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Buddhismus : An der beschaulichen Mosel in den Buddhismus eintauchen

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Das Ich vergessen und sich erleuchten lassen: In Traben-Trarbach beherbergt das Buddha-Museum rund 2000 wertvolle Stücke aus fernen Ländern.

          Textaufgabe: Wenn man in einem Museum mit 2000 Ausstellungsstücken bei jedem einzelnen 60 Sekunden verweilt, wie viele Stunden benötigt man, um alle Exponate gesehen zu haben? Die Antwort: „Dann müsste man sich hier drin über dreißig Stunden lang aufhalten“, sagt der leger gekleidete, ältere Mann mit ansteckender Begeisterung. Claus Rettig ist wissenschaftlicher Leiter der europaweit größten Sammlung buddhistischer Kunst, die mehr als 2000 Exponate umfasst. Der mit seinen 70 Jahren eigentlich schon im Ruhestand lebende Mann hat Sinologie - Chinawissenschaften - und Japanologie in Hamburg, Taiwan, Hongkong sowie Japan studiert. „Ich habe schon viel in meinem Leben gemacht, in Museen gearbeitet, Bücher geschrieben. Als Ostasien-Wissenschaftler muss man sehen, wo man bleibt.“ Alle mühevoll erarbeiteten Kommentar- und Informationstafeln sowie einige Bücher, die die Museumsbesucher in Traben-Trarbach durch die Welt der buddhistischen Ikonographie begleiten, stammen von Rettig.

          Auf 4000 Quadratmetern

          Das gewaltige Museum direkt an der Mosel mit einer Fläche von gut 4000 Quadratmetern befindet sich in einem Jugendstilbau im beschaulichen Städtchen Traben-Trarbach, das jedes Jahr zahlreiche Besucher mit seinen malerischen Weinbergen und seiner Jugendstilarchitektur anlockt. Bevor es als Museum diente, beherbergte das Gebäude - wie sollte es in dieser Region anders zu erwarten sein - eine alte Weinkellerei. In mehr als 20 Jahren trug der erfolgreiche Geschäftsmann Wolfgang Preuss die Sammlung zusammen, vor allem durch Auktionen und den Kauf von Einzelstücken, aber auch ganzen Sammlungen. Er eröffnete seine Ausstellung im Jahr 2009. „Dass ich hier hingekommen bin, ist reiner Zufall“, erklärt Claus Rettig mit einem Schmunzeln. Er sei durch eine Information im Internet auf das Museum aufmerksam geworden und ist seit dem Eröffnungsjahr sesshaft in Traben-Trarbach.

          Um Erfüllung ihrer Wünsche gebeten

          Als Zufall würde es Lydia Unger nicht ansehen, wie sie ans Buddha-Museum kam. Die Leiterin und gute Seele des Hauses fühlte sich schon von der buddhistischen Lehre angezogen, als es das Museum noch gar nicht gab. In Trier geboren, verbrachte die schwarzhaarige, schlanke Frau nach ihrem Studium der Sozialpädagogik zunächst 25 Jahre in Argentinien und in Spanien. Dort begann sich in ihr der Wunsch zu regen, zumindest die Hälfte des Jahres wieder an der Mosel zu leben. Sie habe sich sogar schon mit dem Gedanken getragen, ausgerechnet in Traben-Trarbach ein Haus zu kaufen, und Buddha beim Vesakhfest, dem höchsten buddhistischen Feiertag, um Erfüllung ihrer Wünsche gebeten, als sie von einem Freund angerufen und auf das dort entstehende Museum aufmerksam gemacht wurde. Unger, die auch Kommunikationstrainerin ist, bewarb sich um die Stelle, bekam sie und wohnt heute direkt hinter dem Museum. In der hohen Glashalle in dessen Zwischengeschoß steht Ungers Lieblingsbuddha: eine 3,80 Meter große Bronzefigur aus China. „Sie stellt den Buddha Amitabha dar, einen der fünf transzendenten Buddhas“, erklärt die bekennende Buddhistin. „Er hat meine Gebete erhört.“

          Nur ein Schritt von der völligen Erleuchtung entfernt

          Neben Kolossen wie diesem beherbergt das weitläufige Museum auch die kleinste Buddha-Statue der Welt, die gerade mal so groß ist wie der Kopf eines Streichholzes. „Ich habe sie selbst vermessen, und wir stehen mit ihr sogar im Guinness-Buch der Rekorde“, schwärmt Rettig. In seinen bis zu vierstündigen Führungen durch das Gebäude leitet er seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur an Darstellungen Buddhas vorbei, sondern auch an filigranen Bodhisattva-Bildnissen - Wesen, die nur noch einen Schritt von der völligen Erleuchtung entfernt sind und sich für das Wohl anderer einsetzen - sowie bunten Thangkas, Rollbilder der tibetischen, buddhistischen Kunst.

          Warum haben Buddhas eigentlich immer eine Ausbeulung auf dem Kopf? Für Derartiges gibt es oft mehrere Erklärungen. Sie sind zum Teil recht albern, aber eigentlich ganz nett. Eine davon ist die, dass die Erleuchtung, zu der der Buddha einst unter dem Bodhi-Baum, einer Pappelfeige, gelangte, mit einer solchen Gewalt vom Boden her in ihm aufstieg, dass sozusagen seine Hirnschale nachgab. Durch solche und ähnliche Anekdoten und Geschichten - auch aus dem eigenen Leben - gelingt es dem wissenschaftlichen Leiter der Ausstellung, die Besucher zu begeistern. Schließlich hat der belesene Mann die Hälfte seines Lebens in Ostasien verbracht, darunter China, Japan, Taiwan und Südkorea - „mein Lieblingsland“, wie er bekundet.

          Ihm fehlt dazu das Sinnesorgan

          „Mir gefällt es besonders, wenn die Menschen während ihres Aufenthalts hier im Museum sich selbst und alles um ihre eigene Person herum vergessen. Denn das ist ja das eigentliche Ziel des Buddhismus und der buddhistischen Meditation: Das eigene Ich zu vergessen, das ,Ich, ich, ich‘ zu überwinden.“ Anders als sein Faible für die buddhistische Kunst vielleicht vermuten ließe, ist Claus Rettig selbst kein Buddhist, sondern bezeichnet sich als Agnostiker: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man sich angesichts der Zufälligkeiten und Unberechenbarkeiten des Lebens und der Welt einer Religion, einem Glauben, zuwendet. Aber mir fehlt zum Glauben schlicht das Sinnesorgan“, begründet er seine Haltung.

          In dem modernen Anbau mit seinen großen, abgedunkelten Fenstern, der sich wunderbar in das Erscheinungsbild des mehr als hundert Jahre alten Baus einfügt, befindet sich eine Reihe schlichter Buddha-Statuen aus einem glatten, grauen Gestein, die wahrscheinlich aus Burma oder Thailand stammen, da sie von den Mon - ein noch heute in Asien lebendes Volk - gefertigt wurden. „Das hier sind meine Lieblingsfiguren. Ich komme aus Norddeutschland, deshalb mag ich die Schlichtheit. Ich habe aber auch etwas für lustige Figuren übrig“, erklärt Claus Rettig und deutet auf einen thailändischen, kleinen, freundlich grinsenden und bunt bemalten Buddha in einer nahe gelegenen Vitrine.

          Das Geheimnis der Pagode

          Im ganzen Museum findet man auf hohen Figuren oder Nachbildungen von Pagoden Münzen. Pagoden sind hohe, turmartige Gebäude mit charakteristischen vorragenden Dachvorsprüngen und Gesimsen, die die jeweiligen Geschosse voneinander trennen, in denen man ursprünglich unter anderem die Überreste erleuchteter, buddhistischer Mönche aufbewahrte. Lachend verrät Claus Rettig das Geheimnis einer mit Münzen übersäten, knapp drei Meter hohen Pagode im unteren Teil des Gebäudes: „Man glaubt, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn eine Münze, aus einer gewissen Distanz in Richtung der Pagode geworfen, auf ihr liegen bleibt. Wenn nicht, muss man ein weiteres Mal oder mehrere Male werfen - immer mit einer neuen Münze. Ähnliche Vorstellungen existieren auch bei uns, zum Beispiel beim Trevi-Brunnen in Rom.“ Obwohl das Buddha-Museum in Traben-Trarbach noch nicht so prominent und frequentiert ist wie der berühmteste Brunnen Italiens, ist es nicht minder spannend und eindrucksvoll. Ein Besuch dieses moselländischen Geheimtipps lohnt sich für alle Buddhismus-Interessierten und solche, die es werden wollen.

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