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150 Jahre Seenotrettung : „Gegen die Nordsee schwimmt keiner an“

Die Motoren springen an, Dieselgeruch legt sich über das Schiff. Die „Hermann Helms“ verlässt das Hafenbecken. Vormann Wolpers steht oben im offenen Fahrstand und blickt über die Elbmündung. „Hier habe ich unverstellte Sicht. Und vor allem höre ich mehr.“ Alle Instrumente des unteren Fahrstands gibt es hier auch. Die Digitalmonitore liegen geschützt hinter hellgrünen Metallhauben, und die Besatzung hat spezielle Anzüge. „Wenn Wasser rüberkommt, läuft es dann oben rein und unten wieder runter“, sagt Wolpers, der seinen offenen Stand nicht missen möchte. Bei der neuen Klasse von 28-Meter-Seenotrettungskreuzern wird auch der obere Fahrstand geschlossen sein. Vormann Wolpers hofft, dass ihm die „Hermann Helms“ erhalten bleibt. „Hoffentlich noch 22 Jahre, bis ich im Ruhestand bin. Wir lieben dieses Schiff hier.“

„Viel guckt da ja nicht aus dem Wasser. Nur der Kopp“

Der Rest der Besatzung macht derweil das Tochterboot fertig. Mit der 180 PS starken „Biene“ lassen sich Schiffbrüchige leichter und sicherer aufnehmen als mit einem Kreuzer oder einem Hubschrauber, berichtet Wolpers. Bei der Suche nach Vermissten sind Helikopter den Rettungsschiffen überlegen, die wegen des Wellengangs immer nur kleine Wasserflächen überblicken können: „Viel guckt da ja nicht aus dem Wasser. Nur der Kopp.“ Überlegen sind die Schiffe den Hubschraubern aber bei der Aufnahme der Schiffbrüchigen. Es kommt nämlich darauf an, sie in horizontaler Lage aus dem Wasser zu ziehen. Denn im kalten Wasser ziehen sich die Gefäße extrem zusammen, Herz und Hirn werden noch mit Blut versorgt, während die Extremitäten kaum mehr durchblutet sind. Wird ein Unterkühlter senkrecht aus dem Wasser gezogen, sackt das Blut in die Extremitäten, und das Herz versagt.

Sicheren Schutz vor diesem Schicksal bieten die Kälteschutzanzüge. In dem zweilagigen Anzug, den man sich einfach über die Kleidung ziehen kann, würde man eher verdursten als erfrieren, erzählt Vormann Wolpers. Selbst im Mai lässt es sich darin gemütlich auf der Nordsee treiben, nur an den Händen ist die schneidende Kälte des acht Grad kalten Meerwassers zu spüren. Schon deshalb ist man froh, über die Bergungspforte der „Biene“ zurück an Bord gezogen zu werden.

Für echte Schiffbrüchige hat die Besatzung der „Hermann Helms“ drei Ratschläge. Erstens: Ruhe bewahren. Das fällt in einer solchen Situation naturgemäß schwer, doch Schnappatmung ist die schlechtere Alternative. „Ein Viertel Liter Wasser in der Lunge reicht zum Ertrinken“, weiß Holger Wolpers. Zweitens: Sofern man über eine Schwimmweste verfügt, möglichst viele Schichten Kleidung anbehalten. Der Körper kann das Wasser der inneren Schichten leicht anwärmen. Drittens: „Schwimmen bringt nichts.“ So wenig wie möglich bewegen, rät Wolpers. „Gegen die Nordsee schwimmt nicht einmal Franziska van Almsick an.“

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