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Stierhatz in Pamplona : Die Fiesta erinnert sich an „Fiesta“

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Gefährliche Stierhatz: Bei der berüchtigten „Encierro“ sind bereits 15 Menschen gestorben und Dutzende verletzt worden. Bild: dpa

Zwischen Stierhatz und Literatur: Ernest Hemingways Roman „Fiesta“, die Miuras-Stiere und das rote Halstuch feiern in Pamplona ihre Jubiläen. Die Sanfermines stehen ganz im Zeichen der Gedenktage.

          Die Sanfermines haben in diesem Jahr gleich drei Anlässe zum Feiern: Ernest Hemingways Roman wird in alter Frische 90, die Miuras haben „goldene Hochzeit“, und auch das rote Ehrenhalstuch wird 50. Dass sich die Fiesta an „Fiesta“ – Originaltitel „The Sun Also Rises“ – erinnert, ist freudige Pflicht. Denn schließlich hat der amerikanische Schriftsteller Pamplona, die Stierläufe, Sex, Suff, Jux und Tollerei auf die internationale Landkarte gesetzt. Das Buch ist vielleicht der Welt folgenreichster Reiseführer. Jedenfalls zieht der Mythos der Fiestas de San Fermín in dieser Woche schon wieder eine Generation in die Stadt, die man, und sei es jetzt wegen der Jugendarbeitslosigkeit, eine „verlorene“ nennen könnte.

          Die Miuras, also die Stiere aus der Zucht des legendären Hutmachers Juan Miura aus Sevilla, stehen wieder für den letzten Tag auf dem Programm der „encierros“ (Stierläufe). Sie gelten als besonders schnell, nobel und für die Läufer in ihrer Geradlinigkeit auf der kurvigen 850-Meter-Strecke ziemlich berechenbar. Als sie im Jahr 1959 hier Premiere hatten, stand Hemingway in der Estafeta-Straße noch auf einem Balkon und saß bei der nachmittäglichen Corrida in der ersten Reihe. Der Torero Diego Puerta verdiente sich dabei drei abgeschnittene Ohren. Mit nur wenigen Unterbrechungen sind die Miuras nun zum fünfzigsten Mal dabei. Das ging freilich nicht immer glimpflich ab. Im Jahr 1977 kam ein erst 17 Jahre alter Junge aus Pamplona ums Leben, als ein stolpernder Menschenauflauf die Gasse in die Arena verstopfte. Und im Jahr 2001 spießte ein Miura den Matador Juan José Padilla am Halse auf, so dass der Heilige Fermín und die Chirurgen der Plaza gemeinsam ein Wunder wirken mussten.

          Das Ehrenhalstuch datiert vom Jahr 1966 und wird an verdiente Werber für die Fiesta vergeben. Hemingway zählt natürlich zu ihnen, obschon postum. Er nahm sich schon fünf Jahre davor an einem 2.Juli in Ketchum im amerikanischen Bundesstaat Idaho das Leben – mit einem Gewehr, das er seine schlanke braune Geliebte nannte. Er hatte aber noch rechtzeitig sein Abonnement für die Stierkämpfe in Pamplona abbestellt. Nun thront er als sechs Tonnen schwerer Granitblock mit Bronzekopf vor dem Eingang zur Arena und bekommt immer als einer der Ersten nach dem „chupinazo“, der Rakete, die auch am Mittwoch um zwölf Uhr mittags die Fiesta zündete, sein Tüchlein umgebunden. Es folgen 204 Stunden Trunk und Tanz ohne Unterbrechung, und nach dem jüngsten Gerücht möchte kurz vor Schluss am 14. Juli auch noch Barack Obama nach der Visite im spanischen Militärstützpunkt Rota vorbeischauen.

          „Jeder benimmt sich schlecht“

          Die amerikanische Journalistin Lesley M. M. Blume hat gerade ein verdienstvolles Schlüssellochbuch über Hemingways ersten Besuch in Pamplona im Jahr 1925 und seine Reisegefährten, die sich voller Bauchgrimmen in dem ein Jahr später veröffentlichten Buch wiedererkannten, veröffentlicht. Es heißt „Everybody Behaves Badly“ („Jeder benimmt sich schlecht“) und ist eine dem Sujet angemessene lange Interpretation des Satzes, den Hemingway seiner Hauptfigur Jake Barnes in den Mund legte: „Jeder benimmt sich schlecht, wenn man ihm dafür nur eine gute Gelegenheit bietet.“ Damit sich wenigstens die Festteilnehmer in diesem Jahr etwas besser als gewohnt benehmen, hat die Stadtverwaltung zwei Vorkehrungen getroffen. Spezialkameras, eine Notrufnummer und Flugblätter sollen „sexistische Übergriffe“ im Trubel verhindern helfen. Und ein neues chemisches Mittel gegen Wildpinkler soll zur Benutzung der durchaus zahlreich aufgestellten öffentlichen Toiletten ermuntern. Es handelt sich dabei um eine Flüssigkeit, die, ähnlich wie das Pulver zur Abschreckung von Hunden, gegen die Hauswände gesprüht wird und einen „zurückspritzenden Effekt“ haben soll. Das heißt, dass dem Delinquenten außer einem Bußgeld von bis zu 300 Euro auch noch eine nasse Hose droht. Es ist freilich fraglich, ob bei den üblichen Verdächtigen mit ihren schon rotweingetränkten und mit Eiern und Mehl panierten weißen Kleidern das Peinlichkeitsbarometer überhaupt anschlägt.

          Stier im Nacken Bilderstrecke

          Das Gefühl, dass nichts und niemand jemals dieser Fiesta etwas anhaben kann, ist derweil nicht mehr ganz so untrüglich. Der Besucher hat seit nahezu einem halben Jahrhundert viele Häutungen erlebt: Fiesta unter Franco, Fiesta in der Übergangszeit, Fiesta in der Demokratie, Fiesta mit Eta-Terror und Fiesta mit tödlichen Zusammenstößen mit der Polizei.

          Gefahr der politischen Korrektheit

          Der gefährlichste Gegner scheint am Ende jedoch die politische Korrektheit im Zeichen des Tierschutzes und des ideologischen Opportunismus zu sein. Der eine kommt vorwiegend aus dem Ausland, die andere ist hausgemacht. Vereint richteten „Aktivisten“ beider Seiten am Vorabend der Fiesta auf dem Rathausplatz ihr schon traditionelles (Kunst-)Blutbad wider die Tauromachie an.

          Doch sogar die baskischen Separatisten, die gegenwärtig in Pamplona den Bürgermeister stellen, wissen, dass es ohne Stiere keine „encierros“ und ohne Stierläufe vermutlich bald keine Fiesta mehr gäbe. Und sie ist nun einmal, touristisch-geschäftstüchtig gesehen, die Gans, die goldene Eier legt. Außerdem dient sie auch der Völkerverständigung: So mancher kam schon auf der Suche nach dem „Tod am Nachmittag“ nach Pamplona und fand stattdessen die Frau fürs Leben.

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