Gängen, dunkle, nüchterne Farben dominieren. Langsam gehen die Besucher von Bild zu Bild: Eine merkwürdige, melancholische und bedrückende Atmosphäre herrscht im Felix-Nussbaum-Haus, einem Teil des Museumsquartiers in der Friedensstadt Osnabrück. Denn hier geht es um die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und an den jüdischen Künstler Felix Nussbaum und sein kompliziertes, von Unsicherheiten und Angst geprägtes Leben. Mittendrin Museumsdirektor Nils-Arne Kässens in schicker, aber dennoch schlichter Kleidung und einer schwarzen Schiebermütze, seinem Markenzeichen. Verwirrend finden es hier nicht nur die Besucher des Museums, sondern auch Nils-Arne Kässens selbst, der seit Ende 2016 Kopf des Osnabrücker Museumsquartiers ist. Mittlerweile findet er sich ganz gut zurecht, sagt er stolz, „manchmal muss ich aber überlegen, welcher Weg der kürzeste ist“, gibt der junge Museumsdirektor zu. Sollte er sich mal verlaufen, findet er das aber auch nicht so schlimm, schließlich gibt es genug Kunstwerke zu bewundern. Selbst der Architekt des Hauses, Daniel Libeskind, habe sich vor zwei Jahren während der Feier zum 20. Jubiläum innerhalb seiner eigenen labyrinthhaften Schöpfung verlaufen. „Er selbst verlor völlig die Orientierung“, erzählt Kässens.

          Die mutige Variante von Libeskind

          Man habe sich für „die mutige Variante“ entschieden und nicht einfach für ein typisches Museumsgebäude, in dem nur die Kunstwerke und nicht das Haus selbst auch eine Geschichte erzählen. „Libeskind nimmt mit seiner verwinkelten Architektur auf das von vielen Unsicherheiten geprägte Leben von Felix Nussbaum und seiner Frau Felka Platek während der Flucht vor den Nationalsozialisten Bezug“, erklärt Kässens. Wenn man das Haus betritt, spürt man genau das: Unsicherheit und Verwirrung. Um in die Ausstellungsräume zu kommen, läuft man erst durch eine große, wuchtige Metalltür in einen dunklen, langen Flur.

          Am Ende des Flures befindet sich ein Gemälde des jüdischen Künstlers. Es leuchtet. Zwei Juden in einer Synagoge. Die Synagoge auf dem Gemälde befand sich ein paar hundert Meter hinter dem Felix-Nussbaum-Haus, bevor sie in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Das Gemälde ist so plaziert, dass es auf den Ort zeigt, an dem sich die Synagoge befand. Dem Zufall ist in diesem Museum nichts überlassen. Schaut man sich das Gemälde an, erkennt man Felix Nussbaum. Es scheint so, als würde er den Betrachter dazu einladen, weiterzugehen, ihn und seine Geschichte kennenzulernen und die Welt durch seine Augen zu sehen. Viele seiner Gemälde wirken dunkel und deprimierend. So lautet die Überschrift seines letzten Gemäldes vor der Deportation nach Auschwitz: „Triumph des Todes“. Die vielen Skelette, die so dargestellt werden, als würden sie fröhliche Musik spielen, feiern und triumphieren auf Resten unserer Kultur. Dadurch hat das Gemälde auch etwas Humorvolles. Schauderhaft und doch lustig, das ist das, was laut Kässens den Künstler ausmacht: Er habe nie seinen Humor verloren.

          Nur noch ein Schatten seiner selbst

          „An Nussbaum lässt sich zeigen, wie Kunst als Mittel gegen Rechtsextremismus wirken kann: Nussbaum gelingt es wie keinem anderen Künstler seiner Zeit, die Schrecken der NS-Herrschaft und das Leben im Exil in Bilder zu setzen“, sagt Kässens. Ein Gemälde, das eine nachhaltige Wirkung ausübt, ist das Bild mit dem Titel „Jude am Fenster“. Es zeigt einen abgemagerten Mann in einem dreckigen Gewand mit einem gelben Judenstern. Der Mann sieht traurig aus, hoffnungslos. „Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst“, sagt Kässens nachdenklich. Felix Nussbaum ist deshalb ein wichtiger Protagonist unserer Erinnerungskultur, weil ebensolche Werke Eindruck hinterlassen. „Sie sprechen uns direkt an.“ Kässens ist der Meinung, dass bundesweite Gedenktage oder das Errichten repräsentativer Gedenkstätten in der Hauptstadt Berlin allein nicht ausreichen. Erinnerung müsse immer auch lokal verankert sein. Das Felix-Nussbaum-Haus verdankt seine Existenz dem Engagement von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Osnabrück, der Geburtsstadt Nussbaums. Somit sind die Bürger Osnabrücks ein Stück mit Nussbaum und seiner Geschichte verbunden. Auch spricht Kunst und besonders die Kunst Felix Nussbaums den Menschen mehr an als einfache Fakten, die man lesen müsste oder die einem vorgetragen werden.

          Viral in Zeiten von Corona

          Auch in Zeiten von Corona muss der Museumsliebhaber nicht ohne Museum bleiben. „Wir lassen uns von dem Virus nicht unterkriegen. Wenn die Besucher nicht ins Museum kommen können, dann muss das Museum eben zu den Besuchern kommen“, sagt der Museumsdirektor entschlossen. So wurde das Virale Museum ins Leben gerufen. Es handelt sich um einen Online-Channel, somit hat das Museum für alle geöffnet. So können auch Kunst- und Kulturinteressierte, oder aber auch diejenigen, die sich ein wenig weiterbilden möchten, die unbeschreibliche Atmosphäre des Museumsquartiers spüren und am Museumsleben teilnehmen, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.

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