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Durchs Taubergießen : Wo Wildschweine schwimmen

  • -Aktualisiert am

Bild: Natascha Vlahovic

Mit dem Stocherkahn durchs Taubergießen. Wer schweigt und staunt, sieht nicht nur den Eisvogel, wie er pfeilschnell durchs Naturschutzgebiet am Altrhein schießt

          4 Min.

          Eine friedliche Stille umgibt den Stocherkahn, der sanft durch das glasklare Wasser des Altrheinarmes gleitet, das die Mittagssonne reflektiert. Nur das Plätschern der Paddel, das sanfte Rauschen der Blätter im Wind und das Zwitschern einiger Vögel sind zu hören. Am Flussrand stehen hohe Bäume, deren lange Äste über den Fluss ragen und ein Blätterdach formen, was das Gebiet noch abgeschotteter wirken lässt. Am Flussufer wächst dichter Schilf, der Tieren Schutz bietet, die dort ihre Nester bauen. Gänseküken folgen ihren Eltern auf Schritt und Tritt. Blässhühner und Haubentaucher stecken ihren Kopf unter Wasser, um nach kleinen Fischen zu jagen. Am Flussufer sind immer wieder von Bibern angenagte Baumstämme zu sehen. „Willkommen in unserem Taubergießen“, begrüßen die Bootsfahrer Rainer Baumann und Kurt Kopf ihre Gäste, nachdem die Fahrt auf ihren Stocherkähnen sie in das Herz des Naturschutzgebietes geführt hat, das sich zwischen Freiburg und Offenburg befindet und die rheinnahen Bereiche der Gemeinden Kappel-Grafenhausen, Rust sowie Rheinhausen umfasst. Da Kopf und Baumann aus Rust stammen, kennen sie das 1967 Hektar große Gebiet Taubergießen seit Kindheitstagen. Bevor es im Jahre 1979 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, war dies ein bewirtschaftetes Gebiet, in dem Fischerei und Jagd auf der Tagesordnung standen. Der Name setzt sich aus den Worten „Taub“, einer alten Bezeichnung für ein nährstoffarmes Gewässer mit geringem Fischbestand, und „Gießen“, einem vom Grundwasser gespeisten, fließenden Gewässer, zusammen. „Dieses Jahr führt der Fluss Gott sei Dank wieder mehr Wasser. Letztes Jahr konnten wir aufgrund der Trockenheit nur halb so viel Besucher auf die Boote lassen“, berichtet Kurt Kopf und weist hinunter, wo sich durch das klare Wasser, das an manchen Stellen eine Fläche Tausendstern schmückt, der Kiesboden erblicken lässt.

          Orchideen wie Hummelragwurz und Helmknabenkraut

          Als er mit seinen Gästen an einem dicht von Laubbäumen bedeckten Uferabschnitt vorbeifährt, der nicht mit Pflanzen bewachsen ist, sondern eine matschig zertretene Eintrittsstelle aufweist, lacht der 69-Jährige laut auf: „Hier überqueren die Wildschweine schwimmend den Fluss.“ Wildschweine sind gute Schwimmer und überqueren mühelos die Flussarme. Allerdings ist es schwierig, sie zu entdecken, da sie meist nachts durch den Fluss schwimmen und das Ufer umgraben. Tagsüber befinden sich die Wildschweine im Schilfröhricht, wo sie sich suhlen und ihre Hauer an Steinen abreiben. Auch für Insekten, Fische, Reptilien und Vögel bietet das Naturschutzgebiet ein Zuhause. Die wohl bekannteste Vogelart im Taubergießen ist der Eisvogel. „Wenn wir jetzt alle still sind, sehen wir ihn vielleicht“, flüstert der 39-jährige Rainer Baumann am Ende der Bootsfahrt. Und tatsächlich ist der blaugesprenkelte Eisvogel zu erkennen, wie er pfeilschnell über die Wasseroberfläche gleitet, zurück zu seiner am Ufer liegenden Bruthöhle, in der seine Jungen leben. Dass sich ein so selten vorkommender Vogel wie der Eisvogel hier wohl fühlt, liegt auch an der vielfältigen Pflanzenwelt. Das Taubergießengebiet besteht zu 60 Prozent aus Wäldern mit schonender Bewirtschaftung, davon ist ein Drittel Bannwald, dessen Holz nur nach Wind und Sturmbruch genutzt werden darf, um Wasserwege und Straßen frei zu halten. Die restlichen 40 Prozent sind Grünland, das teilweise landwirtschaftlich genutzt wird. Bis zu 700 Pflanzenarten wachsen hier, darunter seltene Orchideenarten, wie beispielsweise der Spinnenragwurz, der Hummelragwurz oder das Helmknabenkraut.

          „Wir verbinden unsere Leidenschaft zur Natur mit unserer Arbeit“, sagen nicht nur die beiden Bootsführer, sondern auch die Archäologin Gabriele Weber-Jenisch, die beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) tätig ist. Auch sie führt Besucher durch das Gebiet entlang des Hochwasserdamms und über die Trockenwiesen. Dabei berichtet sie über die Schwierigkeiten, die aufkommen: „Was ist Naturschutz überhaupt? Will ich das Gebiet so bewahren oder lass ich allem seinen natürlichen Lauf?“

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