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150 Jahre Seenotrettung : „Gegen die Nordsee schwimmt keiner an“

Ins Tochterboot: Übungshalber retten Torsten Brumshagen (links) und Bernhard Hinck ein Opfer Bild: Daniel Pilar

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wird 150 Jahre alt. Der Fall des Düngemittelfrachters „Purple Beach“ zeigt, wie dringend sie auch heute gebraucht wird. Für gewöhnlich sind es aber eher Segler und leichtsinnige Hobbykapitäne, denen die Retter zu Hilfe eilen müssen.

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          Die Frühlingssonne lugt vorsichtig durch die Bullaugen, und von der Schiffswand blickt, mit ewiggütigem Blick und fest verschraubt, der Namenspatron. Auf dem Tisch steht ein dampfender Pott Soljanka. Die Besatzung des Cuxhavener Seenotrettungskreuzers löffelt zufrieden, was Torsten Brumshagen, ein stabiler Mecklenburger, in der kleinen Kombüse zusammengerührt hat. Brumshagen, „Schwester Torsten“ genannt, ist an Bord fürs leibliche Wohl zuständig, von der kulinarischen Wohlfahrt der Kollegen bis zur medizinischen Erstversorgung von Schiffbrüchigen. Doch auf den klassischen Schiffbrüchigen wartet die Besatzung der „Hermann Helms“ freilich schon länger.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Im Jubiläumsjahr der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist das eine gute Nachricht: Die Seefahrt ist sicherer geworden. Besonders dort, wo die Flotte mit dem roten Hansekreuz Dienst tut - 20 große Seenotrettungskreuzer mit 180 festangestellten Mitarbeitern sowie 39 kleinere Rettungsboote, mit denen 800 Ehrenamtliche im Notfall in See stechen. Entlang der Nord- und Ostseeküste wurden die Kreuzer in einem gedachten Abstand von einer Stunde Fahrzeit verteilt, damit Hilfe im Notfall rechtzeitig zur Stelle ist. Der Fall des Düngemittelfrachters „Purple Beach“, der gerade vor Helgoland brannte, zeigt, wie dringend sie auch heute gebraucht werden. An den Rettungsarbeiten, die vom Havariekommando geleitet wurden, war auch der Seenotrettungskreuzer „Hermann Marwede“ beteiligt.

          In Zeiten von Satellitennavigation und Schiffskörpern aus Stahl anstelle von Holz sind große Schiffsunglücke in der Nordsee aber die Ausnahme. Anders war das noch in der Gründungszeit der DGzRS. Im Jahr 1854 stach, nagelneu und mit 216 Auswanderern an Bord, die unglückselige „Johanne“ von Bremen aus in See. Baltimore hieß das Ziel, doch die hölzerne Bark geriet bereits in der Deutschen Bucht in einen Orkan. Die Bewohner Spiekeroogs mussten zuschauen, wie die tosende Nordsee vor ihrer Insel auf die „Johanne“ einhämmerte. Erst bei Ebbe konnten sie helfen, denn Ausrüstung zur Hilfe besaßen sie nicht. 77 Menschenleben kostete das Unglück.

          Auf dem Seenotkreuzer: Torsten Brumshagen testet die Wasserkanonen an Bord der „Hermann Helms“

          Danach forderten Zeitungen, Rettungsstationen einzurichten. Vergebens. Es musste erst noch zum Untergang der hannoverschen „Brigg Alliance“ im September 1860 kommen. Das Schiff lief bei schwerer See im gefürchteten Borkum-Riff auf Grund. Der Sturm peitschte die Wellen gegen das schutzlose Schiff. Die neun Mann starke Besatzung hatte keine Chance. Wieder schauten die Insulaner nur zu. Ein Kurgast machte in seinem Bericht für die Untätigkeit auch das damals geltende Strandrecht verantwortlich. Demzufolge fiel angetriebenes Schiffsgut dem Finder zu. Allerdings nur, wenn es gar keine Überlebenden gab.

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          Die Entrüstung über den Untergang der „Brigg Alliance“ führte zur Gründung von Rettungsvereinen, die sich am 29. Mai 1865 zur Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zusammenschlossen. Zur 150-Jahr-Feier in Bremen wird an diesem Freitag auch Joachim Gauck erwartet. Der Bundespräsident ist Schirmherr der Seenotretter, die sonst Wert auf ihre Unabhängigkeit legen. Der Verein erfüllt zwar eine hoheitliche Aufgabe, erhält aber kein Steuergeld. Die DGzRS finanziert ihren Jahresetat von etwa 36 Millionen Euro bis heute über Spenden - eine in der Welt einmalige Konstruktion. In Apotheken und Gaststätten gibt es „Sammelschiffchen“; für 5000 Euro kann man seinen Namen an einer „Danktafel“ an Bord verewigen; und die „Nachlassbroschüre“ erklärt auf 41 Seiten, wie man noch nach dem Tod helfen kann, getreu dem Motto: „Gestaltete Erbfolge verdrängt gesetzliche Erbfolge“.

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