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Einmal selbst auflegen : Der Traum vom DJ

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg zum Disk-Jockey: Jugendliche am Yoyosonic Insitute im Karostar Musikhaus St. Pauli Bild: Florian Sonntag

Coole DJs legen auch heute noch Vinyl auf. Doch dazu gehört mehr, als nur die Platten drehen zu lassen: Scratchen, Fingerfertigkeit und ein musikalisches Gehör zum Beispiel. Wie man die Beats zum Klingen bringt, kann jeder lernen. Von Profis in Hamburg etwa.

          3 Min.

          Eins, zwei, drei, vier. Marc zählt halblaut im Takt des Hiphop-Beats, der von einer Vinylplatte durch den Raum schallt. Eins, zwei, drei, vier. Soll er schon? Nein, lieber noch einmal: eins, zwei, drei, vier. Nach vier schiebt er schnell den Regler des Mischpults nach links, die Musik verstummt, zeitgleich hebt er die Finger von der zweiten Platte, die sich zu drehen beginnt - und blickt ein wenig unsicher zu Maya. „Ja, fast“, lautet ihr Urteil. Das neue Lied ging zu spät los, auf „zwei“ statt auf „eins“, und ließ den Beat ein wenig holpern. „Der Trick dabei ist, die Platte ein, zwei Zentimeter weiter zurückzuziehen“, erklärt Maya dem Nachwuchs-DJ. „Das überbrückt die Zeit, die man mit dem Regler braucht.“ Marc versucht es wieder und schafft es fast ohne Holpern. Seine Lehrerin nickt anerkennend. Hat sie doch vorhin erklärt: Das Wichtigste beim Auflegen ist, dass man im Beat bleibt.

          „Ich mag Musik, die in Clubs läuft“, sagt Marc Jaeger später und meint damit Musik, die DJs auflegen. Wie House, Electro, aber auch Hiphop, wie ihn die Band The Roots spielt. Die hat der 14-Jährige schon live gesehen, bei einem Musikfestival in Chicago, und war besonders fasziniert vom DJ, der auf der Bühne mit Platten den Beat zauberte. „Ich habe mir nachher DJ-Videos bei Youtube angeschaut und dachte, das zu lernen wäre doch eine coole Idee.“

          Mehr, als bloß die Platten drehen zu lassen

          Im Internet suchte der Schüler nach einem „DJ-Kurs“ und landete auf der Website des yoyosonic instituts. Vor drei Monaten hat die kleine „Schule für DJing und Digital Music Production“ im Hamburger Karoviertel gestartet, sie nennt sich „das erste Institut dieser Art in Deutschland“ und ist Philipp Krebs' ganzer Stolz. Der 42 Jahre alte studierte Musiker hat erst für die Musikmesse Popkomm, dann fürs digitale Fernsehen gearbeitet - und sich nun mit dem Institut einen Traum erfüllt. „Mir ist wichtig, dass Menschen auch ohne musikalische Vorkenntnisse direkt loslegen können“, sagt der Gründer. Neben dem DJing kann man bei seinem Team lernen, eigene Musik am Computer zu programmieren, so „wie die meiste Popmusik eben produziert wird“. „Express yourself, produce your song“ heißt der beliebteste Kurs für Einsteiger, an dessen Ende man einen eigenen Song mit nach Hause nehmen kann - plus passende Software mit Soundschnipseln zum Zu-Hause-Weiterbasteln. Die Mädchen interessieren sich dabei für Harmonien und Gesang, sagt Krebs, Jungs stehen eher auf Beats und Bässe, wollen meist Hiphop-Stücke kreieren. Oder eben DJ werden, denn da, klar, geht es auch um Beats.

          Doch zum DJing gehört mehr, als nur Platten drehen zu lassen: Mixtechniken, Scratchen, Fingerfertigkeit und ein musikalisches Gehör. Maximal sechs können an einem viertägigen Beginner-Kurs teilnehmen, diesmal sind es nur zwei, Marc und sein Freund Benny, der spontan mitgekommen ist. Lehrerin Maya Consuelo Sternel hat pumuckelrote Haare, trägt eine Sweatshirt-Jacke und nennt sich als DJ Maya Princess. Schon Anfang der 90er hat sie Hiphop, Drum 'n' Bass und Electro aufgelegt, arbeitete danach in New York als Tontechnikerin mit Hiphop-Größen wie Run DMC oder Busta Rhymes.

          Wehe, der Beat stimmt nicht

          Von damals kennt Maya auch Grandwizzard Theodore, einen der ersten DJs. Sie erzählt, dass die DJs in den 70ern Takte von Rock- und Discohits ineinandermischten und so eigene Beats bauten - da ihnen der Rest der Songs meist zu nervig war. „Grandmaster Theodore hat das Scratchen erfunden“, sagt sie und wirft sein Bild an die Wand, „quasi per Zufall“. Als seine Mutter ins Zimmer stürmte und ihn bat, mit dem Krach aufzuhören, bewegte er genervt die mit den Fingern angehaltene Platte hin und her - das typische Kratzen war zu hören. „Babyscratch“ heißt das heute, die einfachste Variante des Scratchens, die DJs wie ein Rhythmusinstrument einsetzen - und das Marc und Benny jetzt ausprobieren sollen.

          Der Song „Komm schon“ von Deichkind liegt auf beiden Plattentellern, vor denen die Jungen stehen. „Wie heißt die Band, die die Pa, Pa, Pa, Pa, Party rockt“, tönt es bald durchs Studio. Marc und Benny drehen die Platten abwechselnd wild hin und her, grinsen sich an. Erst ist da nur Gequietsche, doch plötzlich klingt's wie bei einem Hiphop-Konzert. Maya erklärt, dass man die Platte am besten am Rand anfasst, so hat man mehr Spiel und kommt der Nadel nicht ins Gehege. Bei der Gelegenheit ermahnt Maya auch gleich, das bloß nicht mit Papas Plattenspieler zu versuchen, da der nicht fürs Rückwärtsdrehen gedacht ist. „Wir haben eh keinen Plattenspieler“, sagt Benny nachher, „aber wenn ich mal das nötige Kleingeld habe, würde ich mir schon gern einen professionellen kaufen.“ Obwohl er keine einzige Vinylplatte besitzt, die seien ja irgendwie ausgestorben, aber „ein DJ mit Platten hat am meisten Stil“.

          In der nächsten Woche sollen die beiden lernen, wie man am Computer mit MP3s auflegt - und die richtigen Songs dafür findet. Maya gibt direkt Hausaufgaben: Marc und Benny sollen Lieder aussuchen, die sie für Partys verwenden würden, und ihr Gehör trainieren, indem sie zwei Songs gleichzeitig laufen lassen. Das muss ein DJ nämlich auch können: mit einem Ohr der aktuellen Platte lauschen, mit dem anderen über Kopfhörer die nächste durchhören. Um dort den Anfang des Takts zu finden, die „eins“ von eins, zwei, drei, vier. Marc nickt. Er hat gelernt: Stimmt beim Übergang der Beat nicht, ist man kein vernünftiger DJ. Denn nur Platten laufen lassen - das kann eben jeder.

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