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Epigraphikerin : Schwamm drüber, liebe Götter, wir fangen neu an!

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Erst forschte sie im Nationalmuseum in Rom, dann im Schweizer Büro: eine deutsche Epigraphikerin liebt Latein und entschlüsselt Schriften.

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          Ihre Arbeit und ihr Aussehen sind wie zwei Paar Schuhe, denn das Forschungsprojekt würde man niemals als „zierlich“ bezeichnen. Die gebürtige Deutsche Bärbel Schnegg aus Trogen in der Schweiz ist leidenschaftliche Lateinerin und hat sich nebst ihrer Tätigkeit als Lehrerin an der Kantonsschule intensiv mit zwei bestimmten römischen Inschriften auseinandergesetzt. Sie ist Epigraphikerin, ein Beruf, der sich mit schriftlichen Zeichen auf verschiedenen Materialien, wie beispielsweise Stein, Holz, Metall, Leder und Glas, beschäftigt. Seit 1890 rätseln Forscher an der Zusammensetzung und am Inhalt einer augusteischen und severischen Monumentalinschrift. In diesem Jahr fand man bei der Begradigung des Tiberufers die ersten Fragmente einer Inschrift, die ursprünglich etwa fünf Meter hoch, 1,40 Meter breit und 60 bis 70 Zentimeter tief war. Darüber hat Bärbel Schnegg nach langer, harter Arbeit ein Buch verfasst, in dem die 65-Jährige ihr zusammengestelltes Puzzle vorstellt und übersetzt. Mehr als sieben Jahre forschte sie die meiste Zeit in ihrem Büro in ihrem gemütlichen Haus in Trogen. Das ist vollgestopft mit dicken, schweren Büchern, die der zierlichen Frau helfen sollten, die komplexen Rätsel zu lösen.

          Als Mädchen notierte sie Inschriften an Bauernhäusern und Scheunen

          Nach der staubigen Sortiererei der Fragmente im Nationalmuseum in Rom arbeitete sie den ganzen Tag an ihrem Computer und zerbrach sich den Kopf über den Fotos der römischen Fundstücke. Die Bilder müssen dabei eine hohe Auflösung haben. Wenn sie dann, nach stundenlangem Buchstabenzählen, immer noch nicht weiterwusste, verschlug es sie in die nächste Bibliothek. „Die guten Ideen sind mir meistens gekommen, wenn ich weit weg vom Schreibtisch war.“ Schon als kleines Mädchen ging sie oft Inschriften entschlüsseln und sammeln. Im niedersächsischen Hemmendorf gab es viele Bauernhäuser oder Scheunen, die mit geschnitzten Inschriften verziert waren, Bärbel Schnegg saß mit ihrer Freundin davor und kritzelte alles genau in ihr Schulheft. Das Heft ist im Laufe ihrer Kindheit leider verlorengegangen. Trotz alldem war sie sich nie sicher, was sie genau werden wollte, aber eines stand fest: niemals etwas mit Medizin und Therapie. Schlussendlich hat sie Philosophie, Griechisch, Latein, Alte Geschichte und Editionswissenschaften in Göttingen, Bern, Zürich und München studiert. Sie hatte dabei auch noch zwei Söhne, die sie während des Studiums großziehen durfte. Voller Leidenschaft erzählt sie von ihrer Zeit in Rom im Jahr 2014, wo sie die verschiedenen Teile der Marmorblöcke mit den Restauratoren zusammensetzte. Weitere Fragmente der severischen Inschrift wurden total zerbröselt in einer zweiten Fundphase im Jahr 1931 bei einer Baustelle in Rom gefunden. Bärbel Schnegg beschäftigt das Thema schon, seit sie 27 Jahre alt ist. Die erste Inschrift, die sie zusammengesetzt und übersetzt hat, war die augusteische aus dem Jahre 17 v. Chr. Von dieser Inschrift gab es zwölf größere Steinbrocken. Es war eine „kleinere“ Herausforderung, diese zu entschlüsseln. Die zweite nun, über die sie jetzt mit der anderen Inschrift ein weiteres Buch veröffentlicht, ist die severische Inschrift aus dem Jahr 204 n. Chr., die aus mehr als 100 Puzzleteilen besteht. Aus diesem Grund wurde sie vom Nationalmuseum in Rom angefragt, ob sie nicht helfen wolle, das Puzzle zusammenzusetzen. Natürlich haben das schon Leute vor ihr versucht, wie zum Beispiel Mommsen 1891 und auch noch andere später, aber mit der neuen Aufstellung im Nationalmuseum, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden sei eine neue Edition wichtig geworden.

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