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Computerspiele : Spiel des Lebens

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Amerikanisches Idyll im Computerspiel „Sims”: Mein Haus, mein Wohnzimmer, mein Partner - das muss doch Glück sein, oder? Bild: Electronic Arts

In dem Computerspiel „Sims“ imitieren Pubertierende am PC die Welt der Erwachsenen. Tools für nackte virtuelle Haut holen sie sich im Netz. In der neuen Version des Spiels sollen Abwege in eine selbstfabrizierte Sexualkunde stillgelegt werden.

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          Hinter den Türen der Kinder- und Jugendzimmer vollzieht sich eine Kulturrevolution. Und anders als 1968 können Eltern heute nicht davon ausgehen, dass es schon rechtzeitig laut werde, wenn sich hinter diesen Türen Werte verschieben.

          Dabei machen schon die Zahlen hellhörig, die der Weltmarktführer für Computerspiele Electronic Arts nennt: Rund 100 Millionen Exemplare seines Titels „Die Sims 2“ hat er verkauft. Das ist ein Rekord, und zwar nicht nur für Unterhaltungssoftware. Von Michael Jacksons Album „Thriller“ sind laut Sony Entertainment bis heute gerade einmal rund 60 Millionen Exemplare verkauft worden; von der DVD des Filmschlagers „Fluch der Karibik“ gingen seit Erscheinen läppische 15 Millionen Kopien über die Ladentheken. Nur wenige Bücher - etwa Tolkiens „Herr der Ringe“mit rund 150 Millionen Exemplaren - sind dank ihrer Zählebigkeit ähnlich beliebt.

          Auf der Suche nach dem Glück

          Jetzt könnte es aber selbst für die standhaften Hobbits eng werden, denn seit dem 2. Juni steht der Nachfolger „Die Sims 3“ in den Regalen. Electronic Arts frohlockt, man habe allein in der ersten Verkaufswoche 1,4 Millionen Exemplare abgesetzt. Dabei wird in „Die Sims“ weder geballert noch Fußball gespielt. Das Spiel macht nicht mehr, als das Alltagsleben einer amerikanischen Kleinstadt zu simulieren. Per Mausklick müssen die Kinder zum Hausaufgabenmachen gebracht werden und die Erwachsenen zum Geldverdienen. Es gilt, das Aquarium zu putzen, das Baby zu wickeln, den Hund zu füttern. Vor allem aber sind die Sims auf der Suche nach dem Glück - in seinen traditionellen Erscheinungsformen. Sie wollen einen tollen Job, einen eigenen Hausstand, einen Partner fürs Leben, gemeinsame Kinder. Man probt das Erwachsensein - anders als der Sender RTL nicht im überkommenen Menschenversuch, sondern in einer PC-Simulation.

          Von der groben Stadtplanung bis zum Kauf extravaganter Autos ermöglicht das Spiel alles, was schon den kleinen Lego-Bauer begeisterte.

          „Die Sims“, deren erste Version 2000 auf den Markt kam, sind das einzige Computerspiel, das Mädchen und Jungen von der beginnenden Pubertät bis ins frühe Erwachsenenalter in gleichem Maß schätzen. Von der groben Stadtplanung bis zur Konstruktion extravaganter Sims-Domizile ermöglicht das Spiel alles, was schon den kleinen Lego-Bauer begeisterte. Zugleich kann die erschaffene Welt mit animierten Spielfiguren bevölkert werden, die per Auswahlmenü Vorlieben und Charakterzüge erhalten. Was aber fast noch wichtiger ist: Die Spielfiguren lassen sich detailreich formen, frisieren, schminken und mit vielen, vielen coolen Klamotten ausstaffieren. Im virtuellen Raum der Sims vereinen sich Lego-Welt und Barbie-Welt.

          „Richtige Babys“ kriegen

          Dieser Raum hat Tages- und Jahreszeiten. Die Sims können morgens stundenlang das Bad besetzen und sich abends, nach getaner Arbeit, gegenseitig den Rücken kraulen. Sie können ins Tanzlokal gehen oder zu Hause bleiben und einen Roman schreiben. Sie können flirten, Techtelmechtel haben, heiraten und zum allergrößten Entzücken der jungen Spieler „richtige Babys“ kriegen, die dann genetische Merkmale beider Elternteile tragen. An diesem Punkt müssen selbst Ken und Barbie kapitulieren - vom Lego-Männchen ganz zu schweigen.

          Die Möglichkeit aber, Regisseur solcher grundsätzlich romantischer Fiktionen zu sein, hat den Erfolg des Spiels auf eine Weise begünstigt, die dem Hersteller mit der Zeit eher unliebsam wurde. Führte sie doch in den Vereinigten Staaten dazu, dass zeitweilig die Indizierung der Simulation kleinstädtischen Familienlebens gefordert wurde. Denn schon wenige Wochen nachdem „Die Sims 2“ erschienen war, konnte man im Internet eine Programmmodifikation finden, die es erlaubte, die Sims auch ohne Bekleidung zu sehen.

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