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Beethoven für junge Leute : Beethovens Geist

  • -Aktualisiert am

Der gewaltige Klang in einem Konzertsaal berührt auch junge Menschen und bringt sie der Klassik näher. Dann sind sie bereit, in eine andere Welt einzutauchen.

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          Jugendliche stehen klassischer Musik oft skeptisch bis ablehnend gegenüber. Aber ist es wirklich Ablehnung? Entspringt diese Ablehnung nicht vielmehr einer Verunsicherung, die aus einer breiten Unkenntnis erwächst? So sieht es auch Nicolas Hrudnik. Der 1968 in Erlangen geborene Dirigent hat in Hamburg Musik studiert. Seit 25 Jahren leitet er das professionelle Chor- und Orchesterprojekt Musica Viva in Bremen. In der „Glocke“ gibt er mit diesen Ensembles regelmäßig Konzerte. Lässig gekleidet und die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, sitzt er zwischen einem Konzertflügel und zwei Vibraphonen in seinem Büro. Bei den meisten Jugendlichen sei das, was häufig als Ablehnung gedeutet werde, vielmehr eine Unkenntnis. Er weiß auch, woran das liegt: „Es ist der Mangel an Möglichkeiten. Es gibt zu wenig Berührungspunkte. Es fehlt an der Vermittlung und am frühzeitigen Einstieg.“ Wer Kinder und Jugendliche früh an klassische Musik heranführe, sei es „durch gemeinsames Musizieren oder durch gemeinsames Musikhören“, sorge bei ihnen für eine „große natürliche Offenheit gegenüber klassischer Musik“.

          Grundschüler sind unvoreingenommen

          Zu diesem Schluss kommt auch Regina Wittkopf, Musiklehrerin an der Heideschule Schwanewede. Die Grundschullehrerin sagt: „Bereits zu Beginn der ersten Klasse – und wenn möglich schon im Vorschulalter – ist es wichtig und möglich, Kontaktflächen zur klassischen Musik zu schaffen.“ Zu dem Zeitpunkt seien die Kinder noch unvoreingenommen, begeisterungsfähig und bereit, in eine andere Welt einzutauchen, deren Bilder und Geschichten die klassischen Werke reichhaltig zur Verfügung stellten. Der unmittelbare Zugang sei dabei wichtig. Für Hrudnik ist vor allem das Live-Erlebnis bei Konzerten von herausragender Bedeutung, um Jugendliche für klassische Musik zu begeistern. Seiner Meinung nach sollten Schulklassen regelmäßig Konzerte besuchen. Dabei sei es allerdings wichtig, so Regina Wittkopf, dass die Veranstalter solcher Konzerte auch tatsächlich gerade für das junge Publikum genügend Phantasie und Professionalität in diese Konzerte investierten, denn auf diesem Sektor habe sie auch schon lieblose und ungeschickt gestaltete Veranstaltungen erlebt. Hier setzt Nicolas Hrudnik an, der seine Konzerte für ein breites Publikum immer auf eine unnachahmliche und persönliche Art und Weise moderiert.

          Aktuell ist es für das Orchester besonders schwierig

          In der aktuellen Corona-Krise hat Hrudnik sich bewusst dagegen entschieden, alternative Wege der Musikvermittlung zu nutzen. Er meint: „Schon vor Corona gab es im Netz Millionen von hochwertigsten Aufnahmen, wo man schon zu Lebzeiten gar nicht in der Lage wäre, das alles anzugucken.“ Die Menschen liebten und brauchten aber „diesen gewaltigen Naturklang“, der nur beim gemeinsamen Erleben im Konzertsaal entstehe. Da Musica Viva weder staatlich noch privat subventioniert werde, sei die aktuelle Situation für das Orchester besonders schwierig. Davon sei die ganze „freie Szene“ betroffen. Die einzige Einnahmequelle ist der Kartenverkauf. Daher, so Hrudnik, lohne es sich auch nicht, unter den derzeitigen Auflagen vor 250 Personen aufzutreten.

          Am 16. Dezember wird Ludwig van Beethoven, Titan der klassischen Musik, 250 Jahre alt. In ganz Deutschland waren Projekte geplant. Anfang des Jahres gab es einen Festakt in der Beethovenhalle Bonn. Auch Nicolas Hrudnik findet es gut, dass das Jubiläum gefeiert wird. Die Investition in kulturelle Bildung lohne sich immer. Aufgrund der Corona-Krise musste vieles abgesagt werden. Was also tun, wenn die Möglichkeiten fehlen, den Meister durch öffentliche Feierlichkeiten der breiten Masse zugänglich zu machen? Eine Lösung wäre es, im eigenen Umfeld aktiv zu werden. Ein dreiwöchiges Seminarfachprojekt an der KGS Waldschule Schwanewede will Schülerinnen und Schüler täglich in einer Fünf-Minuten-Pause über die Lautsprecheranlage mit klassischer Musik vertraut machen, passend zum Beethovenjahr betitelt mit „Projekt Beethoven“. Und an der Heideschule in Schwanewede ist am 16. Dezember eine schulinterne Geburtstagsfeier für Beethoven geplant in Form einer kleinen, von Schülerinnen und Schülern vorbereiteten Ausstellung. Mit Bildern und Texten sowie Hörbeispielen aus Beethovens Kompositionen werden Kinder und Lehrkräfte eingeladen, sich von Leben und Werk berühren zu lassen.

          Er feiert den Komponisten jedes Jahr

          Auch kleine private Geburtstagsfeiern können organisiert werden, soweit dies die Infektionslage zulässt. So feiert Andreas Wittkopf mit seiner Familie und Freunden an diesem Tag alljährlich den Geburtstag des großen Komponisten. Er verschenkt zu diesem Anlass CD-Aufnahmen mit Werken von Beethoven, um sie bekannter zu machen. Andreas Wittkopf studierte Geophysik und evangelische Theologie. Er ist Pfarrer im Ruhestand und freischaffender Komponist. In seiner freien Zeit gibt er Kindern Instrumentalunterricht. Wittkopf ist Autor des Buches „Warum Beethoven?“, das auf seinen Erfahrungen bei der Vermittlung klassischer Musik in verschiedenen Zusammenhängen beruht. Seine Begeisterung für klassische Musik entspringt direkt der Neunten: „Der vierte Satz der neunten Symphonie von Beethoven hat mich ab dem ersten Hören begeistert. Seitdem bin ich ein großer Fan der klassischen Musik.“ Für ihn nimmt Beethoven eine Sonderstellung ein. „Er ist für mich der wichtigste Komponist überhaupt, weil er ein Kämpfer für die Freiheit war. Seine Musik bringt zum Ausdruck, dass nicht von Geburt an einige Menschen etwas Besonderes sind und andere weniger besonders, sondern dass alle Menschen ihren Geist bemühen sollen, das aus sich zu machen, was sie durch den Geist, der in ihnen ist, schon sind.“

          Nicolas Hrudnik schließt mit einem Appell an die Jugendlichen: „Bei aller Skepsis und allem Ungewohnten gegenüber klassischer Musik: Nutzt die Gelegenheit, im Beethovenjahr klassische Musik zu entdecken.“ Andreas Wittkopf ergänzt: „Lasst euch von Beethovens Geist der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit entzünden!“

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