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Outing einer Frau : Nervös in den Urlaub

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Schon als Kind hatte sie andere Gefühle als die meisten Mädchen: Eine erwachsene Frau, die eine Frau liebt, über ihr keineswegs klassisches Outing.

          3 Min.

          Es gab keinen Moment, in dem ich an mir gezweifelt habe“, sagt die 39-jährige Renate Müller (Name geändert) über ihr Leben als homosexuelle Frau. Noch heute fällt es vielen Menschen schwer, sich zu outen. „Ich habe es schon ziemlich früh im Kindergarten gespürt, weil ich immer lieber mit Mädchen spielen und mich verabreden wollte.“ Seit einem frühen Alter weiß die junge Frau aus einem Ortsbezirk der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz, dass sie sich von Frauen angezogen fühlt. Ebenfalls erzählt sie mit einem Lachen, dass sie ihre alten Tagebücher gefunden habe und in diesen Liebesbriefe an ehemalige Klassenkameradinnen und Freundinnen. In ihren Jugendjahren hatte sie versucht, eine Beziehung mit einem Jungen aufzubauen, aber sie empfand einen männlichen Partner als „uninteressant“. Folglich ging die damalig 15-Jährige auf eine Beziehung mit einem Mädchen ein.

          Die Mutter kam von selbst auf sie zu

          Ein klassisches Outing habe es nicht gegeben, da die Mutter von selbst auf sie zugekommen sei. Einst besuchte sie eine Freundin auf Mallorca und nahm eine weitere Freundin als Begleitung mit. Wie der Zufall es so wollte, verliebte sie sich in ihre Begleitung und war vor dem Urlaub nervös. Das habe ihre Mutter bemerkt und sei so darauf gekommen. Aber auch die Begleitperson habe es nach kurzer Zeit mit einem Liebesbrief, den sie heute noch aufbewahrt, erfahren. Diese reagierte eher interessiert und nicht abgeschreckt. Bis heute sind die beiden gute Freundinnen. Selbst Jahre später war das Outing noch nicht zu Ende, denn die Familie wurde größer. Ein Beispiel ist ihr Schwager, bei dem die Reaktion vorher nicht klar vorhersehbar gewesen sei. Das Outing fand während der Autofahrt statt, als ihre Schwester einfach sagte: Los, erzähl mal! Es gibt keinen Ausweg mehr, und die Interviewpartnerin outet sich. Grinsend erzählt sie, dass es einen Schockmoment gegeben und ihr Schwager vier Ausfahrten verpasst habe. Sie vermutet, „dass er es nicht als prickelnd empfand, aber sich nun abgefunden hat“. Des Weiteren ist Renate Müller der Meinung, dass diese sexuelle Orientierung oftmals bei Männern nicht als ernst angenommen wird und Sprüche kommen wie: „Da hattest du wohl mich noch nicht als Mann.“ Insgesamt habe sie aber „keine wirklich negativen Erfahrungen“ gemacht.

          Auf der Feier erschienen sie als Frauenpaar

          In einer Statistik, veröffentlicht von Statista Research Department, geben 28,9 Prozent von 2835 Befragten an, dass sie mit allen Kollegen und Kolleginnen über ihre sexuelle Identität sprechen können. Müller hat auch in ihrem Beruf bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht und geht offen damit um. Bei einer Einweihungsfeier kam sie mit ihrer Freundin, und alle konnten sehen, dass sie ein Frauenpaar sind. Ein Teil der Kollegen und Kolleginnen war neugierig und fragte, wie das Leben zusammen sei, während ein anderer Teil bis heute nicht mit ihr darüber geredet habe. Renate Müller berichtet, dass sie sich im Urlaub abhängig vom Land verstellt. Ein Beispiel ist ihre Reise nach Sri Lanka mit ihrer damaligen Partnerin. „Wir haben keine Händchen gehalten und uns nicht geküsst aus Respekt und Angst.“ Auch in Deutschland achtet sie am Anfang darauf, nichts zu sagen, wie sie nach Überlegung zugibt. Doch sagt sie heute: „Das bin ich! Wenn mich jemand nicht akzeptiert, dann kann ich auch nicht helfen, denn ich fühle mich pudelwohl.“ Außerdem stellt sie klar, dass sie bei einer Wiedergeburt genau die gleiche Person sein möchte, da sie mit ihrem Leben wunschlos glücklich ist. Nach einer kurzen Pause lacht sie und wird emotional: „Ich lache, weil ich Gänsehaut habe, da ich das einfach sagen kann.“ Trotz allem ist ihr bewusst, dass viele Menschen nicht Ähnliches sagen können.

          „Nimm dein Kind in den Arm“

          Ihre Freundin und sie haben einen Sohn, der aus der vorherigen Beziehung der Freundin stammt. „Es ist etwas ganz Schönes, dass ich nicht als Elternteil zähle, aber als Erziehungspart. Wir geben uns gegenseitig tolle Sachen mit, und wir machen das großartig gemeinsam.“ Zusätzlich gehe es darum, dass das Kind Liebe bekommt. Ob es zwei Frauen oder Männer seien, sei völlig egal, findet sie. Wie Eltern reagieren sollten, wenn ihr Kind sich outet? „Nimm dein Kind in den Arm und sag: Ich bin stolz auf dich. Ich liebe dich. Mach das, was dich glücklich macht, denn ich werde dich bei allem unterstützen.“ Schlussendlich hat Renate Müller noch Tipps für Menschen, die Angst davor haben, sich zu outen. Sie denkt, dass man sich die Sexualität nicht verbieten solle, da man sonst viele schöne Momente verpassen kann. Wenn man sich traut, dann warten ganz viele Momente auf einen. „Es muss in einem selber Klick machen, und ich hoffe, dass es bei jedem Klick macht.“

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