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Jüdische Gemeinde Koprivnica : Durch die Nacht gejagt

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Zum Konzentrationslager Danica getrieben

Wie und wo die jüdische Gemeinde mit ihren etwa 250 Mitgliedern verschwand, weiß aus Quellen die Kuratorin des Stadtmuseums Draženka Jalšić-Ernečić. „In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1941 wurden alle Juden der Stadt zum Konzentrationslager Danica getrieben, von wo aus die Männer nach Auschwitz abtransportiert, die Frauen und Kinder aber in andere Lager und den Tod geschickt wurden. Denjenigen aus gemischten Ehen wurde einige Zeit dieses Schicksal erspart. Aus der gesamten Gemeinde überlebten kaum achtzehn Personen den Krieg.“ Sanja Švarc-Janjanin, eine Ärztin des Krankenhauses, berichtet von den Erzählungen ihres Vaters, dass in dieser Nacht fast alle jüdischen Bewohner auf Lastwagen ins Lager Danica gebracht worden seien. Die Ustascha sei in die Häuser eingedrungen und hätte die Menschen gezwungen mitzukommen. Sie hätten kaum etwas mitnehmen können. Nur acht Juden seien nicht deportiert worden, „weil sie aus gemischten Ehen stammten“. So entging auch ihr Vater der Abschiebung und Ermordung. „Bereits vor dieser Nacht“, sagt die 65-Jährige, „wurden die jüdischen Menschen gezwungen, Davidsterne zu tragen. Und es war ihnen verboten, den öffentlichen Raum mit anderen zu teilen.“ Aus den Aufzeichnungen ihres Vaters gehe hervor, dass die religiösen Riten nicht mehr ausgeübt werden durften. Alle jüdischen Geschäfte und Unternehmen wurden mit gelben Plakaten und der Aufschrift „Jüdisches Unternehmen“ gekennzeichnet. Dies erlaubte die Plünderung und Entwendung von Eigentum. Es gab eine Reihe von Gesetzen, die gemischte Ehen verhinderten, jüdische Kinder wurden von Schule und Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und mussten gelbe Bänder tragen. Diese Ärmelbänder mussten von allen Juden über 14 Jahren am linken Arm getragen werden. Eine Ausgangssperre wurde erlassen.

Die Synagoge wurde zum Gefängnis

Sanja Švarc-Janjanin berichtet, dass jüdisches Eigentum systematisch beschlagnahmt wurde. Einige der religiösen Artefakte wurden in der katholischen Kirche aufbewahrt und bis zum Ende des Krieges dort belassen. Der einzige Grund, warum die Synagoge nicht abgerissen wurde, sei gewesen, dass die Ustascha sie als Gefängnis nutzte. Unter den Juden der gemischten Ehen blieb ein Teil in der ersten Welle von Inhaftierung und Abschiebung verschont. Eine kleine Anzahl aus der jüdischen Gemeinde, etwa zwölf Männer und Frauen, schlossen sich der Partisanenbewegung an.

Ein Teil der Infrastruktur des jüdischen Friedhofs, unter anderem die Leichenhalle, wurden während und nach den Kämpfen um die Befreiung der Stadt zerstört. Spuren von Kugeln und Schrapnellen sind noch auf einigen Grabhügeln sichtbar. Als die Menschen nach dem Krieg nach ihren Lieben suchten und herausfanden, wie grausam sie endeten, ließen die Überlebenden in Erinnerung an ihre Angehörigen das Jahr des Todes auf vorhandene Grabsteine oder neu errichtete gravieren, mit der Erlaubnis des Ministeriums, obwohl man bei den meisten Opfern nicht einmal wusste, wo und wann sie genau gestorben waren. Der Friedhof ist jetzt unter Aufsicht des Stadtmuseums, jede Veränderung wird aufgezeichnet, die Bäume werden gepflegt. Das zentrale Denkmal für alle Gefallenen und Verschwundenen, die im Ersten Weltkrieg, bei der Partisanenbewegung und im Holocaust ums Leben kamen, wurde Anfang der 1970er-Jahre durch ein Denkmal ergänzt, das auch die Namen der jüdischen Bürger trägt, die als Partisanen ums Leben kamen, sagt die Kuratorin Ernečić.

„Nie wieder!“

Heute zählt die jüdische Gemeinde nur noch fünf Personen. Sanja Švarc-Janjanins Vater Krešimir Švarc war lange Zeit Bürgermeister der Stadt. Manche sind prominente Wirtschaftsexperten, andere wirkten im Schulwesen. Doch das Verschwinden einer ganzen Gruppe von Mitbürgern wird nur auf dem versteckten Friedhof dokumentiert, der an die Vernichtung von so vielen Menschen erinnert, die der Stadt so viel gegeben haben. So ist auch dieser jüdische Friedhof mehr ein Zeugnis des Lebens, nicht des Todes, das uns ermahnt: „Nie wieder!“

 

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