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Mehrgenerationenhaus : Das Hägli-Denken ist in der Hausgemeinschaft aufgeweicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Im größten selbstverwalteten Mehrgenerationenhaus der Schweiz sind die Mieten günstig. Aber die Bewohner müssen im Jahr 30 Stunden mit anpacken.

          Schon von weitem ist das Mehrgenerationenhaus in Winterthur-Neuhegi zu sehen. Die rote-beete-farbige Fassade ist bereits an vielen Teilen verblasst und hinterlässt den Eindruck, dass dieses Gebäude schon seit den frühen 2000ern hier steht. Die ehemalige Gießerei, die noch immer diesen Namen trägt, ist jedoch erst seit Anfang 2013 bewohnt. Die Planung für das größte selbstverwaltete Mehrgenerationenhaus der Schweiz begann bereits im September 2005. Hier leben heute rund 240 Erwachsene und mehr als 100 Kinder und Jugendliche, aufgeteilt in einen Ost- und Westflügel. Isidor Riedweg und Marianne Bender- Riedweg sind zwei davon. Sie wohnen im dritten Stock des Ostflügels. Die Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung des Ehepaares ist hell und freundlich. Im Wohnzimmer riecht es nach Kaffee, auf dem Holztisch stehen Tassen, Gläser und Schokolade. Hinter der Scheibe des Fensters, das die ganze Wand einnimmt, erstreckt sich eine Wiese mit Wohnblöcken in Sichtweite. Auch das neugebaute Schulhaus ist zu sehen. Der Raum ist minimalistisch eingerichtet mit Tisch, Bücherregal, Sofa und kleiner Küchenzeile.

          Mit hohem ökologischen Standard

          Der Aufstieg zu ihrer Wohnung ist dagegen schmal, dunkel und wirkt durch die Betonwand kalt. Nur einige Fotos, Zeichnungen und die hellblaue Malerei, die mit einigen Strichen das Blätterwerk eines Schnurbaumes darstellen soll, hellen das Treppenhaus auf. In der Gießerei gibt es acht solcher Treppenhäuser. Jedes ist einem anderen Baum gewidmet. Diese Bäume stehen im Innenhof. Die Siedlung hat einen hohen ökologischen Standard und nennt sich selbst autofrei. Denn für alle 340 Bewohner gibt es nur 30 Parkplätze. Dafür gibt es umso mehr Fahrräder und sogar eine eigene Velo-Werkstatt im Erdgeschoss. „Eine ehemalige Berufskollegin, die damals während des Prager Frühlings geflüchtet ist, erzählte mir, dass dieses Wohnkonzept sie an den Ostblock erinnere, während wir total begeistert davon waren“, erklärt Isidor Riedweg schmunzelnd und lehnt sich auf dem Holzstuhl zurück. Hier gibt es Treppenhausverantwortliche, und alle, die hier leben, müssen 30 Gießereistunden im Jahr arbeiten. Seine Frau, eine noch arbeitende Bibliothekarin mit kurzen, graumelierten, braunen Haaren und Brille, hilft im Garten mit. Der 71-jährige Isidor setzt sich tatkräftig im Hausverein ein und ist dort Ko-Präsident. Sein Alter ist ihm nur an seinen kurzgeschnittenen weißen Haaren und der Brille anzusehen. Beide sind mit dem intensiven Leben, das die selbstverwaltete Siedlung mit sich bringt, zufrieden.

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