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Aussiedler : Was zählt, ist Freiheit

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Schläge in der Schule und Vorschriften für Kleidung und Frisuren - in Kasachstan wurde vieles vorgeschrieben. Marias Familie genießt ihr neues Leben.

          Meinungs- und Religionsfreiheit war stark eingeschränkt. Feind von Freund zu unterscheiden war damals sehr bedeutsam. In abgeschlossenen Klassenräumen schnell die richtigen Antworten zu treffen war anstrengend. Eine falsche Antwort oder die kleinste Abweichung wurde hart mit Schlägen bestraft.“ Maria Schlegel ist in Krasivoe aufgewachsen. Kasachstan war damals Teil der Sowjetunion. „Zu Hause wurde auf Wunsch meiner Eltern nur Deutsch gesprochen, für die Schule lernte ich Russisch. In der Schule gab es wenig Hilfe. Die einheimischen Kasachen mieden Deutsche. Mir hat das wenig ausgemacht, weil ich deutsche Freunde hatte und von einigen Kasachen höchstens ernste Blicke oder Geschwätz vernahm, welches ich nicht verstand.“ Marias Alltag zeichnete sich dadurch aus, dass sie für die Schule lernte und ihrer Familie auf dem Hof half, um mit ihren sechs Geschwistern ein gutes Leben zu führen.

          Besser im Vergleich zu anderen

          Marias Eltern waren Volksdeutsche aus der Ukraine. Ihr Vater arbeitete in der Arbeitsarmee. Nach seiner Dienstzeit war es ihm nicht erlaubt, in seine Heimat zurückzukehren, die Familie wurde nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Im Vergleich zu den anderen Familien im Dorf ging es ihnen aber deutlich besser.1985 machte Maria ihren Abschluss als Finanzfachfrau und lebte in einer Wohngemeinschaft mit einer Schwester und zwei Kolleginnen. Sie arbeitete in der Planungsabteilung einer Versicherungsfirma in Astana. Es war schwierig, mit dem Verdienst die Wohnung zu bezahlen. 1991 beschlossen sie, nach Deutschland auszusiedeln. Die Wohnungen waren teuer, die Steuern hoch, und sie musste Fortbildungen finanzieren. Alle in der Familie waren sicher, dass es in Deutschland mehr Wohlstand gibt. „Einige Verwandte wollten die Heimat nicht verlassen, reisten doch noch mit, weil ihnen die Familie viel zu wichtig war.“

          Im Sprachkurs lernte sie ihren Viktor kennen

          In Deutschland konnte sich Maria anziehen und frisieren, wie sie wollte. Das war damals in Kasachstan aufgrund strenger Vorschriften nicht möglich, die Kommunisten verlangten einheitliche Kleidung und Frisuren. Sogar die Fingernägel wurden kontrolliert. „Nach dem Ausfüllen aller Formulare und Papiere kamen wir in Wolfen in Sachsen-Anhalt an. Hier lebten wir unter vielen anderen Aussiedlern. Ich musste sechs Monate einen Sprachkurs besuchen und machte eine Ausbildung zur Floristin. Ich traute mich aufgrund sprachlicher Defizite die ersten zwei Jahre oft nicht, einkaufen zu gehen oder an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Es gibt hier in Deutschland viel weniger Zensur und umso mehr Freiheit. Die Menschen sind zuvorkommend und hilfsbereit.“

          Im Sprachkurs lernte sie ihren Mann Viktor kennen und zog mit ihm nach Friesoythe im Norden des Landkreises Cloppenburg, um Arbeit zu finden. Viktor kommt aus dem russischen Dorf Jekaterinoslawka und ist Fliesenleger und Tapezierer. Sie gründeten ihre Familie. Maria lebte 30 Jahre in Kasachstan und ist nun 25 Jahre in Deutschland. „Es brauchte seine Zeit, bis man sich hier einlebt, doch im Nachhinein ist dieses neue Leben sehr lebenswert. Deutschland gewährleistet im Gegensatz zum damaligen Kasachstan Stabilität, wenn es um die Kosten für den Lebensunterhalt geht. Die Politik ist einheitlich geregelt, es gibt viel mehr Dienstleistungszentren. Die Infrastruktur ist besser ausgebaut. Der wesentliche Unterschied ist aber die Freiheit.“

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