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Chinesische Erziehungsmethoden : Die Rückkehr der Frau Mahlzahn

Jim Knopf: Michael Endes Kinderbuch ist bis heute eines der erfolgreichsten in deutscher Sprache Bild: dpa

„Kinder müssen lernen, lernen, lernen! Immer brav stillsitzen und lernen!“: Jim-Knopf-Leser wussten lange vor Amy Chua und Pisa, wie die Chinesen ihre Kinder drillen. Dabei hatte sich Michael Ende alles nur ausgedacht.

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          Ping Pong hat schon vier Zähne, kann laufen und weiß sich fehlerfrei und gewählt auszudrücken. Dabei ist der kleine Bursche erst 368 Tage alt. Das erstaunt auch seine neuen Freunde Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, die kurz zuvor in Peking angekommen sind. „Wieso kannst du schon sprechen?“, fragen sie. Ping Pong wirft sich in Positur: „Das können in China schon die winzigsten Kinder. Spätestens mit zwei Jahren können sie lesen und schreiben und mit drei Mathematik.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          In Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und in dem gleichnamigen Film, aus dem dieser Dialog stammt, ist Ping Pong das 32. Kindeskind des Herrn Schu Fu Lu Pi Plu, seines Zeichens Oberhofkoch des Kaisers von China. Seit den Zeiten des frühreifen Kerlchens hat sich einiges geändert im Reich der Mitte. Den Kaiser gibt es schon lange nicht mehr, und die Ein-Kind-Politik erlaubt den wenigsten Großeltern 32 Enkel. Noch immer aber sind chinesische Kinder prächtige Schüler. Gerade haben es die Zöglinge aus Schanghai im Lernvergleich der OECD, dem Pisa-Test, auf den ersten Platz gebracht. An den Elite-Universitäten in aller Welt, in Wissenschaftszirkeln und berühmten Orchestern tummeln sich immer mehr Hochtalentierte aus Fernost.

          Der Lohn für die Qual liege im Erfolg

          Die Erklärung dafür könnte einfach lauten, dass China ein Fünftel der Weltbevölkerung stellt, weshalb dem Land ein Fünftel aller Begabten zuzutrauen sind. Es gibt aber auch gewundenere Begründungen. Die derzeit umstrittenste liefert die Yale-Professorin Amy Chua in ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“. Chua ist zwar in Amerika geboren, versteht sich aber ihrer Herkunft und ihrer Erziehungsmethoden wegen als eine typische chinesische Mutter. Sehr vereinfacht gesprochen, propagiert sie Drill und Strenge, um den Nachwuchs zu Höchstleistungen zu bringen. Nur durch eiserne Disziplin, ewiges Üben und Wiederholen, durch Freizeitverzicht, Entsagung und Furcht vor Strafe entfalte ein Kind sein volles Potential. Der Lohn für die Qual liege im Erfolg, in der Exzellenz, letztlich darin, überall die Nummer eins zu sein.

          Noch immer sind chinesische Kinder prächtige Schüler
          Noch immer sind chinesische Kinder prächtige Schüler : Bild: AFP

          Leser von „Jim Knopf“ kennen diese Art der Paukerei schon viel länger als Amy Chua. Sie ist 1962 geboren, Michael Endes Kinderbuch, bis heute eines der erfolgreichsten in deutscher Sprache, erschien 1960. Die erste Verfilmung durch das Marionettentheater „Augsburger Puppenkiste“ stammt von 1962, die zweite von 1978. In dem Werk gerät die Tochter des Kaisers, Li Si, an eine Lehrerin, die vielen Kritikern von Amy Chua als ihre perfekte Vorlage erscheinen muss: Frau Mahlzahn. Die Drachenfrau mit dem einzelnen langen Zahn kauft Li Si von der Räuberbande „Die Wilde 13“ und schärft ihr sofort und unerbittlich ein, was ihr als Schülerin blüht: „Ssssso, mein Kind. Mit Puppenspielen, Faulenzen, Spazierrrrengehen, Ferrrrrrien und all diesem Firrrrrlefanz ist es jetzzzzzzt ein für alle Mal vorrrrrbei. Es wird höchchchste Zzzzzzeit, dassss du einmal den Errrnst des Lebens kennenlerrrrrrnst.“

          In der Filmversion droht Frau Mahlzahn später der Prinzessin und den anderen Schülern ihrer Drachenschule: „Kinder müssen lernen, lernen, lernen! Und wenn sie nicht lernen, dann setzt es Hiebe, Hiebe! Hiebe sind gesund, viel gesünder als Essen und Trinken. Kinder dürfen nicht toben, müssen stillsitzen. Immer brav stillsitzen und lernen!“

          „Die Chinesen - eines der klügsten Völker der Erde“

          Abgesehen von den Hieben klingt das bei Amy Chua ganz ähnlich. Sie versagt ihren Töchtern das zweckfreie Herumtollen, den Besuch bei Freundinnen, droht damit, das Lieblingsspielzeug wegzugeben, enthält ihnen Mahlzeiten und sogar den Gang zur Toilette vor, wenn sie nicht spuren. Bei allem Zweifel an solcher Rigorosität wird man zugeben müssen, dass sowohl Amy Chua als auch Frau Mahlzahn recht erfolgreich mit ihrer Methode sind. Eine der Töchter der chinesischstämmigen Juristin gewann schon mit neun Jahren einen Klavierwettbewerb und trat als Jugendliche in der Carnegie Hall auf. In Endes Buch erweist sich die kleine Prinzessin als Rechenkünstlerin. Wie aus der Pistole geschossen kann sie das Einmaleins aufsagen – sehr zum Erstaunen des eher westlich sozialisierten Jim. Der hatte nicht bedacht, „dass Li Si ein chinesisches Kind war und dass chinesische Kinder schon mit vier Jahren die schwersten Rechnungen bewältigen können“. Im Vorgriff auf die asiatische Bildungshybris von heute ist Li Si erstaunt darüber, dass Jim noch nicht einmal lesen kann: „Aber du bist doch schon mindestens ein Jahr älter als ich!“

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