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„Abhängen“ am Alexanderplatz : Hinkebein hat Rap dabei

  • -Aktualisiert am

Mit der S-Bahn zum Abhängen in die große Stadt: Sponge (vorn) mit Freunden auf dem Alexanderplatz in Berlin Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Freitags treffen sich Hunderte Jugendliche am Alexanderplatz: Gothics, Punks, Emos - und Wannabes. Einen anderen Platz gibt es für sie nicht. Das Schlimmste beim Abhängen in Berlin-Mitte ist es, als Möchtegern zu gelten.

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          Das Helium wirkt tatsächlich. Sponge, Peter und Hinkebein haben sich bei McDonald's Luftballons geholt, die mit Helium gefüllt sind. Sie saugen das Gas in die Lungen und kichern über ihre Micky-Maus-Stimmen. Es ist Freitagabend. Jeden Freitagabend treffen sich Hunderte Jugendliche am Berliner Alexanderplatz rund um den Fernsehturm. Gothics mit schwarzen Ledermänteln und schwarz gefärbten Fingernägeln, Punks mit Hunden und Irokesenschnitt und die melancholischen Emos mit Röhrenjeans, Käppis in Neonfarben, die Haare ins Gesicht gekämmt. Sie quatschen, sie trinken, sie küssen sich. „Abhängen“, sagt Sponge.

          Auch die Polizei ist Freitagabend am Fernsehturm. Die Scheinwerfer mehrerer Mannschaftswagen leuchten in die Menge. Schon seit Monaten protestieren die Anwohner gegen Lärm, Müll und Gestank. Das Bezirksamt von Berlin-Mitte will nun ein Alkoholverbot erlassen, damit die Jugendlichen weggehen. Nur wollen die Jugendlichen nicht anderswo hin. Es gibt keinen Platz für sie, also haben sie sich den Alexanderplatz ausgesucht. „Die Clubs sind zu teuer, und unter 18 kommt man nicht rein“, sagt Sponge. Er kann nicht sagen, warum sie sich diesen Platz ausgesucht haben. Das sei seit Jahren schon so. Wahrscheinlich, weil er zentral gelegen ist.

          „Wir wollen diesen Platz behalten“

          Umstellt von DDR-Plattenbauten reihen sich das Rote Rathaus, die Marien-Kirche, Kaufhäuser und ein Filmpalast um den Turm - alles hell beleuchtet. Im Dunkeln zwischen den Bäumen an der Spree sitzt Karl Marx, daneben steht Friedrich Engels, beide als Denkmal überlebensgroß in Bronze gegossen. Dahinter ragen die Ruinen des Palasts der Republik in den schwarzen Himmel. Inmitten der Gothics, Punks und Emos stellen Touristen ihre Kameras scharf und fotografieren die glitzernde Kugel des Fernsehturms.

          Abhängen im Advent: Der Weihnachtsmarkt auf dem Alex
          Abhängen im Advent: Der Weihnachtsmarkt auf dem Alex : Bild: REUTERS

          Einer der Jugendlichen hat ein Megafon dabei. „Hallo Leute“, sagt er. „Heute kommt RTL mit einem Kamerateam vorbei, wir wollen diesen Platz behalten, also benehmt euch!“ Einige klatschen. Andere rufen: „Buuh!“ Einer sagt: „Fresse, du Penner!“ Sponge meint: „Geil! RTL! Vielleicht kann ich meine Beatbox vorführen.“ Dann nimmt er die Hände vor den Mund und macht ein Schlagzeug nach. Er wollte sich damit bei „Das Supertalent“ bewerben, hat dann aber den Anmeldetermin verpasst.

          Sponge heißt eigentlich Norman Abrahamson - aber hier wird fast jeder nur mit Spitznamen gerufen. Er ist in Berlin-Mitte geboren und wohnt mit seinen Eltern in Biesenthal, östlich von Berlin. Sein Vater arbeitet bei einem Stromanbieter, seine Mutter ist Bürokauffrau. Zum Alexanderplatz braucht Sponge eine Stunde mit der S-Bahn. Er ist 17 Jahre alt und wiederholt die elfte Klasse. Er hat die Haare ins Gesicht gekämmt, trägt Röhrenjeans und ein neongrünes Käppi. Hier am Alexanderplatz trifft Sponge sich mit seinen Freunden, hier hat er seine Freundin kennengelernt, aber die ist gerade mit ihrer Mutter auf Mallorca.

          Alkohol in Rucksäcken

          Peter will endlich Alkohol kaufen. Bei „Plus“ in den Rathauspassagen gibt es eine Flasche Apfellikör für 2,99 Euro. Im Schatten der Büsche nimmt jeder einen Schluck. Sponge zündet sich eine Zigarette an. Er kennt fast jeden hier: Georg ist da, sein bester Kumpel aus Frankfurt (Oder). Fast jedes Wochenende kommt er nach Berlin. Tobi, der Punk, ist da. Er trägt kurze Wollhosen im Schottenmuster, die er um 50 Prozent billiger aus den Vereinigten Staaten bestellt. Er zittert - die langen Hosen kommen erst in einer Woche. Speer ist auch da. Speer ist älter als die anderen. Vor ihm haben alle Respekt. Im Bahnhof hat er Hausverbot. Er soll einem Minderjährigen Drogen verkauft haben. „Stimmt nicht“, sagt er und grinst. „Er hat mir was verkauft.“

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