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Die „Tafel“ : Die Leute haben Angst

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner

Die „Tafel“ hilft in Zeiten der Pandemie durch einen Lieferdienst. Viele der ehrenamtlichen Helfer gehören zur Risikogruppe, deshalb springen Studenten ein.

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          Man muss die Tafel leben“, sagt Tanja Högström. Sie ist seit fünf Jahren Koordinatorin der Tafel Niederberg im Bergischen Land nicht weit von Wuppertal und tut dies auch in Zeiten von Corona. Wie funktioniert das bei Kontaktverbot? Die 48-Jährige arbeitet hauptberuflich bei der Tafel. Davor war sie als Assistenz der Geschäftsleitung in großen Unternehmen tätig. Als sie und ihre Kollegen von der Kontaktsperre erfuhren, beschlossen sie, die Tafel fürs Erste ganz zu schließen. „Unsere Ehrenamtlichen sind zwischen 60 und Mitte 80. Da wollten wir kein Risiko eingehen.“ Eine Woche war die Tafel geschlossen, eine Notfallnummer wurde hinterlegt. Als immer mehr verzweifelte Hilferufe kamen, musste eine Lösung her. So wurde das System komplett umgestellt, so dass die Tafel Niederberg ihre Kunden jetzt völlig kontaktlos durch einen Lieferservice bedient. Denn dass die Tafelstandorte in Wülfrath, Velbert und Heiligenhausen nicht wieder geöffnet werden konnten, war klar. Die Tafelstandorte sind normalerweise wie Marktstände aufgebaut. Neben Kartoffeln, Obst und frischen Produkten gibt es hier auch Hygieneartikel.

          Nudeln fehlen bei den Spenden

          Die Kapazitäten wurden mit dem Lieferservice kleiner. „In der Woche versorgen wir normalerweis bis zu 700 Haushalte, jetzt liegen wir bei rund 130“, sagt Högström. Was bei den Esspaketen fehlt, sind haltbare Lebensmittel wie Nudeln. „Früher haben wir auch das gespendet bekommen, das fällt leider gerade alles weg.“ Also muss von der Tafel dazugekauft werden. Auch das normalerweise ausgegebene warme Mittagessen wäre eigentlich weggefallen, doch die Partydienste aus der Region spenden abwechselnd jeden Tag ein Mittagessen. Dass der Lieferservice überhaupt funktioniert, ist den vielen neuen Ehrenamtlichen, größtenteils engagierten Studenten, zu verdanken, die sich über eine Homepage melden konnten. „Ich denke auch, dass wir die neu gewonnenen Helfer über Corona hinaus behalten können für Sonderaktionen“, freut sich die sympathische Chefin mit den kurzgeschnittenen, rötlich blonden Haaren. Das Liefern fordert besondere Umsicht: Nicht einmal der Klingelknopf darf berührt werden, „dies ist ein weiterer Kontaktpunkt, den wir nicht wollen“, bemerkt sie entschlossen. Das Paket wird vor der Tür abgestellt, der Kunde angerufen und aus sicherer Entfernung geschaut, ob es klappt.

          In den engen Läden funktioniert kein Abstand

          Die kleine Wertbeteiligung, die normalerweise ansteht, fällt jetzt weg. Dass es eine schwere Aufgabe ist, die Ehrenamtlichen zu schützen und die Hilfsbedürftigen zu versorgen, sieht man auch an der Freiburger Tafel. Hier werden zweimal in der Woche Lebensmitteltüten draußen im Freien günstig verkauft. Außerdem gibt es Rezepte von Hans-Albert Stechl, die man mit dem bunt zusammengewürfelten Tüteninhalt zubereiten kann. In Deutschland gibt es rund 1,65 Millionen Tafelkundinnen und -kunden, und da viele ältere Ehrenamtliche wegfallen, hofft man auf Unterstützung der Jüngeren. Auch Lebensmittelspenden sind dringend nötig. Viele Tafeln haben geschlossen, manche liefern, andere geben wie in Freiburg Lebensmitteltüten im Freien aus, denn in den oft engen Tafelläden wäre ein Sicherheitsabstand nicht möglich. Eins eint alle: Hygieneartikel müssen vorhanden sein, das ist nicht immer einfach.Schwer war es für die Tafel Niederberg vor allem, an den Mundschutz zu kommen. „Wir haben Gott sei Dank immer einen großen Vorrat an Desinfektionsmitteln, aber der Mundschutz war wirklich schwierig“, sagt Tanja Högström. Bekannte aus der Apotheke sorgten für die Erstausstattung mit Masken. Das habe bisher gerade so gereicht. „Wenn wir die Stützpunkte wieder öffnen, geht das so aber nicht, dann brauchen wir einfach mehr Unterstützung von außen.“ Auf Facebook wurde ein Spendenaufruf gestartet, ob das ausreicht, muss geschaut werden.

          Auch von außen wird viel gelobt

          „Mein Telefon geht von morgens 7 bis abends um 9. Die Leute haben einfach Angst.“ Auch Menschen, die aufgrund der Corona-Krise in existentiellen Schwierigkeiten stecken, rufen vermehrt an. Die Teams haben sich gut eingespielt. „Das, was wir an Rückmeldungen kriegen, ist durchweg positiv.“ Die Leute seien dankbar, freuten sich, weil es Sicherheit gebe. Auch von außen werde viel gelobt. „Die Anteilnahme und die Dankbarkeit, die wir bekommen, beides ist sensationell groß.“ So wurden große Osterpakete für Kinder gespendet, auch Spielespenden gibt es vermehrt. Beschwerden kamen nicht. Nur einmal bat ein Mann, das nächste Mal die Tomaten nicht auf den Tütenboden zu packen. Die Arbeit macht Högström nach wie vor viel Spaß. „Wir lachen sehr viel und blödeln herum, gerade wenn wir die Masken aufhaben.“ Trotzdem fehlten die älteren Ehrenamtlichen und das eingespielte Miteinander sehr. „Wir müssen einfach abwarten und jeden Tag neu auf die Situation reagieren, jeder Tag ist für uns eine weitere Herausforderung“, sagt Högström nachdenklich. Wann die Tafelstandorte wieder geöffnet werden können, weiß niemand so genau. Die Vorbereitungen laufen aber bereits auf Hochtouren.

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