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Antiquariat : Gefragter Cicero

  • -Aktualisiert am

Thomas Wiederspahn führt ein Antiquariat in Wiesbaden und viele Gespräche mit bibliophilen Kunden. Kauft er Bücher an, dann nur jene ohne Kellergeruch.

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          Wer die Tür des Antiquariats durchschreitet, begibt sich in eine andere Welt. Der Geruch von altem Leder und vergilbtem Papier dringt einem entgegen, man fühlt die rauhen Seiten, hört deren Rascheln. Der Stadtverkehr ist ausgeblendet. Von Heinrich Heine stammt der Satz: „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen, ist die der Bücher die gewaltigste.“ Das Antiquariat von Thomas Wiederspahn am Rande der Wiesbadener Innenstadt belegt das, sogar bildlich: Bücherregale türmen sich zu allen Seiten auf, man sieht buchstäblich nichts als Bücher. Im Raum verteilte schwarze Ledersessel laden ein, sich vom Autor der Wahl entführen zu lassen. Monochrome Fotos aus London zieren die Wand. Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ von 1958 steht im Regal. Die Seiten haben mehr die Farbe von Holz als die des Papiers, das sie einst waren. Die 5000 Seiten von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zieren ein ganzes Regal.

          Seit 105 Jahren gibt es das Geschäft

          Von klein auf träumte der 62-Jährige davon, Goldschmied oder Buchhändler zu werden. Das Schöne in der Welt habe er entdecken wollen. Der Vater eines Freundes war Verleger, so kam er früh in Kontakt mit dem Buchwesen. Nach dem Abitur wollte er eine Lehre im Frankfurter Buchladen Mühlhausen machen. Jede Woche kam er vorbei und fragte. Nach acht Wochen hatte er seinen Ausbildungsplatz. 1984 übernahm er das inzwischen seit 105 Jahren bestehende Geschäft in Wiesbaden. „Ein guter Buchhändler werden Sie erst nach 20, eher 30 Jahren. Davor wissen die Kunden mehr als Sie.“ Diese Bescheidenheit zeichnet ihn aus.

          Hermann Hesse beschreibt er als prägenden Autor „im Denken und Tun“. In dessen „Steppenwolf“ geht es um eine Figur im Konflikt zwischen dem bürgerlich-künstlerischen Leben und seinem tiefen Wunsch nach Einsamkeit und Vollendung. Wiederspahn vereint diese Eigenschaften. Nicht nur beruflich verkörpert er das Ästhetische. Er geht gerne ins Theater oder liest Werke griechischer und römischer Philosophie. Von der digitalen Revolution kriegt man bei ihm wenig mit. Wiederspahn besitzt nicht einmal einen Fernseher, privat nutzt er auch das Internet nicht.

          Sie will sich einfach nur umschauen

          Die Ware bekommt er direkt von den Besuchern: „Bei Umzug oder Todesfall kommen häufig Angehörige vorbei und bieten uns die Bücher an. Manchmal kann man so gleich eine ganze Bibliothek kaufen.“ Hierbei betont er aber die äußerliche Qualität der Bücher. „Wenn das etwas ist, was nach zehn Jahren Aufenthalt in modrigen Kellern riecht, kommt mir das nicht ins Haus.“ Auch auf inhaltliche Seriosität legt er großen Wert. Eine Kundin, die mit mehreren Stücken kommt, muss er enttäuschen: „Wenn Sie das Buch nicht mit ins Bett nehmen würden, kann es auch nicht in meine vier Wände.“ Das Antiquariat steht für Qualität und Anspruch. Besonders durch den Online-Handel wird dies nötig, meint er. Er könne zwar nicht mit diesem Bestand mithalten, aber besonders die vernetzten Sammlungen eines breiten Spektrums an Sekundärliteratur wissen zu überzeugen. Die Preise kann er hier selbst festlegen, losgelöst von der Buchpreisbindung, das vereinfacht seine Arbeit. Eine Kundin betritt das Geschäft. „Einfach nur umschauen“ möchte sie sich. „Der Kundenstamm ist zweigeteilt. Etwa die Hälfte sind Gelegenheitskunden, die stöbern wollen und nichts Bestimmtes suchen. Die andere Hälfte sind unsere treuen Stammkunden, manche seit über 20 Jahren.“ Durch den geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt punktet er bei den Philosophie-, Theologie- oder Philologiestudenten der Mainzer Universität. Einmal habe er eine riesige Cicero-Sammlung innerhalb von Tagen an Mainzer Studenten verkauft.

          Früher war Hesse ein Anker

          Ein Lieblingsbuch hat er nicht. In seiner Jugend zog er die Bücher von Hesse als Ratgeber in schlechten Momenten heran, sie dienten ihm als Anker. 1973 kaufte er sich „Das Glasperlenspiel“ für genau diese Momente. Er hat es seit 45 Jahren nie angerührt. Trotz verlockender Umzugsangebote aus Frankfurt bleibt er. „Hier sind meine Kunden, hier möchte ich auch sein“, sagt er glücklich.

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