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Abschlussfeiern : Der Abiturient auf dem roten Teppich

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Germany's Next Topmodel? Nein, nur eine Abi-Feier des Münchner Gymnasiums St. Anna Bild: Jan Roeder

Papierdecken auf Schultischen, Bier vom Hausmeister: So sahen Abi-Feiern früher aus. Heute tragen die Abiturienten Abendgarderobe und buchen Event-Agenturen. Je größer und kostspieliger das Fest, desto besser.

          Wer heute das Gymnasium mit dem Abitur verlässt, der hat viel gelernt. Zum Beispiel: dass Feiern das absolute Gegenteil von Arbeiten ist; dass Feiern Glamour und Entertainment bedeutet; dass man deshalb die Arbeit dafür am besten „outsourced“. Der nach langen Jahren schwer und endlich erkämpfte Schulabschluss soll schließlich von einer Abiturfeier, ja einem Abitur-Ball gekrönt werden, der als glamouröses Event einer „Bambi“-Verleihung nähersteht als der biederen Abifeier der Eltern.

          Damals, als man eben für die Feier arbeitete; als man Tische in Aula oder Turnhalle trug, zusammenschob und vielleicht noch mit Papierdecken schmückte; damals, als der Hausmeister der Schule Bier und Würstchen verkaufte, als der Direktor eine ermüdende Rede hielt und nach der Zeugnisvergabe zur „Allgemeinen Hochschulreife“ sehr bald die Oberstufen-Punkband mit wummernden Bässen alle, die älter als 25 Jahre waren, aus der Aula trieb. An der Bar wurde bei solchen Abifeiern mehr getrunken als verkauft, und wer von den Abiturienten des kommenden Schuljahres am nächsten Morgen zum Abbau verdonnert war, kam natürlich nicht, weshalb der Hausmeister alljährlich das Abitur verfluchte. Das ist heute alles anders.

          Es wird in einer angesagten Location gefeiert

          Die Abiturienten, die 2011 ihren Abschluss feiern, tun das nicht in Aula oder Turnhalle, sondern suchen sich dafür eine „coole Location“; die kann Sternwarte, Flugzeughangar, Brauerei oder Kongresshalle sein. Und die Abiturienten von heute überlassen die Organisation des dort stattfindenden Festes Eventagenturen, die sich auf Abifeiern spezialisiert haben. Wer sich in München an die Agentur „Abistars“ (Slogan: „Dein geilstes Schuljahr“) wendet, kann bei Andi Strasser, dem 22 Jahre alten Geschäftsleiter der 2009 gegründeten Agentur, das Rundum-sorglos-Paket buchen. „In und um München haben wir rund 130 Locations im Angebot; wir sorgen für das gesamte technische Equipment, für Logistik, Deko, Catering, DJ, Security und organisieren, falls gewünscht, natürlich auch die Aftershow-Party.“

          Keine Hausmeisterkost: Wer 50 Euro je Karte zahlt, der will gut speisen

          Hochprofessionell, wie das im guten, klassischen Eventgeschäft üblich ist, kümmert sich „Abistars“ um Genehmigungen und Auflagen, um Rechtliches und Versicherungstechnisches. „Wenn red carpet verlangt wird, verlegen wir auch den roten Teppich“, so sagt Strasser, „und wenn dann die Oma drüber stolpert, haben wir natürlich eine Veranstaltungshaftpflichtversicherung. Welche Schüler, die so eine Abifeier in Eigenregie organisieren, denken schon an so etwas?“

          Der rote Teppich wird immer häufiger verlangt. Der Trend zu extravaganten und kostspieligen Abiturfeiern, bei denen Abiturienten, Eltern und Freunde wie für die Salzburger oder Bayreuther Festspiele gekleidet erscheinen, nimmt zu. Dieses Jahr veranstaltet „Abistars“ 30 Abi-Bälle und freut sich über den Andrang zweier Schuljahrgänge (G8 und G9). Dass die Abi-Bälle inzwischen deutlich an amerikanische College- und Highschool-Abschlussfeten erinnern, hat kulturhistorische Gründe. Strasser, der selbst kein Abitur machte (“Niemand bei uns in der Agentur hat ein Abi“), erklärt sich die neue Partylaune mit amerikanischen Fernsehserien und Filmen: „Die Schüler sehen das dort und wollen diese Prom-Kultur unbedingt auch hier erleben.“ Die Vorbilder aus Serie, Soap und Kino haben sich eingebrannt, weshalb „Abistars“ als neuen Service erstmals ein „Prom Package“ für 150 Euro anbietet: „Limousinenservice zum Friseur, Visagist, Fotograf und Abiball.“

          Koste es, was es wolle

          Der Preis für den schönsten und letzten Termin im Schülerleben bewegt sich ohnehin zwischen 50 und 60 Euro pro Ballkarte, wobei die Abiturienten selbst genauso zahlen müssen; die Getränke sind im Preis meist nicht eingeschlossen. Strasser: „Die Schüler stocken erst bei dem Preis. Aber letztlich zahlen's ja die Eltern.“ Sie tun es gern, denn sie sind stolz. Schließlich haben auch sie die Schulzeit ihrer Kinder endlich hinter sich. Nun entlädt sich das Glück in der großen Abi-Gala - koste sie, was sie wolle.

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