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Au-pair in Bilbao : Schreiender Gastsohn und Nachtarbeit

  • -Aktualisiert am

Eine junge Frau aus Stuttgart ging als Au-pair nach Bilbao und erlebte einige unangenehme Überraschungen. Doch dann wurde alles anders.

          3 Min.

          Was mit dem Wunsch, eine zweite Familie zu finden, begann, endete für die 19-jährige Gioia (Name geändert) in Psychoterror und Leistungsdruck. Als Au-pair in Bilbao wurde der gebürtigen Stuttgarterin einiges abverlangt. Auch wenn sich die blonde, etwa 1,60 Meter große junge Frau darüber im Klaren war, beschloss sie nach ihrer erfolgreichen Abiturprüfung, ein sogenanntes „gap year“ als Au-pair in Spanien zu machen. „Nachdem ich zwölf Jahre lang in Klassenräumen gesessen hatte, wollte ich etwas für mich tun, Erfahrungen sammeln, etwas erleben und andere Länder sehen.“ All das will Gioia in einem Jahr als Au-pair kombinieren. Sie hatte zwar schon vorher von Horror-Storys als Au-pair gehört, aber die positiven Meinungen im Internet überwogen für sie. Und genau deswegen ließ sich die Hobby-Ballerina bei einer Website zur Gastfamiliensuche registrieren.

          70 Euro in der Woche

          Diese Websites funktionieren alle nach einem ähnlichen System: Gastfamilien-Suchende schaffen sich ein Profil. Dieses beinhaltet grundlegende Informationen wie Alter, Name, Nationalität. Das Au-pair muss wie die Gastfamilien einen kleinen Vorstellungstext schreiben, in dem man sich möglichst von seiner besten Seite zeigt und seine Erfahrungen mit Kindern, den schulischen Hintergrund und weitere Erfolge angibt. Gastfamilien beschreiben meist den Alltag, die Aufgaben des Au-pairs, und natürlich werden auch einige positive Worte über die Kinder gesagt. Gioia erzählt, dass sie rund 70 Euro in der Woche verdienen würde, was genau im empfohlenen Bereich liegt. Nicht nur Eltern mit Kleinkindern suchen Au-pairs. Häufig geht es nicht um Windelnwechseln, Kochen und Putzen. „Ich war sehr überrascht, denn vielen Familien geht es um Unterstützung in der Schule und bei der Erlernung von Sprachen, bei den Vorbereitungen auf Klausuren soll man den Inhalt abfragen und die Lernzettel auf ihre Richtigkeit überprüfen.“ Perfekt für Gioia, sie spricht ihre Landessprache Deutsch, sehr gutes Englisch und gutes Französisch. Auch in anderen Fächern konnte sie ihre Noten zeigen, sie beendete ihr Abitur mit einen Schnitt von 1,8. Dementsprechend entschlossen schreibt sie einer Familie mit einem 15-jährigen Sohn aus Bilbao.

          Sie sei für die Noten des Kindes zuständig

          „Auf den ersten Blick sah alles fast zu schön aus, um wahr zu sein. Ich sollte dem Jungen bei den Hausaufgaben und beim Lernen für Klausuren helfen.“ Weiter beschreibt Gioia die Familie als harmonisch, freundlich und zuvorkommend. Mit der gesamten Familie kann sich die ehemalige Schülerin per Skype auf Englisch verständigen. „Ich habe mich schon bei unserem ersten Gespräch verliebt. Alles war genau so wie in meinen Vorstellungen.“ Doch wie Gioia später mit gesenktem Kopf erzählt, hält die große Liebe nur kurz. Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft wird ihr klar, dass die Eltern schon lange die Kontrolle über ihren Sohn verloren haben. „Er hat mich angeschrien, ignoriert und sogar geschlagen.“ Anstatt Hilfe von ihren Gasteltern zu bekommen, üben diese immer mehr Druck aus: Sie sei für die Noten des Kindes zuständig und müsse dafür eben auch mal spätabends und unter extremen Bedingungen arbeiten. Obwohl sie selbst morgens um halb acht aufstehen muss, gingen ihre Arbeitszeiten häufig bis 24 Uhr. „Alles war anders als vereinbart. Auch meine freien Wochenenden wurden mir gestrichen. Ich wohnte in der Nähe des Azkuna Zentrums, weshalb ich mich häufig mit meinen Freundinnen hätte treffen können.“ Sie hält den Stress nicht mehr aus. „Ich konnte einfach nicht mehr, schließlich sollte dieses Jahr das schönste meines Lebens werden.“ Sie beschließt, die Familie zu verlassen und in eine Ferienwohnung, in der Nähe der Gran Via, zu ziehen. Nachdem sie dies ihrer bisher freundlichen Gastmutter erklärt hat, wird sie mehr oder weniger rausgeschmissen. Da sie jedoch schon Freunde gefunden, die Sprachschule bezahlt und sich in die Stadt Bilbao verliebt hat, will sie bleiben. Gioia beschreibt Bilbao als „wunderschön, hell und lebendig“. „Es ist wirklich für jeden was dabei“, erzählt sie mit einem Funkeln in den Augen. „Das Guggenheim, Moyua-Kreisel, die tollen Restaurants und das Meer haben mich von Anfang an verzaubert.“ Da Bilbao eine recht moderne Stadt ist, kam sie auch mit ihrer etwas speziellen Ernährung gut zurecht. Denn seit zwei Jahren ist sie Veganerin. „Natürlich, den typischen Bacalhau und den Jamón konnte ich nie probieren. Aber wenn man sich ein wenig umschaut, findet man auch in Bilbao vegane Gerichte.“

          Falsches Verhalten wird nicht mehr toleriert

          Zudem haben sich die vielen Au-pairs im Baskenland eine Community aufgebaut. „Ich habe Freunde fürs Leben gefunden“, berichtet Gioia. Ebendiese Community hat ihr Hoffnung und sogar eine neue Gastfamilie gegeben. Nur kurze Zeit nachdem sie ausgezogen war, hörte sie von einer Au-pair suchenden Gastfamilie. Ihr Vorteil diesmal: Sie konnte sich persönlich mit der Gastfamilie treffen. „Das erste Treffen war noch sehr ernst und angespannt.“ Hier würde der Alltag anders aussehen, denn das Kind ist erst zwölf Jahre alt. Auf dem täglichen Plan von Gioia steht also diesmal auch Kochen, Zur-Schule-Bringen und Entertainen. Alles kein Problem. „Ich habe schon immer gerne gekocht, normalerweise deutsches Essen wie Schnitzel, damit das Mädchen auch ausländisches Essen probieren kann, und gegen eine jüngere Schwester hab ich auch nichts.“ Ihre neue Gastmutter versprach ihr auch, dass sich ihre Tochter zu benehmen weiß und falsches Verhalten gegen das Au-pair nicht toleriert wird. Genau das war es, was Gioia hören wollte. Wenige Wochen später zog sie in die kleine, aber schöne Wohnung ihrer neuen Gastfamilie. Und endlich war alles so, wie sie es sich gewünscht hat. Ihr Fazit: „Augen auf bei der Gastfamiliensuche.“ Aufgeben sollte man jedoch nicht zu schnell. Die tollen Familien gibt es wirklich.

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