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Computerspielsucht : Offline ein Niemand

  • -Aktualisiert am

„World of Warcraft”: Weltweit mehr als 11,5 Millionen Spieler Bild: REUTERS

Wenn das Vergnügen zum Verlangen wird: Etwa drei Prozent der Jugendlichen sind süchtig nach Computerspielen. Die Mainzer Ambulanz für Computerspielsucht will sie wieder ins Leben zurückholen. Verbote halten Experten jedoch für sinnlos.

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          Seit 2004 gibt es das Onlinespiel „World of Warcraft“. Und seit 2004 verschanzt sich Michael F.* in seinem WG-Zimmer. Seine Mitbewohner treffen den 28-Jährigen höchstens noch zufällig auf dem Weg zur Toilette oder am Kühlschrank. Das Studium ist eingefroren, im Schwimmbad war der ehemals begeisterte Schwimmer seit Jahren nicht mehr. Das neue Hobby hat sein Leben übernommen.

          Michael F. ist kein Einzelfall. Auch David W. verbrachte acht bis zehn Stunden am Tag mit „World of Warcraft“. Mehrfach hat er versucht, das Abitur zu erlangen - erfolglos. Die Eltern versuchten auf ihn einzuwirken - er zog aus. So hatte er mehr Zeit für sich, mehr Zeit für das Spiel. Allein in seiner Wohnung hat David schließlich bemerkt, wie einsam er eigentlich ist, und seine Eltern konnten ihn davon überzeugen, eine Therapie zu machen.

          Vier Monate Wartezeit für einen Therapieplatz

          David bekam einen Therapieplatz in Deutschlands erster Ambulanz für Computerspielsucht, geleitet von Diplompsychologe Klaus Wölfling. Ein Modellprojekt. Seit einem Jahr therapiert Wölfling hier Jugendliche, bei denen das Spielen zur Sucht wurde. Zu 90 Prozent männlich und meist im Alter von 17 bis 25 Jahren. Die Nachfrage ist groß, schon kurz nach der Eröffnung vor einem Jahr waren die Therapieplätze komplett belegt. Ein Grund, aus dem das Modellprojekt, das auf eine Laufzeit von zwölf Monaten angelegt war, weiterhin Bestandteil des Universitätsklinikums in Mainz bleiben wird. Vier Monate warten Abhängige derzeit auf einen freien Therapieplatz. Laut einer aktuellen Studie hängt fast jeder sechste 15-jährige Junge täglich länger als 4,5 Stunden gebannt vor PC-Spielen, drei Prozent gelten als abhängig.

          „Counter-Strike”-Spieler: Nicht jeder, der viel spielt, ist süchtig
          „Counter-Strike”-Spieler: Nicht jeder, der viel spielt, ist süchtig : Bild: ddp

          Davids Therapieziel war es zunächst, seine Spielzeit auf ein bis eineinhalb Stunden am Tag zu reduzieren. Er schaffte es nicht. Er schlief kaum noch, bekam Kopfschmerzen und Aggressionen. Immer wieder wurde er rückfällig und spielte weiter. Nicht aus Spaß am Spielen, sondern weil er musste. Aus dem Vergnügen wurde ein Verlangen.

          Typische Entzugserscheinungen

          „Süchtige können einfach nicht mehr anders - sie müssen spielen“, erklärt Wölfling. Tun sie das nicht, leiden sie an Entzugserscheinungen, wie sie auch bei jeder anderen Sucht typisch sind. Im Gegensatz zu einer stofflichen Sucht bleiben die Entzugserscheinungen hier jedoch auf die Psyche beschränkt. Schlafstörungen und Nervosität seien dabei die harmloseren. Wölfling erzählt von Jugendlichen, die ihre Eltern wegen eines Computerverbots angegriffen haben. „Die rasten einfach aus.“ Auch kapseln sich Betroffene immer mehr von Freunden und Familie ab. Alltägliche Dinge wie Essen oder Hygiene werden nebensächlich, Schule und Beruf werden vernachlässigt. Es sind diese Folgeerscheinungen, die leidenschaftliche Spieler von Süchtigen unterscheiden. Denn nicht jeder, der viel spielt, ist süchtig.

          Wie David spielen Wölflings Patienten auffallend häufig Online-Rollenspiele. Spiele, wie „World of Warcraft“ oder „Herr der Ringe Online“, die im Multiplayer-Modus in Interaktion mit anderen Spielern über das Internet gespielt werden. Spiele, die keinen „Pause-Knopf“ kennen. Sie gehen weiter, auch wenn der Computer aus ist. Es ist diese Unendlichkeit, die dazu verleitet, jede freie Minute mit Spielen zu verbringen. Geht der Spieler stattdessen schlafen oder in die Schule, wird er immer etwas verpassen.

          „Schwerer davon loszukommen als von Drogen“

          Auch Kai H. ist fasziniert von Rollenspielen. „Bei anderen Spielen werden die Figuren meist von oben geführt. Bei „World of Warcraft“ ist man mittendrin - mit seinem eigenen Charakter“. Es sind vor allem die virtuellen Erfolge und Bekanntschaften, die ihn dazu bringen, Stunde um Stunde vor dem Computer zu sitzen. Kopfhörer auf, Außenwelt raus. Willkommen in der Welt der Kriegskunst. „Es ist wie das reale Leben - du bekommst Freunde, Erfolg, Anerkennung“, sagt Kai. „Wenn du aufhörst zu spielen, ist das alles weg.“ Er hält inne und fügt nachdenklich hinzu: „Deshalb würde ich sagen, es ist schwerer davon loszukommen, als von Drogen.“

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