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Ego-Shooter : Ballerspiele machen schlau

  • -Aktualisiert am

Die Britin Alison Carroll als die leibhaftige Lara Croft auf der „Games Convention” in Leipzig 2008 Bild: dpa

Angeblich sind sie besser als ihr Ruf: Ballerspiele wie Counterstrike seien gut für Koordination und logisches Denken, sagen Psychologen. Geschickte Spieler würden später gute Chirurgen und reaktionsschnelle Autofahrer. Eine These mit vielen Gegnern.

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          Da ist er. Der Terrorist harrt in geduckter Stellung neben einer Holzkiste aus. Er lugt um die Ecke, das Maschinengewehr im Anschlag. Seine Tarnuniform spannt am Rücken, doch sie nützt ihm nichts. Nina schleicht sich von hinten an, lädt mit einem stillen „Klack“ ihr Gewehr und drückt ab. Blut spritzt auf das Holz. Tod durch Kopfschuss.

          Nina hat das nicht wirklich getan. Es ist nur ein Computerspiel, und zwar „Counterstrike“, bei dem die Spieler als Terroristen und Soldaten einer Antiterroreinheit gegeneinander antreten. Solche „Ballerspiele“ haben einen schlechten Ruf. Viele Politiker machen sie dafür verantwortlich, dass Jugendliche zu Amokläufern werden, wie in Winnenden, wo Anfang März ein ehemaliger Schüler 15 Menschen erschoss. Doch manche Wissenschaftler bezweifeln, ob Computerspiele mit Gewaltbezug wirklich gewalttätig machen. Sie behaupten sogar, dass Computerspiele viele positive Effekte haben. Sie sollen nützliche Fähigkeiten fördern, die man auch im Alltag braucht.

          Bessere Koordination für Chirurgen

          „Bei so einem Spiel passiert unheimlich viel auf einmal“, erklärt Medienpsychologe Leonard Reinecke von der Universität Hamburg. „Die Spieler müssen schnell Entscheidungen treffen und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden.“ Diese Fähigkeit braucht man zum Beispiel auch beim Autofahren.

          Mitgleider der Computerspiel-Bundesliga in München beim Spiel des Egoshooters „Counterstrike”

          Außerdem müssen sich die Spieler oft eine Strategie ausdenken oder einen Weg finden. „Das fördert ihre Fähigkeit, auch im Alltag ihre Ziele zu erreichen und etwa ein Referat vorzubereiten“, sagt Reinecke, „da müssen sie auch überlegen: Welche Informationen habe ich schon, wie muss ich weiter vorgehen, welche Strategie verspricht den meisten Erfolg?“

          Viele Spiele finden zudem in virtuellen dreidimensionalen Räumen statt und fördern damit das räumliche Denken. Diese Eigenschaft ist unter anderem für Architekten oder Ingenieure wichtig und wird an manchen Unis in Aufnahmetests geprüft. Dort müssen die Bewerber Figuren von unterschiedlichen Seiten erkennen.

          Sogar für künftige Ärzte kann es sich lohnen, ab und zu am Computer zu spielen. „Eine Studie belegt, dass angehende Chirurgen durch Computerspiele geschickter bei Operationen sind, denn die Spiele verbessern die Koordination von Augen und Händen“, erzählt Reinecke.

          Alles in Maßen

          Bei Spielen wie „Counterstrike“ spielen mehrere Spieler zusammen. Sie sitzen aber nicht in einem Raum, sondern halten Kontakt übers Internet. „Man muss sich sehr gut absprechen, um als Team erfolgreich zu sein“, weiß Nina, sie ist 19 und hat seit ihrer Kindheit viele verschiedene Spiele ausprobiert. Dabei hat sie auch Freunde gefunden, die sie „in echt“ trifft, wie sie das nennt.

          Nina passt überhaupt nicht ins Klischee vom jugendlichen Computerfreak, der tagelang alleine vorm Bildschirm hockt und dabei Mordphantasien entwickelt. „Wie bei jedem Hobby kommt es auf das richtige Maß an“, sagt Medienpsychologe Reinecke: „Freunde, Sport und andere Hobbys dürfen nicht zu kurz kommen.“

          Doch selbst exzessives Spielen produziert nicht unbedingt Amokläufer: Wissenschaftler verweisen darauf, dass im Leben von Jugendlichen, die wild um sich schießen, vieles gründlich schiefgelaufen ist. Oft sind erhebliche psychische Probleme im Spiel.

          Doch eine Minderung des Intellekts?

          Gegner von Computerspielen sehen das anders. Einer der schärfsten Kritiker ist Manfred Spitzer, Gehirnforscher an der Uniklinik Ulm, der sich auf die Lernforschung spezialisiert hat. Für ihn steht außer Zweifel, dass Computerspiele nicht schlau, sondern sogar dumm machen.

          Studien, die von positiven Auswirkungen auf die Denkfähigkeiten sprechen, misstraut Spitzer. Er interpretiert die Ergebnisse stattdessen so: „Die Spiele fördern die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit überall hin zu verteilen und mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.“ Genau das sei aber das Problem der Kinder, bei denen die Aufmerksamkeit gestört ist.

          „Bei den Spielen verlernt man, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Wer also keine Aufmerksamkeitsstörung hat, kann sich dadurch sogar eine antrainieren.“ Dazu komme, dass Computerspiele bei Jugendlichen zu einer Minderung der intellektuellen Fähigkeiten führen, sagt Spitzer. Das sei durch Studien belegt. Genauso wie die Tatsache, dass Computerspiele die Aggressivität fördern.

          Spitzer nennt Untersuchungen, die belegen, dass Menschen, die Gewaltspiele spielen, gegenüber dem Leid anderer Menschen abstumpfen. Den Zusammenhang zwischen Gewalttaten von Jugendlichen und Killerspielen sieht er als erwiesen an. Doch andere Experten bezweifeln das.

          Nina jedenfalls findet es schade, dass Computerspiele so ein schlechtes Image haben. Von ihren Freunden sei keiner dadurch aggressiver geworden, findet sie. „Es spielt auch keiner, weil er Aggressionen abbauen will.“ Sie selbst hat sich aus „kindlichem Spieltrieb“ vor den Rechner gesetzt. „Es ist einfach ein Hobby.“

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