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Costa Concordia : Was in der eisigen Januarnacht geschah, prägt seither ihr Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner

Ein pensionierter Polizist reiste mit seiner Partnerin auf der Costa Concordia. Die Erinnerung an die Katastrophe vor fünf Jahren ist lebendig.

          Noch am späten Abend des 9. Januars 2012 rollen hektisch Koffer über den rauhen Asphalt des Hafens in Barcelona. Salziger Meergeruch steigt in die Nase, Wind zerzaust das Haar der vielen Menschen, die am Rande der Anlegestelle warten. Hier soll um 19.00 Uhr das 112 000 Tonnen schwere Kreuzfahrtschiff Costa Concordia anlegen, das auf der Reise durch das westliche Mittelmeer ist. Helmut Reinhardt und seine Lebensgefährtin warten voller Vorfreude auf die Ankunft des Schiffs, das am 7. Januar in Savona eine Rundreise durch das Mittelmeer gestartet hat. Das Ziel des Paares ist nach sieben Tagen wieder Barcelona, doch den ruhigen Hafen werden sie kein zweites Mal zu Gesicht bekommen.

          Nach der Ankunft in dem komfortablen Zimmer auf Deck 8 erkundet der Polizist, der mittlerweile in Rente gegangen ist, das große Schiff. Sein sonst so zufriedener Gesichtsausdruck ändert sich schlagartig, als er beginnt, von dem Unglück zu berichten: „Ich habe das Vertrauen verloren, man denkt einfach immer, dass einem so etwas nie passieren wird. Aber was in der Nacht vom 13. Januar geschah, prägt mein Leben noch heute.“

          Sie hörten einen metallischen Schlag

          Nach einer anstrengenden Rundreise in Italiens Hauptstadt beschließt das Paar aus Lauterbach im Vogelsbergkreis schon am frühen Freitagabend in einem der fünf Bordrestaurants essen zu gehen. Mit seinen 65 Jahren befindet sich der 1,75 Meter große, braungebrannte Mann schon auf seiner siebten Kreuzfahrt, davon die zweite mit der Schiffsgesellschaft Costa. Als er und seine Frau sich nach dem Abendessen in die Kabine zurückgezogen hatten, hörten sie einen metallischen Schlag. „Es war kurz vor 21.45 Uhr. Ich hatte schon den Schlafanzug an und wollte das heute journal sehen.“ Beide wussten nicht, dass das riesige Schiff gegen 21.30 Uhr mit einem Felsen nahe der Insel Giglio kollidierte, was auch der Grund für den Stromausfall war, der kurz darauf folgte.

          Eiswürfel flogen durch die Kabine

          Als das Schiff durch den etwa 70 bis 100 Meter langen Riss im Bug Schlagseite bekommt, erklingt wenig später über Lautsprecher eine Durchsage, zuerst auf Italienisch und dann auf Deutsch. „Laut Kapitän hat es sich damals um elektrische Probleme gehandelt, aber man wird schon misstrauisch, wenn plötzlich ein Behälter mit Eiswürfeln quer durch die Kabine fliegt, obwohl es sich um ein Problem mit der Elektronik handeln soll“, sagt Reinhardt zögernd. Nach kurzer Überlegung beruhigt sich das Paar, das wie alle anderen Passagiere von der Kollision mit dem Felsen nichts mitbekommen hatte, mit dem Gedanken an eine Seenotrettungsübung, die auf jeder Kreuzfahrt durchgeführt werden muss.

          Wasser in den Gängen

          Nichtsahnend legen beide die Schwimmwesten an, als das zweite Notsignal ertönt und alle Passagiere auf Deck vier zu den Rettungsbooten gerufen werden. Panisch zieht sich Helmut Reinhardt um. Fluchtartig verlassen die beiden ihr Zimmer, um dann erschreckt festzustellen, dass die Gänge sich schon mit Wasser füllen. Als sie auf dem Deck ankommen, werden nach wenigen Minuten die Rettungsboote abgeseilt. Das Gedränge der 4229 Passagiere führt dazu, dass Helmuts Lebensgefährtin beinahe abgedrängt wird. Dann schaffen es die beiden aber doch, in ein Boot zu gelangen.

          Als dieses abgelassen wird, kippt es nach mehreren Metern freiem Fall auf eine Seite und bleibt schließlich in bedrohlicher Schräglage mit fast 45 Grad auf der Schiffswand liegen. Panik macht sich unter den Passagieren breit. Schreie hallen durch die kalte Januarnacht. Mit gegenseitiger Unterstützung schaffen es die knapp 50 Leute aus dem Rettungsboot heraus und klettern wieder auf das Deck zurück. „Bei einigen Menschen breitete sich so die Panik aus, dass sie sogar aus 12 Metern Höhe ins Wasser springen wollten“, schildert Reinhardt, der einen kühlen Kopf bewahrte und die Verzweifelten von dieser Idee abhielt. Nach einigen Minuten, die den zwei Lauterbachern wie Stunden vorkommen, ertönt der Ruf „Avanti“.

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