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Einradfahren : Mit dem Einrad über 14 Pässe der Via Alpina

  • -Aktualisiert am

Mathematikstudentin Lorena liebt das Einradfahren und abenteuerliche Touren durch die Schweiz. Sie hat vier Räder und viel Schwung. Was auch an ihrer Großmutter liegt.

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          Egal, ob für den Weg zur Uni, zu Trainings, abends nach den Mathevorlesungen, für die Abenteuer an den Wochenenden in den Bergen oder die Durchquerung der Schweiz – ihr Einrad hat Lorena Schwerzmann stets bei sich. Selbst das „O“ ihrer Unterschrift wurde zum Einrad umfunktioniert. „I han gar keis Velo me“, lacht sie. Einräder hingegen hat sie gleich vier in Gebrauch. Die naturnahe 17-Jährige ist Extremeinradfahrerin. Sie beschreibt mit strahlenden Augen die beiden Disziplinen, für die sie sich Tag für Tag ins Zeug legt: das Mountain Unicycling, kurz „Muni“, und das Trialfahren. Muni ist die Parallele zum Mountainbiken, bloß dass die Strecken mit dem Einrad zurückgelegt werden. Bei Trial geht es darum, Hindernisse zu überwinden. In der Schweiz gibt es einige Velotrialclubs. Lorena trainiert wöchentlich im Velotrialclub Zürich.

          Anstrengung und Adrenalinkick

          Wie die Mathestudentin mit den kurzen, kaffeebraunen Haaren zu ihrem Hobby gekommen ist, muss sie oft erzählen: „Meine Großmutter hat mir zu Weihnachten, als ich neun war, ein Einrad anstelle eines iPods geschenkt. Mittlerweile bereut sie es hin und wieder, auch wenn ich mich noch nie ernsthaft verletzt habe. Ich finde, es ist das Beste, was sie je gemacht hat, denn mir gefällt die physische Anstrengung in Kombination mit dem Adrenalinkick. Zudem ist der Zusammenhalt unter den Einradfahrern wunderschön, denn meine größte Konkurrentin ist gleichzeitig meine beste Freundin.“

          Es ist ein windiger Nachmittag vor der Universität Zürich. Da Lorena früher eingeschult wurde, ist sie eine der Jüngsten an der Uni. „Ich liebe das Gefühl, wenn ich etwas überhaupt nicht verstehe, und dann plötzlich geht alles auf, und es erscheint logisch.“ Einst möchte sie liebend gerne Bergführerin werden. „Ich mache generell immer, auf was ich Lust habe, und ich behalte gerne im Auge, welche Ziele ich mir gesteckt habe. Ich verbringe meine Zeit am allerliebsten draußen, egal, ob mit dem Einrad, kletternd oder im Winter auf Skitouren.“ Ob mit Freunden zusammen oder allein, der abenteuerlustigen Einradfahrerin werden die Ideen wohl so schnell nicht ausgehen. Vergangenen Sommer hat sie sich auf ein zwölftägiges Abenteuer auf ihrem Einrad eingelassen. Die „Via Alpina“, einen berühmten Wanderweg, hat sie mit dem Einrad zurückgelegt. Die 390 Kilometer lange Strecke von Vaduz nach Montreux führt über 14 Alpenpässe und 23 000 Höhenmeter. Ihre eigene Definition von Abenteuer hat sie hiermit sicherlich erfüllt: „Es darf nicht alles unter Kontrolle und darf auch noch nicht so oft gemacht worden sein. Zudem finden die meisten Abenteuer draußen statt. Ah ja, und dann hat es auch noch geschneit, als ich auf der Via Alpina unterwegs war. Ich war während des Kälteeinbruches Ende August unterwegs. Beim Planen hätte ich niemals an Schnee gedacht. Schlussendlich lag auf vier der 14 Pässe Schnee. Und ich hatte nur kurze Hosen und eine dünne Jacke mit“, berichtet sie und lacht laut. Sie blickt auf die leicht hügelige Landschaft. Dort am Horizont wird bald schon die blass leuchtende Sonne untergehen, und ebenda wartet sichtlich auch schon das nächste Wagnis auf die 1,68 Meter große Sportlerin. Sie betont, wie dankbar sie sei, in der Schweiz leben zu dürfen.

          Sommerwochen auf der Alp

          Durch die Schweizerische Eidgenossenschaft schlängeln sich auf 41 285 Quadratkilometern rund 65 000 Kilometer Wanderwege, schwärmt sie. Doch das Einrad ist nicht ihr einziger Weggefährte. Ihre kurzen Shorts, deren Farbe eine Mischung aus Himmelblau und Lichtblau ist, begleiten sie fast genauso häufig auf ihren Entdeckungsfahrten. Wenn die junge Frau für ein Abenteuer packt, braucht sie nicht viel: die Shorts, ein Einrad sowie ihren Willen, anderen zu helfen. So macht sich die Abenteurerin jedes Jahr in den Sommerferien für mehrere Wochen auf zur Alp. Die Alp, von deren Schönheit sie so schwärmt, liegt im Breccaschlund oberhalb des Schwarzsees im Kanton Freiburg. Dort hilft sie einer Bergbauernfamilie überall da, wo ihre Hilfe benötigt wird: beim Melken, beim Servieren im Restaurant oder beim Käsen. Zudem setzt sie sich für mehr Regionalität bei Lebensmitteln ein: „Ich denke, wir sollten wieder mehr unsere eigenen Karotten essen als die, welche eine halbe Weltumrundung gemacht haben bis zu uns in den Kühlschrank.“ Um den Planeten zusätzlich zu entlasten, entschied sich die ehrgeizige Lorena Schwerzmann, nur noch tierische Produkte zu sich zu nehmen, wenn sie auf der Alp ist und die Produkte auch dort produziert wurden. In ihrem Alltag von Universität und Einrad verzichtet sie lieber darauf.

          Trainieren macht sie glücklich

          Um gut durch ihre oft fordernden Tage zu kommen, muss die gebürtige Winterthurerin auf ihre Ernährung sowie auf ihr mentales sowie physisches Wohlbefinden achten. Sie meint nicht, dass ihr diese Herausforderungen über den Kopf wachsen: „Ich trainiere vielleicht fünfzehn Stunden in einer Woche, und doch habe ich nicht das Gefühl, etwas zu verpassen bei all meinen Trainingsstunden. Im Gegenteil: Ich denke eher, ich verpasse etwas, wenn ich nicht am Trainieren bin, denn immer dann bin ich am glücklichsten. Training ist generell ein Wort, welches so nach Pflicht klingt, aber das ist es für mich ja gar nicht.“ Lorena braucht Nerven, Geduld und Durchhaltevermögen, um ihre selbst gesetzten Ziele zu erreichen. Erkundigt man sich nach der Quelle ihrer Kraft, beantwortet sie die Frage mit ihrem typischen Grinsen: „Ich denke, es ist meine Leidenschaft für das, was ich mache. Natürlich ist es manchmal hart, aber das ist ja bei jeder Leidenschaft so.“

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