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Emanzipierte Flüchtlingsfrau : „Ich bin eine Frau und kann das auch!“

  • -Aktualisiert am

Vom unterdrückten Mädchen im Libanon zur selbstbewussten Frau in Deutschland - Marcelle König aus Cloppenburg hat einen langen Weg bewältigt.

          Ich bin eine Frau!“, betont die 52-jährige Christin Marcelle König aus Cloppenburg, während sie über ihre Flucht nach Deutschland berichtet. Als Mädchen oder Frau ist und war es in ihrer Heimat schon immer schwer, selbständig Entscheidungen zu treffen, die auch das Umfeld – vor allem die Männer – akzeptieren. Marcelle ist in Beirut im Libanon aufgewachsen und ging dort zur Schule. Mit ihrer Schwester und ihren drei Brüdern lebte sie in einer Zweizimmerwohnung, bis 1975 der Bürgerkrieg anfing und ihre Familie im Keller Schutz suchen musste. In dieser Zeit war es nur sporadisch möglich, die Schule zu besuchen, und es ereigneten sich viele grausame Dinge. „Es gab Scharfschützen, einmal schlug nur fünf Zentimeter über meinem Kopf eine Kugel in die Wand ein, zudem wurde die obere Etage über unserer Wohnung durch eine Rakete zerstört.“ 1977 wurde ihr Vater schwer verwundet.

          Im Libanon hat sie sich schon früh auf einen Mann eingelassen, der bewusst die „alte“ Kultur lebte. Für Marcelle bedeutete dies, dass ihr Mann ab dem Zeitpunkt über ihr Leben bestimmte und sie nicht mehr zurück in ihre eigene Familie konnte. „Ich sah das aber durch die Augen einer Heranwachsenden und konnte nicht abschätzen, was das für mich letztendlich hieß“, erinnert sie sich. Da der Krieg andauerte und ihr Leben aufgrund ihres christlichen Glaubens in Gefahr war, flüchtete sie mit 24 Jahren. Mit auf den Weg machten sich ihr Mann, dessen Bruder und die Frau des Bruders. Als sie 1990 in Ost-Berlin angekommen war, gelangte sie mit einem Bus nach Berlin-West. „Wir haben uns dort bei der Polizei gemeldet und wurden in ein Aufnahmelager nach Braunschweig gebracht.“ Später ging es für sie nach Bodenteich im Landkreis Uelzen.

          „Frauen sind für ihn nichts wert“

          Der Anfang in Deutschland war schwer. „Es gab keine Sprachkurse oder sonstiges dieser Art. Außerdem durften wir in der ersten Zeit nicht arbeiten.“ Mit Wörterbüchern erlangte sie Grundkenntnisse der deutschen Sprache und durfte schließlich arbeiten. „Ich konnte mir die Arbeit aber nicht aussuchen, ich musste machen, was mir zugewiesen wurde.“ Zu diesen Aufgaben gehörte die harte Arbeit im Schlachthaus, wie Zerlegen und Fließbandarbeit. In vier Schlachthöfen hat sie gearbeitet. „Mir wurde immer nur gesagt: Geh arbeiten!“ Wenn sie nicht arbeiten würde, dürfe sie nicht bleiben. Die Möglichkeit, eine Ausbildung anzufangen, habe man ihr nie gegeben.

          Durch die Akkordarbeit trug ihr Körper große Schäden davon. Nach acht Jahren Arbeit bekam sie ihr unbefristetes Aufenthaltsrecht. „Doch dafür ist mein Rücken jetzt kaputt“, erklärt sie. Die vergangenen Jahre haben aus der einst so schüchternen Libanesin eine selbstbewusste Frau gemacht, die nach Jahren von Unterdrückung und Schmerz endlich das tun kann was sie gerne möchte. Ihr Lebensmotto ist: „Ich bin eine Frau, und ich kann das auch.“ 2003 wurde Marcelle geschieden, das aber auch erst, nachdem sie die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt hatte, da dadurch das Scheidungsverfahren einfacher war. Die Scheidung beendete eine jahrelange Zeit von Unterdrückung, körperlicher Gewalt und psychischem Terror. „Obwohl er Christ ist, hat er die Verhaltensweisen arabischer Männer verinnerlicht, und Frauen sind für ihn nichts wert.“

          Daran zerbrechen Familien

          Ein Jahr später heiratete sie ihren jetzigen Mann und bekam eine Tochter. Aufgrund ihres lädierten Rückens erhielt sie über die Rentenversicherung eine Umschulung zur Altenbetreuerin. Nebenher ist sie bei den Integrationslotsen in Cloppenburg aktiv und wurde zu Beginn der Flüchtlingskrise gefragt, ob sie bei der Erstaufnahme als Sprachmittlerin tätig sein möchte. Seitdem ist sie für den Landkreis Cloppenburg und das Rote Kreuz tätig. Für Marcelle bedeutet dies nicht nur Übersetzen: „Ich bin auch eine Art Mediatorin in schwierigen Fällen.“ Es sei nicht einfach, konservativ geprägte Familien an die deutsche Lebensweise und Werte heranzuführen. Das bereitet große Probleme, beispielsweise wenn syrische Frauen versuchten, ihre neuen Freiheiten gegen ihre Männer durchzusetzen. Auch dass der Mann keine Bestätigung mehr bekomme, dass er ein Mann ist, also nicht mehr über die Frau bestimmen könne, berge großes Konfliktpotential, was zu Aggressionen innerhalb der Familien führe bis hin zu Körperverletzung und Schlimmerem. „An diesen schwierigen Fällen drohen Familien zu zerbrechen. Viele dieser Fälle kann ich daher nicht öffentlich lösen und muss mich privat noch mit den Betroffenen verständigen.“ Darüber hinaus ist sie für verschiedene Ämter außerhalb des Landkreises tätig, so als Unterstützung für die Kriminalpolizei, vor Gericht und bei der Überprüfung von Unterlagen für Standesämter. Dabei habe sie auch schon Unterlagen gesehen, die falsch übersetzt wurden.

          „Ich bin Deutschland dankbar für die Sicherheit und die Möglichkeiten, die es mir gegeben hat, mein Heimatland konnte mir das leider nicht bieten.“ Dankbar ist sie auch Gott, der ihr immer nahe war und zu dem sie jeden Abend betet. Sie hat für sich selbst aus beiden Kulturen das Beste übernommen. „Es ist nur schade, dadurch weiß ich nicht, wohin ich richtig gehöre, mein Herz ist gespalten.“ Mindestens einmal im Jahr besucht sie ihre Mutter im Libanon. „In Deutschland bin ich für viele noch immer eine Ausländerin, obwohl ich den deutschen Pass habe, im Libanon bin ich die Deutsche.“

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