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Diakoniecafé Lahr : Manchmal wird wegprofessionalisiert, wo Anteilnahme geboten ist

  • -Aktualisiert am

Im Diakoniecafé des Schwarzwaldorts Lahr stranden Menschen nach herben Schicksalsschlägen. Die Mitarbeiter schauen hin, wo andere lieber wegsehen

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          Nur ein kleines Schild mit der Aufschrift „Diakonie, Café Löffel“ an der Hausecke weist auf das bunte Treiben in dem von außen unscheinbaren Haus in Lahr im Schwarzwald. Hinter der dunklen Theke wird eifrig das Mittagessen vorbereitet. Heute auf dem Speiseplan: Spargelcremesuppe, Schweineschnitzel mit Kartoffelsalat, Salat und als Nachtisch einen Schokopudding mit Vanillesoße. Die Gesamtkosten für das Menü des ehrenamtlich arbeitenden professionellen Kochs betragen ganze 1,50 Euro. Vor mehr als zwanzig Jahren wurden die Grundsteine des heutigen „Café Löffel“ gelegt, das unter anderem Wohnungs- und Arbeitslosen durch zahlreiche Angebote Unterstützung anbietet. Von einer schlichten, kleinen Wärmestube angefangen über verschiedene Räumlichkeiten innerhalb Lahrs entwickelte sich die Einrichtung unter Trägerschaft des Diakonischen Werks beständig weiter und ist seit 2006 im geräumigen Erdgeschoss des ehemaligen Gasthauses „Schützen“ untergebracht. Viele Privatleute, lokale Einrichtungen und Firmen unterstützen die Einrichtung mit Sach- und Geldspenden. Auch die Stadt Lahr, die seit vielen Jahren die gesamten Mietkosten übernimmt, und der Ortenaukreis, der seit 2005 in die Mitfinanzierung eingetreten ist, tragen zum Erhalt der Organisation bei. Vor acht Jahren wurde der Verein „Freundeskreis Café Löffel“ gegründet, der Besucher bei Bedarf unmittelbar und punktuell unterstützt.

          Duschen, Kleiderspenden und ein Psychologe, der beide Seiten kennt

          Drei Festangestellte und 15 Ehrenamtliche stehen den Besuchern zur individuellen Beratung zur Verfügung, leiten Freizeitangebote wie einen Chor oder gemeinsame Ausflüge ins Kino oder geben Essen für einen geringen Eigenbetrag aus. Auch eine Postadresse können die Kunden des „Löffels“ dort anlegen, um selbst ohne festen Wohnsitz erreichbar zu bleiben. Sie erhalten außerdem Zugriff auf Dusch- und Waschmöglichkeiten und gespendete Kleider. Einer der beiden Hauptangestellten der Tagesstätte ist der Psychologe Martin Schneider, der hier seit drei Jahren arbeitet. Selbst in einem sozialen Brennpunkt in Offenburg aufgewachsen, hat er zu seiner jetzigen Arbeit im „Löffel“ einen besonderen Bezug. „Ich kenne das aus meiner eigenen Biographie, dass es immer Menschen gibt, denen es nicht so gut geht.“ Dass es einige Menschen mit völlig konträren Einstellungen gibt, ist für ihn erschreckend: Opfer eines plötzlichen Lebensumbruchs seien in ihren Augen zumindest mitverantwortlich an ihrem Leiden. „Durch die Distanz, die viele so zwischen sich und Menschen in Not aufbauen, haben sie weniger Angst, selbst einmal in so eine Lage zu geraten. Sie müssen nach ihrem Denkmuster einfach aufpassen, nichts Falsches zu machen, um ihren Lebensstandard beizubehalten.“ Die Wirklichkeit sehe jedoch anders aus.

          Die Gründe, Tagesstätten wie das der Lahrer Gemeinde aufzusuchen, sind vielschichtig und oft kompliziert. Viele leiden aufgrund niedriger Renten unter Altersarmut und machen damit einen großen Anteil der Besucher aus. Aber auch plötzliche Verluste wie der Tod eines Familienmitglieds oder eine Kündigung können Anfang einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale sein. Ein nicht verarbeitetes Ereignis führt oft zu weitreichenden Folgen. Arbeitslosigkeit, Verlust des Wohnsitzes, psychische Erkrankungen und Traumata gehen oft Hand in Hand und bilden ein engverknüpftes, für einen Menschen schwer überwindbares Netz aus Problemen. Trotz seiner langjährigen Erfahrung erlebt Schneider den Umgang mit Besuchern oft als berührend. „Es gibt immer wieder Schicksale, die mich sehr beschäftigen“, sagt er. Professioneller Abstand sei beim Umgang mit den Besuchern gerade in besonders schwerwiegenden Fällen nicht immer sinnvoll. „Manchmal hat man diesen Abstand nicht, dann gilt das als unprofessionell, aber das ist Quatsch“, betont er. Oft werde „wegprofessionalisiert“, wo Betroffenheit wichtig und angemessen und er selbst viel mehr als Person statt als bloßer Angestellter gefragt sei. Vielen falle es schwer, sich jemandem anzuvertrauen, denn die Scham, Hilfe zu benötigen, sei oft kaum zu ertragen. „Es ist immer leichter, der Helfer zu sein als der Hilfsbedürftige.“

          Riesige Schulden, weil sie sich nicht mitteilen

          Auch Helga Böttler-Frank ist diese Thematik nicht fremd. „Du musst dazu stehen, Hilfe zu brauchen, um Unterstützung zu bekommen“, sagt sie aus ihren eigenen Erfahrungen. Die 63-Jährige arbeitet seit 14 Jahren ehrenamtlich in der Tagesstätte in Lahr und hat den Umgang mit Arbeitslosigkeit und finanziellen Schwierigkeiten von beiden Seiten miterlebt. Immer wieder musste sie selbst Zeiträume überbrücken, in denen sie ohne feste Arbeit zurechtkommen musste. Dieser Umstand war es auch, der sie letztlich zum „Café Löffel“ führte. Im Rahmen eines Bewerbungstrainings der Agentur für Arbeit erhielt sie dort ein vierwöchiges Praktikum, das sie schließlich dazu bewog, die Arbeit ehrenamtlich fortzusetzen. „Viele haben riesige Schulden, weil sie sich nicht mitteilen“, hebt sie hervor. „Normalerweise schlägt es dir niemand ab, wenn du deine Lage erklärst und gerade bei notwendigen Investitionen nach Ratenzahlung fragst“, ermutigt sie zu einem selbstbewussteren Umgang mit dem Bedürfnis nach Hilfe. Auch sie teilt Schneiders Unverständnis für weniger empathische Menschen. „Es gibt Menschen, die wissen nicht, was es heißt, mit wenig Geld auszukommen. Aber gerade wenn es einem gutgeht, könnte man doch ein Stück davon weitergeben“, kritisiert sie.

          Zu dieser Erkenntnis ist auch die 75-jährige Renate Mahr gelangt. Nach einer gelungenen Herz-OP überkam sie der Wunsch, sich für ihr eigenes Glück in Form von ehrenamtlicher Arbeit zu bedanken und so andere auf der Suche nach dem eigenen Glück zu unterstützen. Während ihrer Arbeit im „Löffel“ hat sie vor allem eines gelernt: „Man muss lernen, dort hinzuschauen, wo die Gesellschaft ein blindes Auge hat“, philosophiert sie, während sie den Blick durch den Raum schweifen lässt, in dem Menschen verschiedenster Altersgruppen in regem Austausch sind. Vor allem ältere Männer, aber auch Frauen und vereinzelt Kinder sitzen gemeinsam um die rustikalen Holztische, essen und spielen. Auch Ehrenamtliche sind unter ihnen, die sich im freundschaftlichen Miteinander nicht weiter abheben. Alle kennen und duzen einander. Durch die verschiedenen Tischgruppen wird eine Grußkarte weitergereicht, in die jeder eine Kleinigkeit schreibt, das Geschenk für eine Mitarbeiterin, die bald Geburtstag hat.

          Ehrenamtliche als Sprachrohr für Hauptberufliche

          Zwischen ihnen sitzt Ursula Piechowicz, die mit mehr als 14 Jahren ehrenamtlicher Arbeit in der Einrichtung die erfahrenste Mitarbeiterin ist. Besonders die ungezwungene Atmosphäre zeichne das Café aus. Bei Kaffee und Kuchen würde zwanglos vieles anvertraut, was in einem kalten Büro nicht so leicht über die Lippen komme. Vor allem die Ehrenamtlichen seien hierbei beliebte Gesprächspartner. „Wir sind wie ein Sprachrohr für die Hauptberuflichen“, erklärt sie. Aktuelle Probleme der Besucher würden vor allem durch die Ehrenamtlichen an die beiden Hauptangestellten weitergegeben, die durch diese diskrete Informationsvermittlung innerhalb des Teams gezielter und effizienter helfen könnten. „Und so eine alte Wirtschaft macht eben auch einfach nicht den angsteinflößenden Eindruck nach Therapie“, sagt sie mit Blick auf die wohnliche Einrichtung mit dem grünen Kachelofen in der Mitte des Raums und den orangegelben Kissen. Die familiäre Atmosphäre lade zum Austausch ein. Gerade diese Möglichkeit zur unbefangenen Konversation ist entscheidend. „Diese Menschen haben, wenn sie die Anfangsschwierigkeiten, sich anzuvertrauen, überwunden haben, einen unheimlichen Bedarf an Gesprächen. Sie sind ja eine weitestgehend isolierte Gruppe.“

          Aus den Schulden herauszukommen, falle vielen schwer. Einige sind bei der „Schufa“ aktenkundig, erhalten deshalb weder eine neue Arbeit noch eine Wohnung. „Für sie ist es verdammt schwierig“, bestätigt Piechowicz. Mit der Unterstützung der Angestellten können Besucher Privatinsolvenz anmelden und die Schulden Stück für Stück abbezahlen. Die Strategie der Mitarbeiter ist klar definiert: „Wir unterstützen die Hilfe zur Selbsthilfe, aber manche brauchen da einen kleinen Anstoß, sich für sich selbst einzusetzen.“ Dennoch erhält die Mitarbeiterin viel positive Resonanz von den Stammbesuchern, die die Zeit und Geduld, die ihnen entgegengebracht werden, zu schätzen wissen. „Sie merken eben, dass es hier in der Diakonie Menschen gibt, die Verständnis dafür haben, wie viel Auswirkungen ein Schicksalsschlag auf ein davor gutes und normales Leben haben kann. Aber ob es sie glücklicher gemacht hat, weiß ich nicht. Viele sitzen ja immer noch hier und haben nicht mehr ins alte Leben zurückgefunden. Darüber muss ich wohl noch nachdenken.“

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