https://www.faz.net/-gum-9k6cx

Ein früherer Neonazi berichtet : 24 Stunden radikal

  • -Aktualisiert am

Bild: Philip Waechter

Einsteigen, umsteigen, aussteigen: Ein früherer Neonazi spricht vor Schülern über seinen Wandel.

          Schon bevor wir den Ausstieg öffentlich gemacht haben, gab es eine massive Bedrohungswelle, als sich in der Szene herumsprach, dass ich ein Verräter sein könnte. Es hat sich so zugespitzt, dass wir mittlerweile, was ich sehr eklig finde, als Familie bedroht werden.“ Felix Benneckenstein, Ex-Neonazi und ehemals unter dem Namen „Flex“ auftretender Rechtsrock-Liedermacher, berichtet Schülern im Bayernkolleg in Schweinfurt. Den Ausstieg aus der Szene erleichterte ihm die Organisation „EXIT-Deutschland“, für die er arbeitet. Die Initiative hilft Menschen aus dem Rechtsextremismus in ein neues Leben. Benneckensteins Sympathien für die nationalsozialistische Ideologie waren, so sagt er, in „einer Rebellion gegen sein linksliberales Elternhaus“ begründet. Auch ein Schulabbruch trug zur Empfänglichkeit des damals 15-Jährigen für das rechte Gedankengut bei. „Dadurch konnte gut auf vorhandene Bildungslücken aufgebaut werden“, erklärt der Mann mit der hellen Hose und dem schwarzen Pulli. Als er das erste Mal gehört habe, es hätte keine Gaskammern gegeben, habe es ihm „die Augen verdreht“. Dass Bücher wie „Mein Kampf“ verboten waren, bekräftigte ihn in diesem Glauben. „Das Verbot sahen wir als Vertuschungsaktion des Staates. Je öfter du solche Verschwörungstheorien hörst, desto weniger absurd klingen sie. Darüber hinaus ist der Vorgang der industriellen Vernichtung von Menschen schwer vorstellbar.“ Eine Begegnung blieb ihm besonders in Erinnerung: „Die NPD-Vorsitzende von Erding-Freising war damals eine 103-jährige Zeitzeugin, der man glaubte, wenn sie einem in die Augen schaute und erzählte, dass es nie einen Vergasungswillen gegeben habe, dass nicht alles okay war, aber dass man nur für Arbeit und Brot gekämpft habe und doch mitbekommen hätte, wenn es zu Massenvernichtungen gekommen wäre.“

          Aufhetzen mit seiner Musik

          In der Szene schrieb er Songs und trat als Rechtsrock-Künstler auf Festivals und in Gasthäusern auf. Nebenbei schlug er sich mit Kurzzeit-Jobs durch. Später gab es auch Geld für Auftritte. „Der Kampf war wichtiger als der eigene Wohlstand, man lebt nach der Parole: Nichts für dich, alles für Deutschland.“ Wie aktiv er in der Neonazi-Szene war, kann man seinen Berichten entnehmen: „Ich habe Leute eingeschüchtert und den Holocaust so oft wie möglich geleugnet, Propaganda betrieben, in Dorfen bei Erding Aufmärsche organisiert und mit meiner Musik massiv aufgehetzt. Das alles empfand ich als Freiheitskampf.“ Als einen großen Radikalisierungsschritt bezeichnet er seinen Umzug nach Dortmund 2007. „Die Szene ist dort größer und hat sogar Betriebe, in denen Nazis arbeiten können – unangemeldet natürlich –, außerdem sind die Mieten dort günstiger.“ In einer Kneipe kam es zu einer prägenden Begegnung: „Ein Typ, der mich erkannte, gab mir seine Nummer und meinte, ich solle ihn anrufen. Es ertönte ein Song von mir als Klingelton. Ich fühlte mich wie ein Superstar.“

          Auch vor Träumen oder der Partnerwahl macht die Ideologie nicht halt. „Denn du bist ein schlechter radikaler Mensch, wenn du nicht 24 Stunden am Tag radikal bist. Ich wollte eine nationalsozialistische Freundin haben, die die Ideologie versteht und hinter mir steht, wenn ich mal im Knast sitzen würde.“ Diese fand er in seiner jetzigen Frau Heidi. Lachend stellt er fest: „Als wir zusammengekommen sind, ging es nur noch bergab mit der Radikalisierung, nur noch Richtung Ausstieg.“ Es gab keinen Schlüsselmoment, der den Prozess einleitete, aber „die richtigen Nadelstiche zur richtigen Zeit“.

          Vorbestrafte Gewalttäter beaufsichtigten die Kinder

          inen dieser Nadelstiche stellten die Erzählungen seiner Freundin über ihre Kindheit dar. Beide wurden im Münchner Umland groß. „Meine Frau wuchs in einer Nazi-Familie auf“, erzählt er bedrückt. Sie musste am Wochenende an Trainingscamps der 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend e.V. teilnehmen. „Die Lageraufsicht in solchen Camps bestand aus vorbestraften Gewalttätern. Kinder in einer solchen Familie zu Nazis zu erziehen hat leider eine Erfolgsquote von nahezu 100 Prozent.“ Ihr Vater hortete Essensrationen im Keller, das Mädchen hatte schlaflose Nächte, weil sie Angst vor einer Invasion der Amerikaner hatte. Sie glaubte natürlich der Propaganda ihrer Eltern vom „Scheinfrieden“ in Deutschland und dass sie in die Schule gehen müsse, um die Lügen über das Deutsche Reich und Volk zu erfahren. „Sie wurde durchgehend mit Gewalt und Hetze gebrieft. Heidi wurde ihrer Kindheit beraubt!“ Zu diesem Zeitpunkt erkannte er, wie viel Glück er mit seinen Eltern hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.