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FAZ.NET sucht Mietergeschichten (23) : Von einem Unglück ins nächste

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Das eine warme Wohnung so viele Kosten mit sich bringt, hatte die Mieterin bei ihrem Einzug nicht erwartet Bild: dapd

Als die Mieterin in unserer 23. Geschichte aus ihrer Wohnung ausziehen wollte, erlebte sie ihr blaues Wunder und stolperte geradewegs von einem Problem ins nächste.

          Gerade fertig mit dem Abitur, wollten mein Freund und ich im Jahr 2007 im Alter von 19 Jahren aus einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt mitten ins Großstadtleben. Berlin sollte also unsere neue Heimat werden. Unsere erste gemeinsame Wohnung hatten wir im grünen und familiären Stadtteil Köpenick gefunden, da wir unserem kleinen Jack-Russel-Terrier Auslauf bieten wollten.

          Angefangen hatte es alles wunderschön. Eine kuschelige Zwei-Zimmerwohnung und einen grünen Wald vor der Tür - und das mitten in Berlin. Die Hausverwaltung schien zwar seriös, aber der Hausmeister penibel und merkwürdig. Er erzählte uns beim Einzug vom richtigen Lüften und gab uns zehn Merkblätter mit, so dass wir auch keine seiner Regeln missachteten. Das Thema „richtiges Lüften“ sollte später das teuerste in unserem ganzen Leben werden. Unsere erste Wohnung wurde zu einer nervlichen Belastung, der wir nicht lange standhalten konnten und wollten. Der Grund dafür war der neue Mieter in der Wohnung unter uns.

          Police, drugs and Rock n’ Roll“

          Der junge Mann fiel zunächst nicht weiter auf. Es stellte sich heraus, dass sein vorheriger Wohnort ein Heim gewesen war - der Staat also für die Kosten der Wohnung aufgekommen war. Ein paar Wochen nach seinem Einzug fing der Terror an. Eine riesengroße Deutschlandflagge hing im Fenster, und wir vermuteten, dass er dem politisch rechten Rand anhing. Jeden Tag waren mehrere Freunde und seine Freundin bei ihm zu Hause und es wurden Partys gefeiert.

          Gegen Partys haben wir prinzipiell nichts. Wir sind Studenten und auch noch jung. Aber nach anstrengenden Tagen mit Prüfungen und Lernstress führt laute elektronische Musik bis vier Uhr morgens eher nicht zur besten Nachbarschaftsbeziehung. Gesprächsversuche und Bitten, den Lärmpegel zu senken, kamen bei den jungen Menschen jedoch nicht an. Irgendwann sahen wir uns gezwungen, die Polizei zu rufen. Die Beamten trafen zwei Stunden nach unserem Anruf ein und klopften kurz bei der Party. Nach zwei Minuten war der Einsatz beendet. Danke, liebe Gesetzeshüter, für die tatkräftige Unterstützung! Danach wurde gegen die Wände geschlagen und „Ihr seid Spießer“ zu uns hochgerufen. Drogen waren auch im Spiel und wirkten sich negativ auf die Kommunikationsfähigkeit aus.

          Und noch eine Portion Ärger

          Nach einem Jahr voller Beleidigungen, unruhigen Nächten und Beschwerden bei der Hausverwaltung haben wir Reißaus genommen. Ganz nach der Philosophie: „Der Klügere gibt nach“. Kurz vor unserem Auszug sollte jedoch die schlimmste Nachricht folgen. Wir wurden ja nicht schon genug geärgert. Die Nachricht kam in einem weißen Umschlag - unsere Nebenkostenabrechnung.

          Den Gesichtsausdruck meines Freundes beim Lesen dieses Schreibens werde ich so schnell nicht vergessen. „3000 Euro wollen die von uns?“ Wir dachten, das sei ein Scherz, und hofften, dass da ein riesengroßer Fehler passiert wäre. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um den Fehler zu finden. Während andere Mieter unseres Hauses mit ähnlichem Heizverhalten einen wesentlich geringeren Kostenaufwand unter 100 Euro hatten oder sogar Geld zurückbekamen, unterstellte uns der Vermieter, dass wir nicht richtig gelüftet hätten. Wir hätten bestimmt die Fenster aufgelassen und gleichzeitig geheizt. Da wären wir wieder bei den Merkblättern vom Anfang. Die Wahrheit war, dass wir die Heizung selbst im Winter manchmal sogar abgestellt hatten, weil die Nachbarn so viel geheizt hatten, dass unsere Wohnung trotzdem warm gewesen war.

          1500 Euro für jeden

          Dass wir in eine Falle getappt waren, war uns längst bewusst. Wir versuchten dennoch alles: Ließen die Heizungsventile kontrollieren, gingen zum Mieterschutzbund, der uns letztlich versicherte, dass dort etwas nicht stimmen konnte: „Zwei Personen mit 45 Quadratmetern Fläche können keine 3000 Euro verbrauchen, egal wie viel man heizt! Es sei denn, man hat eine Hanfplantage in der Wohnung“, scherzte der Anwalt vom Mieterschutzbund. Da das auch nicht der Fall war und wir auch nicht mehr darüber lachen konnten, zogen wir sogar eine Anwältin für Mietrecht hinzu, die uns dasselbe versicherte, aber nichts Aussagekräftiges zugunsten unserer Entlastung fand.

          Auch beim Fernsehen haben wir uns gemeldet - alles ohne Erfolg. Letztendlich mussten wir die Rechnung zahlen. 1500 Euro für jeden von uns. Wir selber konnten das Geld natürlich nicht aufbringen und danken unseren Eltern noch heute für die Unterstützung. Das Abstottern der Rechnung war eine finanziell anstrengende Zeit.

          Neue Wohnung, neuer Versuch

          Für uns steht fest, dass dort jemand Unseriöses am Werk war und bis heute ist. Denn vor einigen Monaten bekamen wir einen Anruf von einer ehemaligen Nachbarin, die nach wie vor in diesem Haus wohnt. Sie musste 1800 Euro nachzahlen und das, obwohl sie die Heizung fast nie angestellt hatte.

          Eineinhalb Jahre nach dem Debakel wohnen wir in einer neuen Wohnung und unsere anfängliche Idylle ist wieder hergestellt. Unser Goldstück ist die Gasetagenheizung, mit der wir alles genau beobachten und kontrollieren können. Bei unverändertem Heizverhalten mussten wir in unserer neuen 60-Quadratmeter-Wohnung nie mehr als 100 Euro nachzahlen. Und mit unseren neuen Nachbarn sind wir auch befreundet.

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