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Axel Scheffler : Der Unzufriedene und die heile Welt

Axel Scheffler hat exlusiv für die F.A.Z. die Vorweihnachtszeit bebildert Bild: Axel Scheffler

An Weihnachten kommt das Bilderbuchmonster „Grüffelo“ ins Fernsehen. Es hat den Illustrator Axel Scheffler zum Star gemacht. Richtig glücklich ist der damit nicht. Ein Besuch in London.

          Wenn ein junger Drache im Flugunterricht gegen einen Baumstamm kracht, sieht das so aus, dass Kinder lachen müssen: Der Körper wirkt ein bisschen gestaucht, eine Vogelmutter mit ihren Jungen auf dem Ast oben drüber wird durch den Aufprall fast aus dem Nest geschleudert. Auf dem nächsten Bild klebt ein Mädchen ein Pflaster auf die Drachennase. Nur den Augen des Untiers ist abzulesen, wie ramponiert es sich fühlt. „Ich habe mir das Blut verkniffen“, sagt Axel Scheffler. „Ich dachte, das wird sowieso wieder wegretuschiert.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Axel Scheffler passt nicht in seine Bilderbücher. Zwei dünne Pflaster auf seiner Nasenwurzel wölben sich zu einem Horn, die Blutkruste über der geschwollenen Oberlippe sieht aus wie ein verrutschtes Hitlerbärtchen. Eigentlich, sagt Scheffler, habe er sich eine abenteuerliche Erklärung für seine Blessuren ausdenken wollen: eine prügelnde Verlegerin vielleicht. Neidische Kollegen mit Baseballschlägern. Weil der Zweiundfünfzigjährige aber Illustrator ist und kein Geschichtenerfinder, erzählt er, wie er vor ein paar Nächten von einer Dinner-Party nach Hause radelte und plötzlich über den Lenker mit dem Gesicht auf die Straße flog. Die Bremsen seines neuen Fahrrads waren einfach zu gut. Am nächsten Tag ließ er sich im Krankenhaus verarzten. Kaum hatte er seinen Namen genannt, sagte die Frau am Empfang: Ihre Enkelin liebe seine Bücher.

          Menschen, Tiere und Fabelwesen leben wie selbstverständlich miteinander

          Die Vorstellung, wie viele Kinder jeden Abend mit Scheffler-Bildern zu Bett gebracht werden, lässt einen schwindeln. „Der Grüffelo“, von der schottischen Autorin Julia Donaldson gereimt, hat sich seit 1999 weltweit mehr als 3,5 Millionen Mal verkauft. Seitdem sind - in Deutschland bei Beltz & Gelberg - mehr als zehn weitere Gemeinschaftsproduktionen erschienen. Von dem neuen Drachenbuch „Zogg“ will allein der englische Verlag 200 000 Stück auf den Markt bringen. Hierzulande sind bei Bilderbüchern Auflagen von maximal 5000 Exemplaren die Regel. „Ich bin weder Illustrator geworden, um reich noch um berühmt zu werden. Das ist beides so gekommen“, sagt Scheffler. Und: „Ich bin eigentlich nur Illustrator geworden, damit ich nie Anzug und Schlips tragen muss. Das ist gründlich schiefgegangen.“

          Axel Scheffler mit dem Ungeheuer „Grüffelo”

          Erst vor wenigen Wochen haben Scheffler und Donaldson bei den British Book Awards den Oscar der britischen Buchbranche entgegengenommen. An Weihnachten kommt der Grüffelo ins Fernsehen. Eine Hollywoodproduktion hatte um die Rechte geworben, eine vielteilige Serie war auch im Gespräch. Beides, glaubt Scheffler, hätte die Geschichte von der kleinen Maus, die ein Ungeheuer erfindet, um ihre Feinde in die Flucht zu schlagen, bis das Monster leibhaftig vor ihr steht, zerstört. Die animierte Adaption, die das ZDF jetzt im Vormittagsprogramm am Heiligabend zeigen wird, gefällt dem Illustrator. In den deutschen Sprechrollen: Heike Makatsch, Christian Ulmen, Otto Sander, Edgar Selge. Scheffler weiß selbst, wie ungewöhnlich solche Erfolge in seiner Branche sind. Bittet man um eine Erklärung, schwärmt er von der Brillanz seiner Erzählerin, von ihren eingängigen Reimen, ihrer leisen Moral. Aber Text ist bei einem guten Bilderbuch nur die halbe Miete. Axel Schefflers Illustrationen zeigen, was Julia Donaldson meint, manchmal auch mehr. Er schafft einen Kosmos, der die Phantasie beflügelt, weil Menschen, Tiere und Fabelwesen dort wie selbstverständlich miteinander leben. Letzteren, vom Eichhörnchen bis zum animierten Holzstock, ist keine menschliche Regung fremd. Schreck und Witz, Glück und Leid, alles hat seinen Platz - und sieht in Schefflers übersatten Farben, klar konturiert, immer aus wie eine heile Welt. Das gefällt den Kleinsten, fasziniert auch ältere Kinder und macht selbst Eltern als Endloswiederholung Spaß.

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