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Berliner Unverpacktladen : Abgezapft und abgefüllt

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Wenig ist mehr, findet der Sozialarbeiter und hat in Berlin einen Unverpacktladen eröffnet. Das zieht immer mehr Kunden an, die Gutes wollen.

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          Beim Öffnen der Tür schwappt dem Kunden eine duftende Wolke aus Kaffee und Gewürzen entgegen. An den Wänden des „Fair-Unverpackt“Ladens im Berliner Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf reihen sich unzählige Spender und Gläser mit Getreideprodukten, Saaten und Nüssen. Auch Karaffen mit aromatischen Essigen und Ölen sind hier zu finden. Besonders stolz ist Eigentümer Florian Remmler auf seine Abfüllstation für Waschmittel. Dort können sich die Kunden das Konzentrat abfüllen und zu Hause selbst verdünnen. Das Motto lautet: „Plastikfrei, nachhaltig und (wenn möglich) regional.“

          Mit seiner Geschäftseröffnung im April 2020 verwirklichte sich der Sozialarbeiter einen Traum. „Mein Ziel war es schon immer, Dinge zu verändern.“ Nach Unzufriedenheiten im Beruf machte sich der 43-Jährige mit dem Unverpacktladen selbständig. Unterstützung erhielt er von seinen Freunden und einer Crowdfunding-Kampagne, die ihm innerhalb von zweieinhalb Monaten 27 000 Euro Startkapital zur Verfügung stellte. „Meine Eltern waren allerdings zuerst schockiert von meinen Plänen“, verrät der alleinige Eigentümer schmunzelnd. „Sie haben nicht verstanden, wieso ich einen sicheren Arbeitsplatz für eine Investition ins Ungewisse aufgebe.“ Der Berliner hielt trotzdem fest an seiner Motivation, Gutes zu tun und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Zu seinen Zielen gehört viel mehr als der Verkauf von verpackungsfreien Nahrungsmitteln und nachhaltigen Haushaltsartikeln. Er möchte über die Herkunft einzelner Importartikel aufklären und anregen, regional und einheimisch, anstatt international einzukaufen.

          Lieber fünf Kilo Basilikum in Plastikhülle

          Nachhaltigkeit liegt Florian Remmler besonders am Herzen. Statt neue Produkte zu kaufen, wertet er lieber gebrauchte Gegenstände auf und schenkt ihnen ein neues Leben. „Dinge müssen nicht neu und perfekt sein, sondern sollten Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlen.“ Auch die Sitzgruppe des Minicafés im Geschäft besteht aus alten und unbenutzten Möbeln aus ganz Berlin. Neben Upcycling setzt Remmler auf Fairtrade und Wiederverwendung. Zu seinen Lieferanten gehören neben dem fairtrade zertifizierten Großhändler Bananeira und der naturbasierten Bohlsener Mühle bis zu 90 Einzelanbieter wie sein Waschmittelhersteller aus Österreich.

          Doch liefern diese Hersteller wirklich plastikfrei und umweltbewusst? „Überwiegend schon. Trockene Nahrungsmittel werden oftmals in 25-Kilogramm-Papiertüten geliefert. Bei empfindlichen Produkten sind diese allerdings auch mit Plastikfolie ausgekleidet. Ansonsten erhalte ich meine Waren auch in Pfandbehältern oder Mehrwegbehältern, welche ab einer bestimmen Menge kostenlos abgeholt werden. Diese werden dann gereinigt und wieder neu befüllt.“ Dennoch ist in seinem Warenlager neben einfach recycelbaren Verpackungen auch Plastikmüll zu finden. Allerdings sieht der Inhaber diesen nicht als schlecht an. „Es ist besser, wenn ich eine 5-Kilogramm-Plastiktüte Basilikum auf etliche Haushalte verteile, anstatt dass jeder Haushalt ein einzelnes Zehn-Gramm-Plastiktütchen kauft. Die Menge macht es einfach.“

          Nicht an Tante-Emma-Läden orientiert

          Die Kunden sind nicht auf die einheitlichen, oftmals zu großen oder kleinen Verpackungsgrößen der Einkaufsläden angewiesen, sondern können individuell nach ihren Bedürfnissen entscheiden, wie viel sie von einem Produkt benötigen. „Ein Singlehaushalt benötigt meist keine Familienpackungen. Bei mir können die Kunden über die Größen entscheiden und immer wieder frisch nachholen.“ Neben Alleinstehenden und Studenten zählen Familien, Kinder und ältere Menschen zur Kundschaft. Hinter jedem Konsumenten steht eine andere Motivation. Einige tätigen ihren gesamten Wocheneinkauf im Laden, andere kaufen nur Backwaren, Eier oder frische Milch. „Und dann gibt es noch die, die sich bewusst nachhaltig und plastikfrei ernähren möchten.“ Der Kundenkreis nehme weiter zu, breite sich über den Bezirk hinaus aus. So kommen die verschiedensten Menschen zusammen und tauschen sich über ihre Ziele aus. Vor allem die ältere Generation sieht in dem Laden eine Erinnerung an früher. Als Orientierung sieht Remmler die einstigen Tante-Emma-Läden nicht. „Früher konnte man die Waren nicht anders lagern und anbieten. Heutzutage bieten Supermärkte die Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt alles frisch zu kaufen, allerdings ist das mit viel Müll und Energie verbunden. Ich habe mich bewusst gegen die Verpackungen entschieden, um der Umwelt etwas Gutes zu tun. Mein System gleicht dem von früher, allerdings ist meine Motivation dahinter eine andere.“

          Inspiration für die Frau aus Österreich

          Die weiteren Berliner Unverpacktläden sieht er nicht als Rivalen. „Es gibt genug Menschen in der Umgebung, die zu mir kommen und hier kaufen. Ich sehe die anderen Geschäfte eher als Bereicherung und Unterstützung in unserer Bewegung für ein plastikreduziertes Leben. Wir tauschen uns aus, anstatt uns auszubooten. Das alles ist ein großes Geben und Nehmen.“ Mit dieser Offenheit unterstützt der Familienvater auch Lisa, eine Praktikantin. Die Österreicherin holt sich Tipps und Inspiration, um in ihrer Heimat ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Helfen und Informieren ist Remmler besonders wichtig. So sieht er sich in Zukunft persönlich weniger im Geschäft, sondern möchte vermehrt in den Bildungssektor gehen. Auf Seminaren und in Workshops plant er, seine umweltbewussten Lebenswege weiterzugeben, und hofft, so etwas zu bewegen und mehr Menschen zu einem plastikfreien Alltag motivieren zu können. Das Geschäft soll bleiben. „Der Laden ist ein Treffpunkt, ein Ort für jeglichen Austausch und Kommunikation. Wir reden, diskutieren, beraten und lachen zusammen. Und manchmal sitzen wir einfach auf unserem Sofa, trinken Kaffee und essen Kuchen.“

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