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Jüdisch in Berlin : Cool, wild, deutsch

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Jüdische Gemeinschaft: George Margineanu mit seiner Tochter Alva Yael und seiner Lebensgefährtin Mareike Stanze beim Kostümfest Bild: Grimm, Lena

Keine andere jüdische Gemeinschaft auf der Welt wächst so schnell wie die in Berlin. In der Hauptstadt erfahren Juden Gefühle der Fremdheit - und finden ein Stück Heimat.

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          Es gibt einen Ort in Berlin, da treffen sie sich: der Mann, der DJ ist, mit Freundin und Töchterchen, die Studentin aus Amerika, die für zwei Jahre in Kreuzkölln lebt, der alte Prediger, der Junge im Supermankostüm und die Chefin. Es ist aber kein Frühstückscafé, kein Stadtstrand, keine Wiese im Park, also keiner dieser vielen Orte, an denen sich sowieso immer alle Berliner treffen und das machen, was man in Berlin eben macht: sich mit total unterschiedlichen Leuten treffen und was trinken. Es ist eine dunkle Halle, ein bisschen muffig auch, in der sich der DJ, die Studentin und der Prediger begegnen. Es gibt Saft und Musik vom Band.

          Der Verein, der eingeladen hat, heißt Bambinim Familyclub, er ist für jüdische Kinder und für ihre Familien. Eine Art Kulturverein für die Kleinsten, mit Singkursen und Festen, aber die Größeren kommen natürlich mit, die Eltern und Geschwister und Großeltern. An diesem Tag feiert man das Purimfest; die Kinder haben sich verkleidet, Prinzessinnen, Piraten, Matrosen, Skelette und Marienkäfer toben durch den großen Saal der Jüdischen Gemeinde in Berlin.

          Die jüdische Gemeinschaft in Berlin wächst derzeit so schnell wie keine andere auf der Welt. Das hat das "American Jewish Committee" beobachtet und begründet es damit, dass vor allem russische Juden in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen seien. Doch sie sind nicht die Einzigen, die kommen: Seit die Stadt als cool, wild und günstig gilt, kommen die, die es cool, wild und günstig mögen, Studenten, Schriftsteller, Musiker, aus Israel, Amerika oder von anderswo. Dass die Stadt in Deutschland liegt, stört sie nicht. Sie kennen die Geschichten ihrer Großeltern, aber nun wollen sie ihre eigenen erleben.

          Geschichte mit Leben füllen

          Zum Beispiel Molly Fried, 24 Jahre alt, deren Großmutter in Auschwitz die deutsche Sprache von den Nazis lernte. Die Großmutter überlebte und brachte der Enkelin ein paar erste Worte bei, bevor Molly Fried vor eineinhalb Jahren aus Columbus, Ohio, nach Berlin kam. Zuerst habe die Großmutter ihr Entschluss, nach Deutschland zu gehen, sehr erschreckt, erzählt Fried und lacht unter dem schwarzen Hexenhut hervor, mit dem sie sich für das Fest verkleidet hat. Doch dann habe die Großmutter gemerkt, was Molly in Deutschland wollte: verstehen - und leben. Sie hat ein Stipendium einer jüdischen Hilfsorganisation bekommen, und als das auslief, hat sie um ein Jahr verlängert.

          Weil ihr das Leben in der WG an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln gefällt; weil sie Freunde gefunden hat, jüdische und nichtjüdische; weil sie im Café "Goldapfel" in Prenzlauer Berg einmal im Monat jüdische Filme zeigt und inzwischen so viele Zuschauer kommen wie noch nie; weil sie in Dachau war und findet, dass man beides kennen müsse: die Geschichte und die "Atmosphäre der Erneuerung".

          Auch in Berlin sei die Geschichte sehr sichtbar, sagt Fried, niemand könne in dieser Stadt den Holocaust vergessen. Gerade deswegen könnten junge Juden wie sie so gut dort leben, träumen, feiern. Nachts in Clubs und nachmittags in der Jüdischen Gemeinde, wo Fried den Kindern beim Malen hilft.

          Eine irrwitzige Familienchronik

          Auch George Margineanu ist hergekommen, seine Freundin und die kleine Tochter Alva Yael hat er mitgebracht. Der 40 Jahre alte DJ und Produzent ist gar nicht Mitglied im Bambinim Familyclub; aber Freunde haben ihn zu dem Fest eingeladen, also ist er gekommen. Nun sitzt er entspannt am Rand der Bühne im Saal und ist gern bereit, von seinem Leben als Jude in Berlin zu berichten - um nach wenigen Minuten eine so irrwitzige Familiengeschichte zu erzählen, wie man sie selten gehört hat.

          Margineanu, in Rumänien geboren, erfuhr erst mit zwölf Jahren, dass er Jude ist. Die Religion sei in seinem Heimatland verpönt gewesen, die Familie habe ihn schützen wollen. Doch sein Opa, der als Kommunist im Lager gewesen war, sprach mit dem Enkel sehr wohl über den Holocaust. Er zeigte ihm den Trümmerfilm "Die Mörder sind unter uns", und er gab ihm Bücher über die Judenvernichtung. "Wie Juden zu Seife verarbeitet wurden, war quasi meine Gutenachtlektüre", sagt Margineanu heute. Dass er selbst Jude war, erfuhr er, als die Familie 1982 nach Israel auswanderte. Drei Jahre blieb sie dort - lange genug, um Hebräisch zu lernen -, dann floh sie wegen des Libanon-Kriegs nach Deutschland. Bis 1999 lebte Margineanu im hessischen Offenbach, dann zog es ihn in die Hauptstadt. Ob Berlin nun seine Heimat sei? "Am Ende des Tages", sagt George Margineanu, "gehöre ich nicht hierher."

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