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Auf der Suche nach der Abstammung : „Papa ist nicht dein richtiger Vater“

Sabrina Sturm erfuhr mit 12, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater war Bild: Edgar Schoepal

Als sie zwölf Jahre alt ist, erfährt Sabrina, dass ihr Vater nicht ihr „echter“ Vater ist. Eine Welt bricht für sie zusammen, die Eltern wollten es ihr eigentlich gar nicht sagen. Seither suchte Sabrina ihren Vater. Nun hat sie ihn gefunden.

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          Sabrina wurde auf die Suche geschickt, da war sie noch gar nicht geboren.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sigrid ist neunzehn Jahre alt und im dritten Monat schwanger, als sie Helmut Sturm heiratet. Das Kind aber ist nicht von ihrem Ehemann, sondern von Kurt Peters*. Helmut Sturm weiß von der Schwangerschaft, Kurt Peters, ihr Exfreund, nicht. Helmut Sturm sagt Sigrid, er werde ihr Kind wie sein eigenes aufziehen, aber nur unter einer Bedingung: Das Kind dürfe nicht erfahren, dass er nicht sein leiblicher Vater sei. Das Baby kommt im Dezember 1976 zur Welt. Sie nennen es Sabrina.

          Sigrid Sturm hat den Eindruck, es sei nicht so sehr ihr Mann, der sich des unehelichen Kindes schäme, sondern seine Familie: Die Eltern sind angesehene Leute in Kempen bei Krefeld, die Mutter hat einen Lebensmittelladen, sie besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Nun könnte es Klatsch und Tratsch geben, vielleicht bleibt die Kundschaft weg und die Nachbarn zeigen mit dem Finger auf die Familie. Aber Helmut hat auch Angst davor, dass der leibliche Vater Ansprüche auf das Kind anmelden könnte. So lässt sich Sigrid, die Kurt Peters eigentlich alles erzählen wollte, auf den Wunsch der Familie Sturm ein. Peters erfährt nichts und das Kind soll es auch nicht erfahren. An das Kind, sagt die Mutter heute, habe sie dabei nicht gedacht.

          Sabrina mit ihrer Mutter Sigrid
          Sabrina mit ihrer Mutter Sigrid : Bild: Edgar Schoepal

          Den Vater geben sie als „unbekannt“ an

          Den Vater geben sie als „unbekannt“ an. Zwei Jahre später wird Sabrinas Halbbruder geboren. Es ist eine glückliche Kindheit und eine heile Welt, erinnert sich Sabrina, obwohl nie viel Geld da ist. Die Mutter ist Altenpflegerin, der Vater arbeitet als Automatenbefüller bei einem Großhändler für Tabakwaren. Sie haben eine Poolgemeinschaft mit den Nachbarn, im Sommer geht es mit der Großfamilie in den Urlaub, unzählige Ritterburgen an Rhein und Mosel werden besucht, weil Sabrinas Bruder so verrückt danach ist.

          Doch als Sabrina zwölf Jahre alt ist, lernt sie beim Spielen, dass es echte und unechte Kindheiten gibt, richtige und falsche Kinder. Sie erzählt ihrer Mutter, bei der Familie einen Stock tiefer sei der Vater nicht der „echte“ Papa des Sohnes. Die Mutter reagiert zurückhaltend, doch für Sabrina ist die Welt nicht mehr, wie sie war. Am Abend fragt sie dann: „Aber ich, ich bin doch Papas richtiges Kind, oder?“ Eine Sekunde lang schweigt die Mutter. Dann sagt sie: „Nein. Ich muss dir was sagen. Papa ist nicht dein richtiger Vater.“

          „Man wartet ja immer auf den passenden Augenblick“

          Das war der Moment, den die Eltern Sabrinas all die Jahre sorgfältig verdrängt hatten. „Mit der Frage habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet“, sagt Sigrid Sturm. „Man wartet ja immer auf den passenden Augenblick, um es zu sagen. Ich fühlte mich, als käme jetzt die Wahrheit ans Licht. Wir lebten ja mit einer Lüge.“ Jetzt habe sie plötzlich ein schlechtes Gewissen gehabt, in den Jahren zuvor nicht. Sabrina sei es ja die ganze Zeit über gut gegangen.

          Für Sabrina teilte sich ihr Leben in die Zeit davor und die Zeit danach. Die Zeit davor bezeichnet Sabrina heute als „behütete Bilderbuchkindheit“, die Zeit danach als „ziemliches Chaos“. Nach der Enthüllung der Mutter war sie verwirrt, ein bisschen wütend, „und ich fühlte mich veräppelt“. Es gab eine Menge Fragen.

          Ist er nun trotzdem ihr Vater?

          Warum hatte der Mann, den sie zwölf Jahre lang für ihren „echten“ Vater hielt, nicht mit ihr darüber gesprochen? Ist er nun trotzdem ihr Vater? Bleibt sie seine Tochter? Will, darf, kann sie ihm so nahe kommen wie früher? Was macht einen Vater zum Vater? Den Bruder zum Bruder? Was ein Kind zum Kind? Wer bin ich?

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