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Selbstversorgerpaar : Beton statt Holz

  • -Aktualisiert am

Von Melbourne aufs Land: Ein Paar lebt als Selbstversorger und wappnet sich mit einem Stausee gegen Feuer.

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          Wir haben dieses Grundstück für ungefähr den gleichen Preis gekauft, wie wir ein Haus in der Gegend, in der wir zuvor lebten, hätten kaufen können. Hier leben wir aber auf 40 000 Quadratmetern“, erzählt Sue Mitchell. Die 57-jährige Australierin verließ mit ihrem Mann vor wenigen Jahren Melbourne und zog etwa 50 Kilometer nördlich der Metropole aufs Land, wo das Paar seitdem größtenteils als Selbstversorger lebt. „Die ersten Grundstücke, die wir uns angesehen haben, waren wunderschön, aber bergig. Wir reden hier von Buschfeuern: Die Frage ist nicht, ob der Berg brennen wird, sondern wann der Berg brennen wird. Deswegen haben wir uns nach flacherem Land umgeschaut.“ Dennoch war es wichtig, das zu bauende Haus an das australische Klima anzupassen. Direkten Einfluss auf die Auswahl der Baumaterialien und die Bepflanzung hatten die Kilmore-Brände 2014, die insgesamt 23 000 Hektar Land zerstörten und bis an den Rand ihres damals noch unbebauten Grundstücks kamen. Die Hausverkleidung sieht zwar aus wie Holz, besteht aber aus Beton und Holzfasern, weshalb sie in einem Buschfeuer nicht brennt. Die Bäume unmittelbar am Haus sind feuerresistent, die leicht entzündlichen sind am Rande des Grundstücks platziert, ein Kiesweg bildet eine Brandschneise. In den ersten Jahren nach ihrem Umzug haben sie einen Stausee von drei Megalitern, das sind drei Millionen Liter, angelegt, aus dem Helikopter im Falle eines Feuers Wasser holen können, um es möglichst schnell zu löschen. Seit sie eingezogen sind, gab es dort noch keine schlimmen Buschbrände, da sie sich zwischen zwei Brandzyklen befinden, was mehr Regen und nasse Winter bedeutet.

          Einen Tag lang hacken sie Kaminholz

          Dem kinderlosen Paar war es wichtig, australische und europäische Architektur zu vereinen. So fügt sich ihr Haus in die australisch-europäische Umgebung mit vielen Laubbäumen ein und spiegelt ebenfalls Sues deutsch-schottische Herkunft und die lettischen Wurzeln ihres Mannes, des pensionierten Zahntechnikers, wider. „Das Einzige, das wir aus der Stadt bekommen, ist Elektrizität. Zum Heizen nutzen wir Solarplatten auf dem Dach. Wir haben kein Stadtwasser, wir sammeln unser eigenes“, berichtet Sue. In zwei Wassertanks werden jeweils 54 000 Liter Regenwasser gesammelt, das übrige Wasser fließt hinunter in den Stausee, dient als Löschwasser oder wird zur Bewässerung des Gartens genutzt. Im Garten wachsen 18 Obstbäume und -büsche, unter anderem Apfel, Birne, Kirsche, Mandel, Orange, Zi­trone und Grapefruit. Außerdem ernten sie dort Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren, Stachelbeeren sowie schwarze und rote Johannisbeeren. Mit Brokkoli, Kartoffeln, Zwiebeln, Gurken, Paprika, Mais und Pak Choi ist der Gemüsebedarf gedeckt. Zusätzlich zum Obst- und Gemüseanbau erfordert das unabhängige Leben Arbeit. Das Rasenmähen des riesigen Grundstücks dauert acht bis zwölf Stunden. Während der kälteren Monate hacken sie im Wald ihr Kaminholz, was einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Doch damit sparen sie mehrere Hundert Dollar, und es sei ein schönes Erlebnis, sagt das Paar.

          Vor dem Wohnzimmer grast eine Horde Kängurus

          So können sie sich auch vorstellen, in Zukunft Schafe oder Hühner zu halten, Platz wäre genug. Doch auch jetzt bekommen sie schon häufig Besuch von Tieren, die durch ihren Garten hoppeln: Hasen und Kaninchen, gelegentlich Hirsche und sogar Kängurus. Manchmal ist es ein halbes Dutzend, manchmal eine Horde von 80 bis 100 Kängurus, die vor dem Wohnzimmerfenster grasen. Wenn sie ihre eigene 360-Grad-Landschaftsaussicht verlassen wollen, unternehmen die beiden gerne Tagesausflüge in die Berge, die nur 20 Minuten entfernt sind. Doch auch für die Fahrt zur Arbeit in Melbourne braucht die Deutschlehrerin nur 30 Minuten; eine Dauer, die auch viele Leute innerstädtisch auf sich nehmen. Sue berichtet davon, dass das Leben auf dem Land, aber dennoch so nah zur Stadt eine gute Balance zwischen Arbeits- und Privatleben schafft. „Wir möchten so lange wie möglich hierbleiben“, sagt sie. Deswegen sei das Haus auch ebenerdig, und das Gemüse wächst in Hochbeeten, sodass sie sich im Alter nicht bücken müssten. Sue sagt: „Wir lieben es, hier zu sein. So viel frische Luft, so viel Platz, wir genießen es wirklich, hier zu leben. Es ist gut für die Seele.“

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