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American Football : Manchmal knallt es eben mal

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner

Groß und kräftig oder klein und flink: Beim American Football der Berlin Rebels sind viele Typen gefragt. Der Sport wird aus guten Gründen Rasenschach genannt.

          Blue 32 dive Ohio. On one, on one. Ready, Break!“ Auf „Break!“ klatschen elf im Kreis stehende, gepanzerte Jugendliche im Alter von 17 bis 19 Jahren gleichzeitig einmal in die Hand. Sie sind alle vollkommen anders; unterschiedlicher Körperbau, unterschiedliche soziale Herkunft, unterschiedliche Hautfarbe. Sie spielen American Football bei dem Berliner Footballteam Berlin Rebels. Einer der Spieler, Elias Nikroo, hat ihnen gerade den nächsten Spielzug mitgeteilt. Damit dieser erfolgreich wird, müssen sie als Team zusammenarbeiten. Ein Spiel besteht aus teilweise mehr als 100 solcher Spielzüge, wobei grob gesagt elf Spieler der Offensive versuchen mit dem Ball durch Laufen oder Werfen eine höchstmögliche Distanz zurückzulegen. Die elf Spieler der Defensive haben die Aufgabe, dies zu verhindern. Ziel ist es, die Person, die den Ball in ihren Händen trägt, zu Boden zu bringen. Dabei knallt es auch öfter mal. Beim Football gibt es mehr als 20 unterschiedliche Positionen, wobei für jede Position verschiedene Voraussetzungen gefragt sind. Für manche muss man groß und kräftig sein, für andere klein und flink. Manche müssen weit und genau werfen und wiederum andere den Gegenspieler so weit wie möglich wegschieben. So unterschiedlich sie auch sein mögen, als Team müssen sie zusammenspielen. „Football ist eben nichts für Individualisten“, sagt Amisson Sanca, Cheftrainer der Berlin Rebels U 19.

          Populärstes Einzelsportereignis der Welt

          Während in Deutschland die ersten American-Football-Vereine in den 1980er Jahren gegründet wurden, existiert der Sport in seinem Ursprungsland, den Vereinigten Staaten, seit ungefähr 120 Jahren. Anfangs spielten nur Unis gegeneinander, bis in den 1920er Jahren die ersten professionellen Spiele stattfanden. Die Profiliga „National Football League“, NFL, wurde, so wie sie heute ist, 1970 gegründet. Der Super Bowl, das jährliche Finale der NFL, gilt mit bis zu 150 Millionen Zuschauern als populärstes Einzelsportereignis der Welt. Auch die regulären Saisonspiele der Liga sind gut besucht. So war das Stadion des NFL-Teams Green Bay Packers das letzte Mal im Jahre 1959 nicht ausverkauft. Da Saisontickets weitervererbt werden können, stehen mehr als 110 000 auf der Warteliste. Trüge man sich heute in die Liste ein, würde es 950 Jahre dauern, bis man eine Saisonkarte als Abonnement erhielte.

          Philipp Timmermann ist der Sohn zweier Diplomaten. Als Kind hat er drei Jahre in Washington D.C. gelebt, bevor er zurück nach Berlin gezogen ist. Hier hat er angefangen, Football zu spielen. Im Sommer ist er im Zuge eines Auslandsjahres auf eine Highschool im ländlichen Illinois gegangen. Dort spielt er Football. „Football ist in den USA sehr viel populärer als Fußball in Deutschland“, sagt er. „In Amerika treffen sich viele Leute jedes Wochenende, um mit Freunden und Verwandten Spiele zu gucken.“ Populär ist auch College Football, hier spielen die bekanntesten Unis des Landes gegeneinander. Deren Stadien gehören mit einer Kapazität von häufig mehr als 100 000 Plätzen zu den größten der Welt. „Auch Highschool Football ist für viele Amerikaner unfassbar wichtig. Gerade auf dem Land und in Kleinstädten dreht sich darum alles. Den Teams werden einzigartige Mittel zur Verfügung gestellt. Jeder erhält eine gute Ausrüstung. Man hat Physiotherapeuten, die immer für einen da sind. Man hat die Spielzüge auf dem Computer oder dem Handy.“

          Die Berliner kämpfen um Plätze und Hallen

          Die Möglichkeiten, die Teams von Schulen in wohlhabenderen Gebieten zustehen, erinnern an die von Unis. „Highschools, die finanziell besser aufgestellt sind, haben dann neben dem Stadion und Trainingsfeldern zum Beispiel drei Krafträume statt einen und ein Footballfeld in einer Halle.“ Die Trainer, oft mehr als zehn, sind meist keine Lehrer, sondern werden von der Schule angestellt, um das Team so erfolgreich wie möglich zu machen. Ist dies der Fall, profitiert die Schule, vor allem finanziell. Den Footballspielern auf der Highschool wird ein Notendurchschnitt vorgegeben. Ihre Schulnoten müssen im Durchschnitt besser als dieser sein. Wer das nicht schafft, darf nicht spielen. „Wenn jemand in der Schule Probleme haben sollte, sind die Lehrer oftmals bereit, dieser Person besonders zu helfen oder teilweise sogar mehr Punkte für eine Hausaufgabe zu geben.“ Philipp Timmermann wurde mit nur einer Handvoll anderen zu den besten Spielern des Bundesstaats Illinois gewählt. Die wenigen, die dieses Ziel erreichen, tun dies in ihrem letzten Jahr auf der Highschool mit 18 oder 19 Jahren. Philipp ist erst 15. Zurzeit spielen fünf Deutsche in der NFL.

          Viele haben einen Hochschulabschluss

          Hierzulande stehen viele dem Sport kritisch gegenüber. Da raufen dicke, dumme Typen miteinander, während sie sich eine Gehirnerschütterung nach der anderen zuziehen. So lautet das Klischee. „Beim Football muss man vor allem schlau sein“, sagt der Berliner Spieler Elias Nikroo. „Auf dem Feld muss man schnell denken, reagieren und dann die richtige Entscheidung treffen.“ Man muss die Spielzüge, oft mehr als 500, auswendig lernen und innerhalb von Bruchteilen von Sekunden auf Formationen des gegnerischen Teams reagieren. Nicht ohne Grund haben viele NFL-Spieler einen Hochschulabschluss. So wird der Sport auch als „Rasenschach“ oder „Schach mit Menschen“ bezeichnet. Dem Problem der Gehirnerschütterungen wird durch immer bessere Helme entgegengewirkt.

          Neben den Teams der German Football League gibt es hier auch zahlreiche Jugendteams wie das von Sanca, der aus Frankreich stammt und als Key Account Manager in der Immobilienbranche arbeitet. „Unsere Vereine kämpfen jedes Jahr um die Vergabe von Plätzen und Hallen. Alles muss beantragt werden. Da es öffentliche Plätze sind, wird Fußballern meistens der Vorzug gelassen.“ Der 34-Jährige bleibt optimistisch. „Die Trainingszeiten sind nicht ideal, aber da müssen wir das Beste draus machen.“

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