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Bahnradsport : Auf schiefer Bahn

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Eine Woche Trainingspause ist für Leistungssportler Timo Bichler undenkbar. Der 20-jährige Bahnradfahrer hofft auf Olympia.

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          Den Tafelberg vor Augen saß ich bei weit geöffneten Fenstern in der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt und schrieb bei 23 Grad als einziger Schüler in einem Raum, nur beaufsichtigt von einer Lehrkraft, mein Bio-Abitur“, erzählt Timo Bichler. Der 20-jährige Bahnradfahrer aus Burghausen im Südosten Bayerns an der Grenze zu Österreich gilt als großes Nachwuchstalent im deutschen Bahnradsport. Der EM-Bronzemedaillen-Gewinner ist mit seinen 73 Kilogramm bei einer Größe von 1,82 Meter ein Fliegengewicht für einen Sprinter. Man muss windschnittig bleiben, um den geringstmöglichen Luftwiderstand zu bekommen. Sein Körperfettanteil beträgt lediglich 11 Prozent. Während seine Mitschüler im Januar in der Aula des Heinrich-Heine-Gymnasiums Kaiserslautern saßen und ihr Abitur schrieben, genoss Timo Bichler den Blick auf die beiden Ozeane, die an der Südspitze Afrikas aufeinandertreffen.

          Von Kaiserslautern nach Kapstadt

          Timo war zur Zeit des Abiturs in Rheinland-Pfalz mit der deutschen Nationalmannschaft in einem Trainingslager in Kapstadt. Quer durch die Welt zu reisen ist für ihn nichts Neues. Aber dieses Training war etwas Besonderes, es waren die ersten Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Trotz der besonderen Umstände gelang es ihm, sein Abitur im März zu bestehen. „Dass der Junge sein Abi im Ausland schreiben konnte, haben wir einer gelungenen Kooperation zwischen dem Bund Deutscher Radfahrer, dem Heinrich-Heine-Gymnasium Kaiserslautern und der deutschen Internationalen Schule Kapstadt zu verdanken“, sagt Timos Direktor Ulrich Becker. Jetzt dreht sich in Timos Leben wieder alles um den Bahnradsport. „Ich muss immer aktiv sein, eine Woche Pause vom Sport ist für mich undenkbar.“ Er hält den deutschen Jugendrekord über die 500-Meter-Bahn mit 32,827 Sekunden und den inoffiziellen Weltrekord bei den Junioren über die „stehende Runde“ von 250 Metern mit 17,787 Sekunden. Zudem holte er 2018 bei den Bahnrad-Europameisterschaften in Glasgow mit seinen Mannschaftskollegen Joachim Eilers und Stefan Bötticher den dritten Platz im Teamsprint.

          Seine Familie sieht er drei Wochen im Jahr

          Er lebt im Internat der Eliteschule des Sports. Seit seinem 14. Lebensjahr sieht er seine Familie höchstens zwei bis drei Wochen im Jahr. „Es muss dir Spaß machen, damit du so etwas machst.“ Das Geld, das er durch den Sport verdient, sei nicht der Rede wert. Er ist froh, mit Löffler, einer Sportbekleidungsfirma aus Österreich, der Sporthilfe Rheinland-Pfalz und Lotto Rheinland-Pfalz verlässliche Sponsoren an seiner Seite zu haben. Sechs Tage die Woche trainiert er. Um 7.10 Uhr beginnt Timos Tag mit dem Frühstück, die erste Stärkung vor der Einheit im Kraftraum um 9 Uhr. Gegen 16 Uhr folgt die zweite Einheit auf der Bahn. Dazwischen isst er und hält Mittagsschlaf. Die Pause von etwa zwei Stunden sei förderlich für die Regeneration. Abends ist er meist zu erschöpft, um etwas zu unternehmen. Aktuell qualifiziert er sich mit der deutschen Nationalmannschaft für die Olympischen Spiele. Die besten acht Nationen sind gesetzt. Im Februar 2020 gibt es ein letztes Kräftemessen bei der Heim-Weltmeisterschaft. Mit dem Team will er eine Medaille gewinnen. Doch vor allem die Holländer seien starke Konkurrenten. „Um bei Olympia zur Weltspitze zu gehören, musst du die Weltspitze sein“, sagt er.

          Als “Adrenalin-Junkie“ fährt er gerne Achterbahn

          Nach Olympia strebt Timo eine Ausbildung zum Polizisten an. Durch die Spitzensportförderung, die die Landespolizei Rheinland-Pfalz anbietet, kann er seine Ausbildung mit dem Sport kombinieren. Er bezeichnet sich als einen „Adrenalin-Junkie“, fahre gerne Achterbahn. Vor seinen Wettkämpfen hört er während des Warmfahrens laute Musik , bevorzugt „Remember the name“ von „Fort Minor“. Das helfe ihm, das Drumherum auszublenden und sich zu fokussieren. Mit seiner sympathischen Art, dem gewaltigen Willen in seinen braunen Augen sagt er: „Ich möchte der schnellste Anfahrer der Welt werden.“

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