https://www.faz.net/-gum-zigw

Die Gruppe Panik : Verheddert im Musikdschungel

  • -Aktualisiert am

Die Bandmitglieder der Gruppe Panik Bild: Florian Sonntag

Als Nevada Tan schoss ihr Debütalbum in die Charts. Doch die junge Band kannte sich im Geschäft nicht aus. Die Zusammenarbeit mit ihren Managern und Produzenten endete bald vor Gericht. Nun streichen sie als Panik die Segel.

          6 Min.

          Timo Sonnenschein schließt die Augen. Er könnte jetzt träumen. Wie sie in Russland und Frankreich vor Tausenden spielten, wie Mädchen nach ihnen riefen, wie sie in die Musikwelt tauchten. Sonnenschein kneift die Augen zusammen, reißt den Mund auf und schreit. Er könnte davon träumen, wie es wäre, wenn Jugendliche ihr neues Album nicht nur hören, sondern auch kaufen würden. Auf seiner Stirn stechen Falten, an seinem Hals Adern hervor, er brüllt seine Wut hinaus und hinein in das Mikrofon in seiner Hand. Das alles gehört dazu - zum Spiel, zum Lied, zur Musik von Panik, die vor wenigen Jahren noch Nevada Tan hießen und als nächste große Jugendband galten.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einmal in den Pop-Olymp und zurück, so könnte ihr Ticket lauten. Timo Sonnenschein, 22 Jahre alt, kurze schwarze Haare, rappt und schreit, doch die Band wird zerbrechen. An dem, was sie erlebt haben. Daran, dass ihre neue Single nur wenige Woche in den Charts blieb. Daran, dass sie im Musikgeschäft nur schwer über die Runden kommen. Sie proben für ihre letzte gemeinsame Tour durch Deutschland, ohne zu wissen, dass es ein Abschied wird. David Bonk, 21 Jahre, schulterlange schwarze Haare, sitzt mit der Gitarre auf einem Sessel. Daneben hockt Juri Schewe am Schlagzeug, 23 Jahre, blonde Mähne. Sie machen Rock mit Rap und Gesang, mit deutschsprachigen Texten, die sich um die Liebe, die Umwelt, die Welt überhaupt drehen, düster, aggressiv und laut. DJ Jan Werner, 21 Jahre, mit einer Hand auf dem Plattenspieler, Bassist Christian Linke, 22 Jahre, und Sänger Frank Ziegler, 22 Jahre, stehen im Wohnzimmer und rocken.

          Konzerte in Paris, Prag und Moskau

          In dem Bungalow in Hamburg-Bergedorf, den sie für die Band gemietet haben, liegen Instrumentenkoffer und Equipment herum. Ziegler, Vollbart, lange braune Haare unter einer großen Strickmütze, kommt aus Heidelberg, Schlagzeuger Schewe aus Hamburg, die anderen aus Neumünster. Die Wände des Wohnzimmers sind orangefarben gestrichen, in der Spüle der braunen Küche aus grauer Vorzeit warten Töpfe auf ihren Abwasch, im Flur hängen ihre gezeichneten Porträts an der Wand. Die haben sie aus Osteuropa mitgebracht.

          Gebastelte Fanpost

          Im Mai 2007 stieg ihr erstes Album „Niemand hört dich“ auf Platz acht der deutschen Charts ein, verkaufte sich 100 000 Mal und erreichte in Russland Gold. Sie spielten in Paris, Prag und Moskau, waren für die Musikpreise Echo und Comet nominiert. Doch von den Plattenverkäufen sahen sie keinen Cent. Noch vor der zweiten Single verklagten sie ihre Manager und Produzenten. Vor Gericht nennt der Richter die Verträge sittenwidrig.

          November 2005, Hamburg, Theater „Neue Flora“, ein Bandwettbewerb. Auch Panik nimmt daran teil. Ein Mann im weißen Hemd spricht die jungen Musiker an: „In der Nähe haben wir ein Studio, wollt ihr nicht mal mitkommen?“ Sie gehen mit und sind begeistert. „Wir sahen dieses Studio und wollten nur noch Musik machen“, sagt David Bonk, mehrfacher Preisträger am Klavier bei „Jugend musiziert“. So erzählen sie ihre Geschichte: Er und Sonnenschein, die Bandgründer, die sich seit dem Kindergarten kennen, brechen sogar die Schule ab – wie auch einige Zeit danach Jan Werner.

          „Der größte Fehler in unserem Leben“

          Sie sind die nächsten neun Monate fast ununterbrochen im Studio, um an ihren Songs zu basteln. Die zwei Managerproduzenten schauen stets nur kurz vorbei – sie sind derweil auf der Suche nach einer Plattenfirma für die Band, die sich nun Nevada Tan nennt. Die jungen Musiker bekommen das nur mit, wenn sie irgendwohin sollen. So spielen sie ein Konzert, ein „Showcase“, weil sich die Band dabei einer Plattenfirma vorstellt, in diesem Fall Virgin. Kurz darauf folgt ein Auftritt für Sony BMG im Club „Knust“ in Hamburg. Als sie dort von der Bühne gehen, kommt allerdings Daniel Lieberberg, Chef der Sparte „Domestic Rock Urban“ von Universal in Deutschland, auf sie zu. Er stellt sich vor und schüttelt ihre Hände. Zwei Wochen später bestellen die Managerproduzenten sie ins Studio. Dort erfahren sie, dass Universal ihre Plattenfirma werden möchte. Den Vertrag sollen sie gleich unterschreiben, „sonst zieht Universal ihn noch zurück!“ Sie unterschreiben. „Der größte Fehler in unserem Leben“, sagt Sonnenschein.

          Es dauere meist länger, bis sich Plattenfirma und Band annähern, sagt Sigi Schuller von Universal. „So schnell habe ich das fast noch nie erlebt.“ Schuller hat Bands wie Tocotronic, Mando Diao und Madsen unter Vertrag genommen und betreut Rammstein. Universal nahm Nevada Tan unter Vertrag, ohne sich das Umfeld genauer anschauen zu können. Das sei nicht normal, meint Schuller, meist kennen sich die Partner in der Musikbranche. Damals aber ging es auch um das „Momentum“, um den richtigen Augenblick. „Eine Band gut zu finden hat oft etwas Impulsives.“ Das gelte auch für Plattenfirmen. Erst so entwickele sich die Energie, die eine kreative Zusammenarbeit brauche. „Wenn die Plattenfirma das verpasst, wird es oft nur noch Arbeit und nicht mehr Leidenschaft.“

          Universal zahlt den Managerproduzenten einen Vorschuss von 100 000 Euro für die erste Platte. Von dem Geld sehen die Musiker von Nevada Tan so gut wie nichts. Manchmal bekommen sie Geld, um im Supermarkt Essen zu kaufen. Es schwant ihnen, dass sie hinters Licht geführt werden. Als die Managerproduzenten auch noch 40 Prozent der Gema-Einnahmen wollen, suchen sich die jungen Männer einen Anwalt, der sich auskennt. Er nennt die Verträge schlimmer als alles, was er in der Musikbranche bislang gesehen hat. „Das Dümmste daran ist“, meint Schuller, „eine Kuh, die noch nicht geboren ist, zu melken.“ Der Fall kommt vor Gericht. Nach eineinhalb Jahren schließt die Band mit den Managerproduzenten einen Vergleich – sie wollen sich nicht durch alle Instanzen kämpfen.

          Er habe die Idee zu der Band geschaffen, sagt Eddy Hölver, einer der beiden Managerproduzenten heute. „Dann haben wir eine Band zusammengecastet, das hat auch wunderbar geklappt.“ Er hat nach eigenen Angaben nur das Management und die Vorproduktion bis zum Plattendeal gemacht, während Lalo Titenkov die Lieder produziert haben soll. Hölver saß in der Jury des besagten Bandwettbewerbs und dachte sich: Die passen in mein Konzept. „Sie waren zwar schlecht und sind beim Wettbewerb rausgeflogen, aber ich bin ja schließlich Produzent, da weiß man, ob man was aus dem Talent machen kann.“ Sie hätten danach versucht, die Band ans Musikmachen heranzuführen. „Die waren 17 und 18 Jahre alt und hatten entsprechend keine Ahnung von Songwriting.“

          Sie sollten Nachfolger von Tokio Hotel werden

          Hölver sieht keine Schuld bei sich. „Die Band ist selbst doof. Klar, wenn man mal auf Platz acht in den Charts ist, dann wird man größenwahnsinnig.“ Er wollte offenbar auch nicht wenig erreichen: „Die Jungs sollten Nachfolger von Tokio Hotel werden.“ Es sei in dem Geschäft sehr oft so, dass alle alles mit dem Ellenbogen wegzudrücken versuchen. Die Plattenfirma habe die Gruppe plötzlich für sich haben wollen: „Universal hat die Band gegen uns aufgebracht.“ Und habe dann alles „ohne Sinn und Verstand kaputtgemacht“.

          Ihnen sei klar gewesen, dass mit der Klage die Band und das Projekt kaputt waren. Dabei habe er nichts verdient, sagt Hölver. Im Gegenteil: Er könne Investitionen von etwa 15 000 Euro abschreiben. Rechne er noch die nicht bezahlte Arbeit von ihm und Titenkov hinzu, komme er auf ein Minus von 100 000 Euro. Dass der Richter die Verträge sittenwidrig nannte, war für Hölver nicht ungewöhnlich. Der Richter wisse, dass das bei allen Verträgen so sei. Auch die Band habe das gewusst. Doch die Plattenfirma hat nach Angaben Hölvers kein Urteil gewollt. „Universal wollten nicht, dass sich andere Musiker darauf berufen und mehr Geld bekommen können.“ Was die Managerproduzenten jetzt machen? Sie seien weiter im Geschäft, sagt Hölver. „Wir bauen gerade junge Künstler auf.“

          Es ist ihnen einfach zuviel

          Seit 2008 nennt sich Nevada Tan wieder Panik – so, wie die Band früher hieß. Sie leben in erster Linie vom Geld ihrer Eltern und verdienen durch Auftritte hinzu. Musikalisch kümmern sie sich um fast alles selbst. Ihre zweite Platte, die David Bonk produziert hat, finden sie besser als die erste. Doch kaum einer merkt das. Im September stieg ihr Lied „Lass mich fallen“ nur auf Platz 62 der deutschen Singlecharts ein. „Das ist schon enttäuschend, wenn man sich über ein Jahr abgerackert hat“, sagt Ziegler. Nach vier Wochen in den Top 100 war die Single aus den Charts. Ob es am Namenswechsel, dem Wandel der Musikindustrie oder verspäteter Lieferung in den Läden liegt, kann keiner genau sagen – die Single verkaufte sich einfach nicht wie erwartet, erwünscht und erträumt.

          Ende Oktober 2009 teilen Linke, Ziegler, Werner und Schewe den anderen mit, dass sie keine Kraft mehr haben, dass es ihnen zu viel ist, dass sie aussteigen werden. Kurz darauf geben sie ihren Abschied bekannt. Die Bandgründer Sonnenschein und Bonk wollen weitermachen. „Wenn dir ein Fan sagt, dass es ihm schlecht geht, aber unsere Musik und Texte ihm neuen Lebensmut geben“, sagt Sonnenschein, „dann ist das genau der Grund, warum wir das machen.“

          Dezember, Frankfurt, „Nachtleben“. Es ist eng, düster und dunkel, ein Rockkeller, 300 Fans, in den ersten zehn Reihen vor allem Mädchen, einige sind sogar aus Schweden und Spanien eingeflogen. Nach dem Konzert warten viele vor der Bühne, die Musiker geben später Autogramme und lassen sich fotografieren. Timo Sonnenschein umarmt ein Mädchen mit dem rechten Arm, schaut in die Kamera, dann umarmt er das nächste mit dem linken, dann wieder mit dem rechten – ein minutenlanges Wechselspiel.

          Plattenpolitik macht kein Spaß

          Wenig später sitzt er vor dem Club in einem Kleinbus, mit dem sie auf Tour sind. Sonnenschein scheint müde, eben, auf der Bühne, klang seine Stimme noch kräftig, nun eher ermattet. Nach der ersten Single wollte ihr zweites Management sie nicht mehr weiter betreuen, erzählt er. Hätten sie ihr Management nicht verlassen, wäre ihr Album nicht so eingebrochen, vielleicht wäre alles anders verlaufen. Schließlich hätten sie sehr gute Kritiken bekommen.

          Christian Linke steigt ein. Die Tour mache Spaß, sagt er, die Plattenpolitik aber nicht. Ihre Gesichter zum Beispiel seien auf dem Album zu sehen, weil das irgendeiner von der Plattenfirma so wollte. Man müsse kämpfen, um sich durchzusetzen, sagt Sonnenschein. Linke versteht das, will aber nicht mehr: „Unterm Strich, wenn es einem selbst schlechtgeht, dann sollte man sich selbst der Nächste sein.“ Er will versuchen, im Ausland einen klaren Kopf zu bekommen. Werner wird seine Lehre als chemisch-technischer Assistent fortsetzen, Schewe studiert seit Oktober Schlagzeug in Bremen, Ziegler hat eine Rolle im Film „Alles für Lila“ ergattert.

          „Ich gehe halt auf der Bühne auf“, sagt Sonnenschein. Ihr Abschiedskonzert in Moskau am vergangenen Samstag mussten sie jüngst absagen, weil die Halle wegen Sicherheitsmängel geschlossen ist. Ihr Bandhaus in Hamburg haben sie geräumt. Hier werden sie nicht mehr schreien. Bonk und Sonnenschein wollen dieses Jahr zu zweit ein Album herausbringen, wissen aber noch nicht, wie und wo. „Aber wir wissen auf jeden Fall, dass es unser Leben ist.“

          Weitere Themen

          Unverhoffte Einblicke

          Jazz Montez aus Frankfurt : Unverhoffte Einblicke

          Jazz Montez aus Frankfurt macht es mit „A Day In The Lifestream“ möglich, einen Einblick in exklusive Studioaufnahmen zu bekommen. Die stilistische Offenheit des Vereins trifft den Geschmack eines mehrheitlich jungen Publikums.

          Topmeldungen

          Werder Bremen: Pure Freude

          Werder bleibt in Bundesliga : Mit Ach und Krach

          „Scheiß Saison, gutes Ende“: Werder bleibt der Fußball-Bundesliga doch noch erhalten, Trainer Florian Kohfeldt ist einfach nur froh. Beim 1. FC Heidenheim genügt den Bremern ein 2:2-Remis, sie profitieren von einem kuriosen Eigentor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.