https://www.faz.net/-gum-11p2f

Abspeckprogramme : Fette Chance, mageres Ergebnis

  • -Aktualisiert am

Dickmacher Big Mac Bild: dpa

Die kürzlich veröffentlichte Studie „Ernährung in Deutschland 2008“ zeigt: Die Generation XXL nimmt zu. Zahlreiche Programme sollen Kinder und Jugendliche beim Abspecken unterstützen. Ob sie wirken, weiß niemand.

          6 Min.

          Den Gürtel enger zu schnallen ist im Diät-Monat Januar kollektives Anliegen. Wie dringend es ist, steht in der soeben veröffentlichten Nestlé-Studie „Ernährung in Deutschland 2008“. Schwerwiegende „Ernährungsdefizite“ in der jüngeren Bevölkerung werden gemeldet, insbesondere „Heißhungerattacken auf Ungesundes“, „zu geringe Trinkmenge“, „zu viele Süßigkeiten“. Tags darauf schlug die „Stiftung Kindergesundheit“ Alarm: Nicht nur, dass der Nachwuchs zu viele Pfunde mit sich herumschleppt - immer mehr Babys kommen bereits als „Moppel-Ich“ zur Welt. „Kinder, die schon im Mutterleib überfüttert wurden, werden auch später mehr essen, als sie brauchen.“

          So weit, so schlecht. Messerscharf hat die Politik - das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) - Handlungsbedarf erkannt. Wer die Website des BMELV ansteuert, stößt auf eine gemeinsam herausgegebene Broschüre: „Förderung von gesunder Ernährung und mehr Bewegung“. Und bei www.kinder-leicht.net werden auf mehr als hundert Seiten zahlreiche Programme in Bundesländern, Städten und Gemeinden aufgeführt. Ihr Ziel: Kinder und Jugendliche sollen abspecken und runter vom Sofa.

          Verbote bringen nichts

          Strikte Verbote und Radikal-Diäten bringen bekanntlich nichts. Umso mehr Phantasie war offenbar gefragt, um den Angeboten Namen zu geben. „FitKids“, „Kinderleicht und bärenstark“, „PommeFRIZ“, „Mobydick“, „JumboKids“ oder „Coolfoodplanet“. Furchtbar lustige Bezeichnungen, die an den berühmten Löffel Zucker erinnern, mit dem bittere Medizin kaschiert werden soll. Vollmundig fallen auch die Konzepte der Psychologen, Ökotrophologen und Physiotherapeuten aus, die alle mitverdienen wollen. Von „psychosozialem Ansatz“ oder „motivationsgesteuerten Modulen“ ist die Rede, unbedingt sollen die Kleinen „die Lust am gesunden Essen entdecken“. Gut gemeint, aber längst nicht gut gemacht. „Meist steckt dahinter bloß ,Schürze um und Möhren schnippeln'“, lästert eine Schulärztin. Grundschüler malen ihr Körperschema an die Tafel oder kreuzen auf einem Arbeitsbogen an, wie viel Zucker in einer Flasche Cola steckt - aha! Die Lust auf Süßes oder Chips bleibt davon unberührt.

          In der Kinderklinik in Bad Orb wird Fettleibigkeit behandelt
          In der Kinderklinik in Bad Orb wird Fettleibigkeit behandelt : Bild: Rainer Wohlfahrt

          „Da werden unterschiedlichste Therapie-Angebote begünstigt“, sagt die Duisburger Internistin Annette Chen-Stute. „Ob etwas dabei herauskommt, ist ungewiss. Denn wer evaluiert das, um Erfolg oder Misserfolg zu dokumentieren? Niemand weiß es.“ Die Internistin beobachtet die Szene der Therapie-Gruppen und -Grüppchen genau. Sie selbst leitet ein Adipositas-Zentrum am Bethesda-Krankenhaus in Duisburg und ein weiteres in Oberhausen. Fettsucht und Übergewicht unter Jugendlichen werden in den nächsten Jahren immer höhere Kosten verursachen, so viel ist unter Medizinern wie Epidemiologen unbestritten. Umso wichtiger wäre es sicherzustellen, dass nicht nur Programme großzügig mit öffentlichem Geld gefördert werden, sondern auch deren Auswertung. „Es macht uns kirre, wie klein die Erfolge sind“, bestätigt eine Hamburger Fachärztin, die mit Rücksicht auf die Interessen ihres Arbeitgebers lieber anonym bleibt. „Wer von den Anbietern dieser Programme Geld erhält und wer nicht, ist einzig und allein auf Lobbyarbeit zurückzuführen - und nicht auf die nachweisbaren Ergebnisse.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wie geht es weiter? Vor einer Apotheke in Ilmenau in Thüringen.

          Lockdown-Konferenz : Eine fast unlösbare Aufgabe

          Die Sehnsucht nach dem alles entscheidenden Lockdown ist groß. Sie ist ungefähr so groß wie das Verlangen nach wiedergewonnener Freiheit. Beides wird es so schnell nicht geben.
          Im Pariser Nobelviertel Saint-Germain-des-Prés lebt die „Familia grande“, jene Freunde und Verwandte der Familie Kouchner, die die Taten Duhamels jahrelang deckten.

          Sexueller Missbrauch : Eine Frau rüttelt Frankreich auf

          In Frankreich legt Camille Kouchner in einem Buch offen, wie der hochdekorierte Jurist Olivier Duhamel ihren Bruder jahrelang sexuell missbrauchte – und die gesamte altlinke Pariser Führungselite bereitwillig wegsah.

          Was kann die neue App? : Welcome to the Club(house)

          Nein, hier dröhnt keine Club-Musik: „Clubhouse“ heißt die App, um die sich in den vergangenen Tagen in Deutschland ein Hype gebildet hat. Was kann die App? Wo verbergen sich Gefahren? Und: Muss man wirklich dabei sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.