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Australien-Auswanderer : Er fühlt sich nicht zu Hause, aber von den Australiern akzeptiert

  • -Aktualisiert am

Down Under fehlen dem Schweizer Arzt und Vater von zwei Söhnen die Jahreszeiten, die Berge und tiefgründige Gespräche. Aber das sei Jammern auf hohem Niveau.

          Früher dachte ich, ich könnte überall leben.“ Constantin Frei schmunzelt. „Dann dachte ich lange Zeit, ich sei nirgends richtig zu Hause. Ich weiß jetzt, dass das nicht mehr stimmt.“ Vor vier Jahren zog er mit seiner australischen Frau und seinen Kindern nach Down Under. Dort lebt die Familie in der Stadt Caloundra, eine Autostunde entfernt von Brisbane, in einem großzügigen Haus, von dem man fünf Minuten zum Strand braucht. Mit 36 Jahren zog es Frei das erste Mal nach Australien. „Es war reine Abenteuerlust. Ich sah, dass im Bundesstaat Queensland Ärzte gesucht werden, also ging ich.“ Seine Frau Karen hat er damals in einem Paddelclub kennengelernt. „Sie war im selben Racing Team wie ich.“ Er fährt sich durch die kurzen braunblonden Haare und lächelt stolz. Das Paar lebte einige Jahre im Dorf Bäretswil im Zürcher Oberland, heiratete, ihr erster Sohn Harrison kam zur Welt. Constantin Frei arbeitete in einer Hausarztpraxis im Dorf, seine Frau besuchte Deutschkurse. „Die Sprache war das größte Hindernis für sie. Karen hat sich in der Schweiz nie richtig wohl gefühlt. Aufgrund ihrer fehlenden Ausbildung und Sprachschwierigkeiten blieb sie die meiste Zeit zu Hause bei den Kindern.“ Schmunzelnd sagt er: „Vielleicht war es aber auch wegen dem Nebel und den kalten Jahreszeiten.“ Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes Julian war die Rückkehr nach Australien beschlossene Sache.

          Das Ausland hat ihn von Anfang an gereizt

          Der Schweizer erzählt gerne von seiner Kindheit. Sein Vater war in leitender Funktion einer internationalen Firma tätig. Die Familie lebte mehrere Jahre in den Niederlanden, zwischendurch im Zürcher Oberland und in Nigeria. „Ich bin ein sehr stolzer Schweizer, aber das Ausland hat mich von Anfang an ebenso gereizt. Und gereist bin ich schon immer gern. Ich bin jedoch ein Familienmensch und vermisse meine Geschwister in der Schweiz sehr. Mir fehlen die Schweizer Traditionen. Ich hätte nie gedacht, dass sie mir so sehr fehlen werden.“ Auch nach fünf Jahren habe er manchmal noch mit Heimweh zu kämpfen. „Am meisten fehlen mir die Jahreszeiten, die Berge, das Essen und die Schweizer Gemütlichkeit.“ Mit einem Seufzen sagt der 48-Jährige: „Gute Freunde und mein ehemaliger Praxispartner fehlen mir auch sehr. Alle meine Freunde in Australien sind Europäer, mit Ausnahme eines Kanadiers und eines Australiers.“

          Er beschreibt die Aussies mit den Worten locker und unbeschwert. „Alle sind sehr herzlich, aber auch ein wenig oberflächlich“, meint er stirnrunzelnd. Ihm fehlen die tiefgründigen Gespräche, dies sei der Nachteil der lockeren australischen Lebensart. Trotzdem kann er ihr Gutes abgewinnen: „Die Australier sind leichter glücklich als die Schweizer. Sie brauchen nicht viel, um ein fröhliches Leben zu führen. Das bewundere ich sehr.“ Da er nichts Einseitiges studieren wollte und ihn sowohl der Kontakt zu Menschen und die Naturwissenschaften reizten, verwirklichte er mit einem Medizinstudium seinen Traumberuf.

          Manche haben seit Jahren keinen Arzt gesehen

          „Die Arbeit in der Praxis ist sehr abwechslungsreich im Vergleich zum Krankenhaus.“ Dazu kommt, dass der Kontakt zu seinen Patienten persönlicher sei. Am liebsten hat der Hausarzt in Bäretswil gearbeitet. „Ich habe sehr gerne mit meinem ehemaligen Praxispartner zusammengearbeitet und hatte ein tolles Team. Wir haben ein luxuriöses Gesundheitssystem, das ist in Australien nicht der Fall. Es gibt viel mehr Behandlungsmöglichkeiten in der Schweiz. Außerdem sind die Australier viel stärker vom Hausarzt abhängig als in der Schweiz.“ Dies sei so, weil die Menschen ärmer seien und sich keinen Spezialisten leisten könnten. „Manchmal behandle ich Leute, die wirklich sehr krank sind und bei denen man merkt, dass sie seit Jahren keinen Arzt mehr gesehen haben. Meistens kommen sie viel zu spät.“ Frei arbeitet in einer großen Praxis in Caloundra, in der zwölf Ärzte tätig sind. Oft gesehene Krankheitsbilder in Queensland seien schlechte Zähne, unbehandelte Geschlechtskrankheiten, unentdeckter Diabetes sowie Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen. Viele kommen mit persönlichen Problemen. „Man kommt sich manchmal schon ein bisschen vor wie ein Pfarrer oder ein Sozialarbeiter.“

          Mit den Söhnen ins Meer oder in den Pool

          In seiner Freizeit verbringt er gerne Zeit mit seinen Söhnen. Harrison ist sieben. Julian ist drei Jahre jünger. Sie gehen oft fischen und paddeln. „Australien ist eine Outdoor-Gesellschaft. Man verbringt viel Zeit draußen.“ Frei verrichtet gerne handwerkliche Arbeiten rund um sein Haus oder geht schwimmen im Meer oder im eigenen Pool. Ihm ist wichtig, seinen Söhnen ein Stück Schweiz weiterzugeben. „Ich spreche mit den Jungs Schweizerdeutsch. Zurück kommt aber leider nur noch Englisch. Trotzdem verstehen sie es meistens.“ Geschichten liest er ihnen auf Schweizerdeutsch vor. Die Buben kennen viele Schweizer Kinderbuchfiguren wie zum Beispiel „Globi“. „Ich habe mich nie hundertprozentig eingelebt und ich fühle mich nicht zu Hause. Aber ich fühle mich sehr akzeptiert.“

          Er und seine Frau sprächen oft über die Schweiz. Seine Frau jedoch fühlt sich in Australien am wohlsten. Ihre Eltern sind in der Nähe, sie genießt den offenen Lebensstil, spielt Tennis und Golf. „Ich selbst könnte mir jedoch sehr gut vorstellen, irgendwann wieder zurückzukehren, obwohl ich dann sicherlich auch Australien vermissen würde.“ Es bleibe ein ewiger Zwiespalt, dass er zwischen den Welten hin und her gerissen werde. Trotzdem möchte er nicht missverstanden werden. „Es ist Jammern auf hohem Niveau. Es geht mir gut in Australien.“

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