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Berühmte Schulversager : Schlechte Zensuren? Halb so schlimm

Schüler mit schlechten Noten müssen die Hoffnung nicht aufgeben Bild: picture-alliance/ dpa

Schüler mit schlechten Zeugnissen müssen die Hoffnung nicht aufgeben: Viele bekannte Leute sind sitzengeblieben oder haben zumindest in der Schule schlecht abgeschnitten und trotzdem später Karriere gemacht.

          In diesen Tagen und Wochen gibt es Zeugnisse und Abiturergebnisse. Sie fallen nicht immer gut aus. Die Eltern machen deshalb manchmal großen Ärger. Sie haben die Angst, ihre Kinder könnten mit schlechtem Abschluss später keinen guten Beruf wählen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Oft ist die Sorge übertrieben. Schüler, die wegen schlechter Noten sitzenbleiben, schneiden später beim Schulabschluss oft besser ab als ihre Mitschüler. Das hat das Forschungsinstitut RWI vor einigen Jahren herausgefunden. Sitzenbleiber packt vielleicht der Ehrgeiz, es allen einmal zu zeigen.

          Viele bekannte Leute sind sitzengeblieben oder haben zumindest in der Schule schlecht abgeschnitten und trotzdem später Karriere gemacht.

          Sido: „Ich saß immer in der letzten Reihe”

          Auch Christian Wulff ist sitzengeblieben

          Aus dem Deutschunterricht kennen viele Schüler Thomas Mann, einen der berühmtesten deutschen Schriftsteller überhaupt. Er ist der Superstar der Leute, die Bildung und Literatur für wichtig halten. Thomas Mann hat das Lübecker Gymnasium Katharineum vor dem Abitur verlassen. Berühmte Autoren wie Franz Kafka, Bertolt Brecht und Theodor Fontane waren kaum besser. Amerikas berühmter Präsident Abraham Lincoln hat sogar nie eine Schule besucht, er lernte zu Hause.

          Unter den Persönlichkeiten, die in der Schule eingebrochen sind, sind überraschend viele Politiker. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, ist sitzengeblieben. Der frühere Ministerpräsident von Bayern, Edmund Stoiber, auch. Auch viele Bildungspolitiker haben Ehrenrunden gedreht.

          234.000 Schüler mussten eine Klasse wiederholen

          Dass es auch Prominente erwischt hat, ist kein Wunder. Manchmal erkennen die Lehrer und die Schulen nicht die besonderen Fähigkeiten und Begabungen, die in einem Schüler stecken.

          Das Urteil „Sitzenbleiben!“ trifft viele. Knapp 234.000 Jungen und Mädchen mussten dem Statistischen Bundesamt zufolge 2006/2007 eine Klasse wiederholen, das ist eine Quote von 2,7 Prozent.

          Jetzt wollen Schulen in einigen Bundesländern versuchen, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Lieber wollen sie den schlechten Schülern helfen, im Unterricht mitzukommen. Die Idee ist nach der Pisa-Untersuchung entstanden. Pisa ist der Name des großen internationalen Vergleichstests, der die Qualität der Schulen in der ganzen Welt untersuchte. Ein Ergebnis war, dass Länder, die im Pisa-Test gut abschnitten, ihre Schüler die Klassen nicht wiederholen ließen.

          Maskenmann mit mittlerer Reife

          Der Rapper Sido ist bekannt, erfolgreich und wohlhabend. Die Schule brach er in der elften Klasse ab. Er lebte als Schüler in Berlin im Märkischen Viertel, einem Stadtteil mit vielen Hochhäusern. Viele arme Familien wohnen dort. Sido besuchte unter seinem richtigen Namen Paul Würdig die Bettina-von-Arnim-Oberschule, eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Er selbst behauptet, dass er mit Drogen erwischt worden sei. Deshalb sei er von der Schule geflogen. Im Lied „Schule“ singt er: „Ich hab einfach ein großes Problem mit Autoritäten. Ich kann nicht aufpassen, kann nicht zuhörn, kann kein Mathe. Das ist auch, warum ich öfter plötzlich eine Krankheit hatte. Ich saß immer in der letzten Reihe.“

          Es wird auch behauptet, der Rapper habe das Abitur gemacht. Er wolle das aber verheimlichen, weil das schlecht für sein Image sei. Lehrer seiner Schule bestätigen dagegen, dass er wirklich gegangen ist. Die Texte mancher seiner Lieder sind unanständig. In Interviews wirkt er klug. Er singt auch: „Ich war gerne in der Schule, es war 'ne gute Zeit.“

          Gold in der Stimme

          Nena verließ das Gymnasium noch vor dem Abitur und begann eine Goldschmiedelehre. Sie sang nebenbei. Sie zog nach Berlin und arbeitete als Sekretärin bei dem bekannten Fotografen und Musik-Manager Jim Rakete. Gleichzeitig nahm Nena das Lied „Nur geträumt“ auf. Es wurde zum Hit, nachdem es in einer Fernsehsendung gespielt worden war.

          Danach folgten weitere Erfolge, darunter „99 Luftballons“, der in vielen Ländern Nummer eins wurde. Die große Zeit dauerte drei Jahre. Dann wurde es ruhig um Nena. Sie versuchte sich als Schauspielerin und Fernsehmoderatorin. Richtig erfolgreich wurde sie erst wieder, als sie ihre alten Hits neu herausbrachte. Sie hat vier Kinder. Kürzlich gründete sie eine Privatschule in Hamburg.

          Außenminister ohne Abschluss

          Bevor Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, war Gerhard Schröder der Chef der Regierung. Sein Außenminister hieß Joschka Fischer. Außenminister treffen sich mit Präsidenten, Ministern und sogar Königen anderer Länder, um mit ihnen Freundschaft zu schließen oder wenigstens die Freundschaft am Leben zu erhalten. Das Amt des Außenministers ist wichtig. Deutschland hatte gute Außenminister. Viele sagen, auch Joschka Fischer sei sehr gut in diesem Beruf gewesen.

          Damit hätte man nicht rechnen können, wenn man früher seinen Lebenslauf betrachtet hätte. Fischer hatte ohne Abschluss in der 10. Klasse das Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Stuttgart-Bad Cannstatt verlassen. Dann begann er eine Lehre als Fotograf, die er aber ein Jahr später wieder abbrach. Danach arbeitete Fischer als Spielwarenverkäufer. Er war mit der Politik und der Demokratie in Deutschland nicht einverstanden und schloss sich deshalb in Frankfurt einer Gruppe an, die Revolutionärer Kampf hieß. Sie lieferte sich Straßenschlachten mit der Polizei, bei denen einige Polizisten verletzt wurden. Als er schon Außenminister geworden war, entschuldigte sich Fischer für seine damalige Gewalttätigkeit.

          Er lernte die Demokratie respektieren und engagierte sich für die Grünen. Noch bis 1981 arbeitete er als Taxifahrer und bis 1982 als Aushilfe in einem Buchladen. 1983 dann wurde er für die Grünen in den Bundestag gewählt. 1985 wurde Fischer in Hessen Umweltminister. Später wurde er Chef der Grünen im Bundestag und schließlich sogar Außenminister. Er gilt als sehr zäh, eine Zeitlang ist er Marathon gelaufen. Und er kann sehr gut reden. Davon lebt er heute. Man kann ihn für Vorträge buchen.

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