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Bobfahrerinnen : Von der Anschieberin zur Pilotin

  • -Aktualisiert am

Es ist zeitaufwendig, gefährlich und macht ihnen großen Spaß: In Wiesbaden trainieren ehrgeizige Bobfahrerinnen.

          3 Min.

          Bobfahren in Wiesbaden? Das versetzt so manchen ins Staunen. Die hessische Landeshauptstadt liegt nicht gerade in einem Wintersportgebiet, und trotzdem hat sich das Bob-Team unter Trainer Tim Restle zu einer festen Größe im Bob-Sport gemausert. Die „Restle Training Group“ sind die Wiesbadener Bobfahrer, die sich aus der Leichtathletik entwickelt haben. Denn eines muss jeder Bobfahrer haben, eine extrem gute Athletik. „Der Bobsport hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt“, sagt die vierundzwanzigjährige Vanessa Mark, die Ende 2015 mit dem Bobfahren begonnen hat. Nicht nur, dass sie von da an sechsmal die Woche in der Halle oder auf dem Eis stehen musste. Sie ist, um ihrem Traum ein ganzes Stück näher zu kommen, von ihrer Heimat Dortmund, wo Familie und Freunde leben, nach Wiesbaden zu ihren Teamkollegen gezogen.

          Der Bob selbst wiegt schon 170 Kilo

          Das war eine riesige Umstellung in ihrem Leben. Sie spricht von einer „absoluten Einschränkung“ in vielen Bereichen ihres Lebens. Angefangen bei spontanen Ausflügen oder Urlauben, die sie sich nicht mehr erlauben kann, bis hin zu einer strikten Ernährung, um auf ihr Zielgewicht zu kommen. Denn beim Bobfahren gibt es genaue Angaben, was der gesamte Bob mit „Inhalt“ zu wiegen hat. Dazu zählt man sowohl das Gewicht der Athleten als auch die Kleidung. Ein Gesamtgewicht von 330 Kilogramm darf ein sogenannter Zweierbob haben, und davon wiegt der Bob selbst schon 170. So müssen die beiden Fahrer das Gewicht bei Bedarf ausgleichen, um es nicht zu überschreiten. „Vielen fällt das sehr leicht, ich habe jedoch dauerhaft mit meinem Gewicht zu kämpfen“, erzählt Vanessa entnervt.

          Maureen Zimmer, ihre 23-jährige Teamkollegin, begann vor fünf Jahren mit dem Bobfahren, nach einer langen Jugend-Leichtathletik-Karriere. Auch ihr Alltag richtet sich fast ausschließlich nach dem Sport. Sie betont, dass sie all dies nicht schaffen würde, wenn sie nicht so tolle Menschen hinter sich stehen hätte. Angefangen bei ihrer Familie und Freunden bis hin zu ihrem Ausbildungsbetrieb. Sie bekam von Anfang an die Hilfe, die sie benötigte. Ohne diese Unterstützung hätte sie vermutlich keine abgeschlossene Ausbildung bei der Dachdeckerfirma „Bender“ in Rüsselsheim oder sie hätte den Sport aufgeben müssen.

          Gehirnerschütterung und Prellungen

          Maureen hat im vergangenen Jahr die Position im Bob gewechselt. Vorher war sie Anschieberin wie Vanessa, und nun ist sie Pilotin beim BRC Oberhof. Als Pilotin hat sie viel mehr Verantwortung als in ihrer vorherigen Position. Denn Bobfahren ist nicht nur zeitaufwendig, es ist auch gefährlich. Die beiden erzählen von verschiedenen Stürzen, die sie schon hatten. Von einfachen blauen Flecken bis hin zu einer Gehirnerschütterung oder Prellungen an den Rippen haben sie schon alles erlebt. Doch bei dieser Sportart scheint das gar nicht sonderlich tragisch zu sein. Denn ein bekannter Spruch unter den Athleten lautet: „Du bist erst ein richtiger Bobfahrer, wenn du richtig gestürzt bist.“ Der Bobsport hat für die beiden jedoch auch viele schöne Seiten. Beiden Sportlerinnen gefällt am besten der Adrenalin-Kick während der Fahrt. Maureen als Pilotin fasziniert die Kombination aus der Explosivität am Start und der Konzentration während des Fahrens in der Bahn. Vanessa als Anschieberin hat die Aufgabe, zu Beginn der Fahrt den Bob mit der perfekten Geschwindigkeit auf die Bahn zu bringen. Von ihrer Kraft und Technik hängt der Erfolg eines perfekten Starts ab.

          Die Halle ist wie ein zweites Zuhause

          Die Trainingsgruppe ist beiden Athletinnen wichtig. Sie schätzen die Unterstützung, die sie von allen bekommen, und das Teamwork. Die Halle, in der die beiden sechsmal die Woche trainieren, befindet sich im Berufsschulzentrum in Wiesbaden, sie ist schon etwas heruntergekommen, was jedoch niemanden der Athleten stört. Da einige von ihnen schon seit vielen Jahren dort regelmäßig trainieren, ist es eher wie ein „zweites Zuhause“, wie Maureen ihr Trainingsumfeld bezeichnet. Allerdings ist die Halle in Wiesbaden nicht der einzige Trainingsort der Bobfahrer. Hier absolvieren sie nur ihr Athletik-Training. Die Technik und die Ausführung des Bobfahrens müssen sie jedoch selbstverständlich in einem Bob-Kanal einüben. Die Wintergebiete, die sie am häufigsten besuchen, sind in Oberhof und in Winterberg. Dorthin fahren sie regelmäßig von Oktober bis März. Maureen erzählt, dass sie in der letzten Saison nie mehr als zwei Tage am Stück zu Hause war. Doch warum leben sie so weit entfernt von ihrem eigentlichen Trainingsgebiet Oberhof? Oberhof ist nicht stark bewohnt und kann den Athleten, bis auf einen hervorragenden Eiskanal, nicht mehr bieten. Hier in Wiesbaden sind die meisten von ihnen geboren, und auch Trainer Tim Restle ist in einem Vorort von Wiesbaden aufgewachsen.

          Der Athletik-Trainer der beiden Sportlerinnen ist der sechsunddreißigjährige Tim Restle. Vanessa betont, wie wichtig es ihr sei, dass man mit seinem Trainer gut zurechtkommt. Sie bezeichnet sich als „sehr temperamentvoll und nicht so einfach“. In Restle hat sie den Menschen gefunden, der sie auch weiterhin auf ihrem Weg zu sportlichen Erfolgen fördern und motivieren wird.

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