https://www.faz.net/-gum-ac7j9

Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe : 50 Telefonate für „Mama Maria“ und ihren Mann

  • -Aktualisiert am

Ein betagtes und tief religiöses Ehepaar im Rhein-Main-Gebiet bemüht sich um ein Stück Heimat für die Heimatsuchenden und bemüht sich besonders, um Kinder zu integrieren.

          3 Min.

          Mama Maria, I love you“, hat ein Mann aus Afrika gesagt, den sie 1992 auf der Straße getroffen hat. Sie hat mit ihm geredet und ihn zu einer gemeinsamen Tasse Kaffee eingeladen. Seit jenem Tag trägt sie den Spitznamen „Mama Maria“. Maria Schwabs Augen leuchten, als sie dies erzählt. „Es ist uns nichts zu viel“, sagt die 87-Jährige, die seit 28 Jahren die Flüchtlinge im Flüchtlingsheim Klein-Krotzenburg betreut. Für sie ist die Arbeit mit den Flüchtlingen eine „wunderbare Aufgabe“. Sie findet es großartig, „dass man so eine enge Verbindung hat“. Tag für Tag übernimmt sie verschiedene Aufgaben, um den Menschen seelisch, moralisch und materiell zu helfen. Kleidung und Möbel besorgen, Rechtsanwälte suchen, Arztbesuche organisieren, Schwangere begleiten und einfach nach den Leuten zu schauen sind nur ein paar Dinge ihres Alltags.

          Gartenidylle und Krisengebiete

          Sie und ihr Ehemann Edmund, früherer Küster und Pfarrsekretär, wohnen in einem Häuschen in Hainburg, einem Städtchen im Rhein-Main-Gebiet nahe Hanau. Das Sonnenlicht bricht sich in vielen saphirblauen Flaschen, die überall im Garten liebevoll dekoriert sind und der Natur einen frischen Glanz verleihen, als würde Meerwasser fließen. Diese Idylle steht im Kontrast zu den Heimatländern vieler Flüchtlinge, die aus Krisengebieten in Syrien, Afghanistan, Nigeria und vielen anderen Regionen der Welt stammen. Das Flüchtlingsheim darf wegen der aktuellen Corona-Pandemie niemand betreten, neue Flüchtlinge dürfen nicht kommen. „Die ganze Zeit war das gestoppt“, erklärt Edmund Schwab. Anfangs sei man auch wegen der Hygienevorschriften skeptisch gewesen, aber die Menschen seien sehr vorsichtig und wüssten, worum es geht. Auch Sozialarbeiterinnen dürfen das Heim nicht betreten, deshalb wenden sich viele telefonisch an das Ehepaar. Das ist allerdings nicht erst seit der Pandemie der Fall. „Manchmal sitzen wir stundenlang“, sagt Edmund Schwab. „Aber wir nehmen uns die Zeit, weil es wichtig ist.“ In der Regel seien es in der Woche mindestens 40 bis 50 Gespräche.

          Ab und zu liegen Spenden im Briefkasten

          Wie aufs Stichwort klingelt das Telefon, Maria Schwab verschwindet im Haus. Das Ehepaar ist von den vielen Gesprächen nicht genervt, im Gegenteil: „Es ist schon viel Zeit. Das gehört einfach zu unserem Leben dazu“, meinen die beiden ernst. Auf die Frage, ob sie auch Unterstützung und Anerkennung von anderen bekommen, antwortet das tief religiöse Paar: „Die Kosten werden gut durch Spenden abgedeckt.“ Ab und zu liege auch ein Briefumschlag mit einer Spende im Briefkasten, manche böten alte Möbel oder Kleidung an, um zu helfen.

          „Du hast ja auch mal ein paar Briefe gekriegt, in denen du beschimpft wurdest“, sagt der 85-Jährige an seine Frau gewandt, die mit dem Integrationspreis des Kreises Offenbach ausgezeichnet wurde. Doch solche Briefe können sie nicht erschüttern und im Großen und Ganzen freuen sich die Leute mit ihr. Fünf ihrer zehn Enkelkinder studieren soziale Arbeit, „mehr Belohnung kann man sich gar nicht vorstellen“, erzählt Maria Schwab stolz. Außerdem führt sie sich in schwierigen Situationen immer vor Augen: „Es kann mich nicht erschüttern, weil ich dann denke, wer weiß, wenn man selbst in so einer Situation wäre.“ Im Garten und auf der Terrasse finden sich viele Figuren aus Metall und Porzellan, die den Eindruck verstärken, dass die Bewohner des Hauses weltoffen und freundlich sind. Die liebevolle Dekoration spiegelt, so meint man, die Liebe dieser beiden zu allen Menschen.

          Aus dem bombardierten Haus

          Das Paar gibt sich viel Mühe, Kinder zu integrieren. So gehen viele in den Turnverein, zum Fußball oder Ballett. Drei Wochen nach ihrer Ankunft in Klein-Krotzenburg dürfen sie zudem die Schule besuchen. Für die Eltern gibt es Deutschkurse, ein Sommerfest, eine Adventsfeier und Ausflüge in den Wildpark oder zum Eislaufen. Soweit das aktuell möglich ist. Oft kommen die Flüchtlinge zu ihnen nach Hause. Durch das Vertrauensverhältnis erfahren die Schwabs viel über das Schicksal der Menschen. Eine Familie, deren Haus in Pakistan bombardiert worden ist und die nun ein schwerbehindertes Kind hat, ist Maria Schwab besonders ans Herz gewachsen. Eines Tages hat die Mutter geklingelt, in ihre Tasche gegriffen, Blüten über Marias Kopf geworfen und dabei „Mama Maria, das ist Liebe“ gesagt. Zudem vertrauen viele Flüchtlinge dem Ehepaar Geschichten ihrer Flucht oder ihres Lebens in der alten Heimat an. Auch wenn sie irgendwann nicht mehr im Heim wohnen, bleibt der Kontakt zu vielen bestehen. Eine Frau aus Eritrea, die schon lange nicht mehr im Heim in Hainburg lebt, geht immer noch nur in Begleitung von Maria Schwab zum Arzt. Es ist erstaunlich, dass das Paar sich an all die Namen der Flüchtlinge erinnern und zu allen eine Geschichte erzählen kann. In ihren freundlichen, von Fältchen überzogenen Gesichtern kann man die Freude ablesen, die ihnen die Arbeit mit den hilfsbedürftigen Menschen macht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.