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Appenzeller Fasnacht : Reaktivierte Rössli

  • -Aktualisiert am

Bild: Melissa Collmer

Appenzeller Trommelwirbel: Wie der kleinste Schweizer Kanton ein Brauchtum bewahrt und drei Tage lang Fasnacht feiert.

          3 Min.

          Einige Wolken ziehen über den blauen Himmel. Konfetti in allen Farben liegt auf dem Boden. Laut dröhnt „079“, der Schweizer Hit von Lo und Leduc, aus den Lautsprecherboxen, dazu Gelächter und Kindergeschrei. Von Jung bis Alt sind alle verkleidet und bunt im Gesicht bepinselt. „Nidelzeltli“ werden von den vielen aufwendig geschmückten Holzwagen geworfen, die in der Schweiz selbstverständlich noch von alten, kleinen Traktoren gezogen werden. Diese quadratischen, dünnen Karamellbonbons werden gierig von den Kindern und so manchem Erwachsenen geschnappt. In dem mit 15 000 Einwohnern bevölkerungsmäßig kleinsten Kanton der Schweiz wird der traditionelle Karneval drei Tage lang gefeiert. Der Schweizerdeutsch sprechende Kanton Appenzell-Innerrhoden liegt im Nordosten und ist von Zürich aus mit dem Auto in einer guten Stunde zu erreichen.

          Proben mit seinem Sohn machen  Freude

          Der Auftakt findet bereits am Vorabend des „Schmutzigen Donnerstags“ in der Gemeinde Appenzell, dem kantonalen Hauptort, statt. Die Einheimischen treffen sich auf dem historischen Landsgemeindeplatz, in der Mitte des 5700 Einwohner kleinen Dorfes am Fuß des Alpsteins. Der Begriff „Landsgemeinde“ kommt ursprünglich von den politischen Wahlen. Seit dem Jahr 1378 versammelten sich auf dem Platz am letzten Sonntag im April alle stimmberechtigen Männer, um über die wichtigsten amtlichen Behörden- und Landesangelegenheiten abzustimmen. Sie wählen per Handzeichen. Auch wenn in der Schweiz das Frauenstimmrecht 1971 allgemein eingeführt wurde, so dürfen die Appenzellerinnen erst seit 1990 ihren Arm mit in die Höhe strecken. Ausgehend von diesem traditionsreichen Platz führen die „Ommetrommere“ den Fasnachtszug durch die engen Gassen Appenzells an. „Ich mache hier mit, weil mein Sohn unbedingt daran teilnehmen wollte“, sagt Patrick Bernegger. Über der Schulter trägt der großgewachsene Appenzeller mit langen, ledernen Riemen seine schwarze, schimmernde Trommel und hält in den Händen die beigefarbenen Holzstäbe. Normalerweise hat der 47-Jährige nichts mit Trommeln zu tun, sondern singt leidenschaftlich in einem Chor mit. „Üben muss ich aber nur so fünfmal vor der Fasnacht“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Die Proben mit seinem kleinen Sohn als „Trömmelibueb“ bereiten ihm jedes Jahr ganz besonders viel Freude. Kurz darauf setzt das Vater-Sohn-Team trommelnd in das nächste Lied ein.

          Eine ganze Herde biegt um die Ecke

          In der Luft liegt ein typischer, leicht verbrannter Bratwurst-Duft. Die von den Schweizern geliebte Cervela, eine kleine grobe Wurst, wird 160 Millionen Mal im Jahr in dem kleinen Land verspeist. Die berühmte Spezialität wird übrigens der bekannten Kalbsbratwurst vorgezogen, die „nur“ rund 50 Millionen Mal konsumiert wird. Aufgrund der Lieder der Musiker und des typischen Karnevalslärms der Menschenmenge ist der Klang der feinen Glocken der „Botzerrössli“ kaum zu hören. Zuerst traben die Narren mit ihren runden Tellerpferden nur vereinzelt hinter den Musikern her, doch am Schluss kommt eine ganze Herde aus alten und jungen Reitern um die Ecke. Die extra dafür angefertigten Holzpferde sind von dunklem Kastanienbraun bis zu hellem Karamell gefärbt.

          Wenig Respekt fürs Militär

          „Man muss sich nicht vorbereiten, man lebt das einfach“, sagt René Schläpfer. Der 35-Jährige trägt wie alle Reiter eine alte Feuerwehruniform und ist mit einem pechschwarzen Schnurrbart geschminkt, die Backen sind feuerrot angemalt, der schwarze Hut macht das Outfit komplett. Durch das ovale Loch im Rumpf der Pferdeattrappen schlüpfen die kostümierten Reiter hindurch und können sich nun sogar an dem mit Glocken verzierten Zaumzeug festklammern. Damit die bemalte, hüfthoch getragene Pferdeattrappe nicht rutscht, wird sie mit Hilfe eines maronenbraunen Lederriemens über der Schulter befestigt. Unter den bemalten Rössern ist ein blutrotes Tuch gespannt, somit sind die Beine fast vollständig bedeckt. Der sportliche Mann macht schon zum fünften Mal begeistert mit, obwohl er mit Pferden außerhalb der Fasnacht nichts zu tun hat. „Jedes Jahr ist es speziell, nie ist es gleich.“ Die Tradition der Botzerrössli stammt ursprünglich aus dem süddeutschen Raum. Dieses närrische Treiben hat sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, damals hatten viele dem Militär wenig Respekt entgegenbringen wollen. Deshalb verkleideten sich Einzelne in Militäruniformen und trugen kritisierende Sprüche vor. Heute gibt es den Brauch nur noch in dem kleinen Kanton Appenzell. Bevor diese Tradition auch hier beinahe ausgestorben wäre, hat der Karnevalverein die „Rössli“ restauriert und wieder unter das Volk gebracht. Jedes Jahr können die ganz besonderen Pferdeattrappen dort ausgeliehen werden.

          Damals war sie Waldhexe

          „Sie gehören halt einfach dazu“, bemerkt eine kleine, kurzhaarige Frau mit bestimmendem Ton. Cornelia Geisser wohnt seit vielen Jahren in der Gegend. „Ich fühle mich hier einfach zu Hause, man kennt ein Haufen Lüt“, bemerkt sie schmunzelnd. „Meinen Mann habe ich auch während der Fasnacht kennengelernt“, sagt die 59-Jährige. Damals war sie als Waldhexe mit einer Holzmaske verkleidet und hat mit ihren Freunden Fasnachtsumzüge rund um ihren alten Wohnort Toggenburg besucht. „Doch in Appenzell ist es nun wirklich etwas ganz Besonderes.“

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