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Ein früherer Neonazi berichtet : 24 Stunden radikal

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Dazu kam die Gewaltbereitschaft in der offensiven Dortmunder Szene, in der man stolz auf den dreifachen Polizistenmord durch den Neonazi Berger war, der 2000 begangen wurde. „Es wurden T-Shirts gemacht mit dem Aufdruck: Berger ist einer von uns – drei zu eins für Deutschland.“ Fünf Jahre später wurde ein Punk umgebracht, „der nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Mehr hatte der nicht getan.“ Innerhalb der Szene bildeten sich verschiedene Strömungen, zwischen denen es zu Schlägereien kam. „Ich stellte mich auf die Seite einer weniger radikalen Gruppe und wurde dann aus Dortmund verjagt. Da ich mich an diesem Abend gegen die Ideologie entschieden hatte, war ich per Definition ein Verräter.“ Nach und nach begannen er und seine Freundin Aspekte der Ideologie abzubauen, etwa deren Einstellung gegenüber Behinderten. „Da habe ich jahrelang weggehört. Mein Bruder hat Trisomie 21. Ich erkannte, dass ich von einer Überzeugung besessen war, die gegen meinen Bruder kämpft.“

Jung, orientierungslos, radikalisiert

Seinen letzten Auftritt als Nazi hatte er vor acht Jahren, drei Jahre vor dem Ausstieg besuchte er aus Scham keine einzige Demo mehr. Ein schwieriger Schritt, da man seinen Freundeskreis aufgibt und verlässt. „Wer will schon alle seine Kumpels enttäuschen?“ Ihm half der zweite Bildungsweg, für den er sich entschied. „Und das auf Kosten des Staates, den ich mal verachtete.“ Benneckenstein wohnt wieder in München, wo er sich sicher fühlt, und will studieren. Heute werde ihm „ganz anders“, wenn er sich frage, wie viele orientierungslose junge Leute sich seine Musik so zu Herzen genommen haben, dass sie radikalisiert wurden. Eine Begegnung mit einem Journalisten nach einem Vortrag ist ihm im Gedächtnis geblieben: „Er hat mich angesprochen und gefragt, ob ich zufällig wisse, wer hinter der Verbreitung von Flyern über ihn vor einigen Jahren stecke. Zufällig wusste ich es nicht nur – ich bin es selbst gewesen. Nach meinem damaligen Verständnis waren Journalisten Täter, Teile des Staates, der uns unterdrückt. Auf den Flyern hatte ich gefaked, dass ich seine Adresse kenne. Ich hatte echt Glück, dass er das psychisch so gut wegstecken konnte. Schon das zeigt, für wie viele Dinge man sich schämen muss.“

Er saß im Jugendarrest, ermittelt wurde nicht

Seine Eltern haben sich gesorgt, dass ihm etwas passiere oder dass er anderen etwas antue, sie hatten das Gefühl, versagt zu haben. Der Kontakt gestaltete sich schwierig. „Seit wir ihnen aber erzählt haben, dass sie Großeltern werden, ist eh alles in Ordnung.“ Bis jetzt hat Benneckenstein es nicht geschafft, sich mit seiner Gitarre hinzusetzen ohne Flashbacks zu bekommen: „Ich fühle mich einfach nicht wohl in der Rolle des musizierenden Ex-Nazi-Musikers.“ Vielleicht ändert das sein Sohn: „Ihn fasziniert die Gitarre.“

Man hört eine leise Kritik an den Institutionen der Judikative, als Benneckenstein über seine Straftaten spricht: „Mein Führungszeugnis liest sich, als wäre ich Punk oder Fußballfan einer unbeliebten Mannschaft: zigmal Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, paarmal Landfriedensbruch und Beleidigung – sonst nichts!“ Er saß oft im Jugendarrest, bemängelt aber, dass wegen offensichtlicher Straftaten nicht ermittelt wurde. „Ich habe eine Gruppe ausgerufen und Erding vollgeschmiert, da hätte man mich schon mal erwischen können, so schlau war ich dann auch wieder nicht.“ Dafür wurde er für Dinge verurteilt, die er nicht begangen hatte. „Es hat mir nicht viel geschadet, ich dachte jedoch damals, dass der Staat so viel Angst vor meinen Wahrheiten hat, dass er solche Sachen inszenieren muss – so hat das Bild wieder für mich gestimmt.“

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