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Bauernmalerei : Die Schweiz im Bilde

  • -Aktualisiert am

Lilly Langenegger hat die Bauernmalerei belebt und entdeckt, was Farben schöner macht. Ein Atelierbesuch auf ihrem Demeter-Hof im malerischen Appenzell.

          „Bei mir dauert alles ewig, ich bin pingelig“, sagt Lilly Langenegger. Eher modern und schlicht gekleidet, passt die immer noch jung und fröhlich wirkende 73-Jährige auf den ersten Blick nicht gerade zum Bild ihres Demeter Bauernhofs in Gais, auf dem sie lebt. Ihr fehlt das Aussehen einer klassischen Bäuerin aus dem Appenzellerland, und damit liegt man nicht so falsch. Lilly Langenegger kommt aus Zürich und wuchs dort in ärmlichen Verhältnissen auf. In einer Züricher Kinderkrippe machte sie eine Lehre als Erzieherin. Als sie mit 20 Jahren nach Gais in Appenzell kam, um dort zu arbeiten, lernte sie einen Bauern kennen, den sie 1969 heiratete. Sie hatte sich aber auch in Land und Leute verliebt, vor allem jedoch in die hier übliche Malkunst: die Bauernmalerei. Doch die vier Kinder und die Landwirtschaft ließen ihr anfangs nicht viel Zeit dazu. Mit dem Maltalent ihres Vaters, der Exaktheit ihrer Mutter und ihrer eigenen Beobachtungsgabe konnte Lilly schon als Kind Bilder detaillierter und professioneller als die anderen Kinder gestalten. Sogar dreidimensionale Zeichnungen brachte sie als Schulkind hervor – ihre Lehrer waren begeistert.

          Der Säntisberg ist ihr Lieblingsbild

          Als die 31-Jährige dann, durch einen Besuch in der Galerie „Bleiche“ in Appenzell inspiriert, mit der Bauernmalerei anfing, dachte sie zuerst, dass sie das bereits könne. Schnell musste sie feststellen, dass sie sich mit der Technik vertraut machen musste. Ländliche Motive, vor allem Bauern und Kühe, stehen bei dieser Malerei im Mittelpunkt. So malte sie diese auf ihrem Lieblingsbild, dem „Säntisberg in Urnäsch“, das zudem das Titelbild ihres Buches „Tigerli kommt heim“ ist, das im Appenzeller Medienhaus erschienen ist. Im Hintergrund ist der Berg Säntis zu sehen, der Vordergrund zeigt ein Bauernhaus, hinter dem Kühe und Ziegen grasen. Zuvor erschienen von ihr „Flöckli das Geisslein“ und „Bläss und Zita“. Die drei Kinderbücher sind bis heute erfolgreich und wurden ins Französische und Englische übersetzt. Ihre Illustrationen entsprechen nicht der klassischen Bauernmalerei, sie sind lebhafter, farbiger, realistischer und zeigen auch untypische Motive. Sie hat den klassischen Malstil neu belebt. So gestaltete sie für die Kinderhilfsorganisation „Pro Juventute“ drei Winterkarten mit ihrer Malerei. Aus ihrer heutigen Erfahrung erkennt Lilly Langenegger viele ihrer früheren Fehler beim Malen. „Früher wusste ich nicht, dass die Farben schöner werden, wenn man zum Beispiel bei Blättern zuerst mit Weiß und dann mit Grün und Hellgrün darübermalt.“

          Radierungen und ein Puzzle für Unicef

          Die Künstlerin fertigt auch Radierungen an. Diese Kunst habe sie erst später erlernt, weil sie der Nachfrage nach Bauernmalereien nicht mehr hinterher- gekommen sei. Das Schwierige daran sei die Farbe. Wenn man die Platte, in die man vorher etwas eingeritzt und mit Farbe überzogen hat, zu lange auf dem Papier lässt, wird das Blatt unter Umständen ganz schwarz. Eine farbige Radierung erfordere einen langwierigen Prozess. Dann müsse man verschiedene Platten anfertigen, die verschiedene Elemente einfärben. „Radierungen sind seit dem 14. Jahrhundert bekannt, man kennt sie leider bald nicht mehr – so wie die Stickerei“, sagt Lilly Langenegger, in deren Küche eine ihrer aufwendigsten Radierungen hängt. Die Aquatinta-Strich-Radierung trägt den Titel „Die friedlichen Kühe“ und zeigt einen Stall. Der Erfolg stellte sich aber auch bei den Radierungen ein. Unter anderem, da der „Verein für Orginalgrafik“ viele Kunstdrucke übernommen hat. 1980 gestaltete sie ein Puzzle für die Unicef, bei der sie zuvor schon eine Winterkarte mit Bauernmalerei entwerfen durfte. Bei allen Bildern habe sie Mühe, sich von ihnen zu trennen. Doch mit dem Verkaufspreis konnten sie und ihr Mann Rechnungen bezahlen. Und sie konnte sich eine Drehorgel kaufen. Ihre Bilder sind in der Schweiz durch viele Ausstellungen bekannt. „Radierungen passen eher an eine weiße oder beige Wand, und Bauernmalereibilder passen eher an eine Holzwand“, betont sie. Mittlerweile lässt sie es etwas ruhiger angehen, hat aber immer noch viele Ideen, wie sie selbst sagt. Die braucht sie auch, denn sie ist Großmutter von neun Enkelkindern.

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