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150 Jahre Seenotrettung : „Gegen die Nordsee schwimmt keiner an“

Holger Wolpers, der 1. Vormann auf dem Cuxhavener Seenotrettungskreuzer, sieht seinen Arbeitgeber im internationalen Vergleich dennoch weit vorne. „Das ist hier höchster Stand“, lobt der Kapitän die Ausrüstung. Nur die amerikanische Coast Guard, die Engländer und die Franzosen arbeiteten auf dem gleichen Niveau.

Über die Situation im Mittelmeer, wo Jahr für Jahr Tausende ertrinken, redet die Mannschaft nur ungern. Dabei könnte doch gerade der DGzRS die Geschichte bekannt vorkommen: Menschen, die der Armut entfliehen wollen und mit überfüllten Schiffen in Seenot geraten. Wo liegt der Unterschied zwischen der „Johanne“ vor Spiekeroog und den Booten vor Lampedusa? Die Besatzung der „Hermann Helms“ bleibt dabei: Die Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer seien kein Problem der Seenotrettung, sondern eine „politische Frage“. Sie konzentrieren sich auf ihre Aufgabe - die Sicherheit vor der deutschen Küste.

Vormann Wolpers merkt auf. Im Funkverkehr, der ständig mitläuft, wird der Fund eines Fischernetzes gemeldet. Die Besatzung vermutet, dass es sich um ein zurückgebliebenes Netz jenes Kutters handelt, der im April 2014 in der Elbmündung kenterte. Die „Hermann Helms“ hatte die drei Mann Besatzung damals gerettet, es war einer der spektakulärsten Einsätze des Jahres. Ursache des Unglücks war vermutlich ein Fangnetz, das sich am Meeresgrund verhakte und das Schiff umriss. Die alten Netze des Kutters sind noch immer eine Gefahr für die Schifffahrt in der vielbefahrenen Elbmündung.

Mit über 3000 PS gegen die Naturgewalten

Es sind vor allem die Segler und leichtsinnigen Hobbykapitäne, denen die „Hermann Helms“ zu Hilfe eilen muss. Hinzu kommen von der Flut eingeschlossene Wattwanderer, Ahnungslose, die ein paar Schwimmzüge in der Elbmündung für eine gute Idee halten und Kranke von größeren Schiffen, die an Land gebracht werden müssen. Die Erstversorgung findet dann auf jenem Tisch statt, auf dem gerade Torsten Brumshagens Soljanka dampft.

Im Schichtdienst tun jeweils vier hauptamtliche Seenotretter ihren Dienst auf der „Hermann Helms“. Zwei Wochen ist die Besatzung rund um die Uhr in Bereitschaft. „Erholung ist der Schlaf da nicht mehr“, sagt Vormann Holger Wolpers. Das Gebrabbel im Funk läuft ständig mit. Fällt ein einschlägiger Begriff wie „Motorboot“, durchzuckt es die Mannschaft. Es gilt, Gefahrensituationen so früh wie möglich aus der Welt zu schaffen, bevor an die Rettung Schiffbrüchiger überhaupt zu denken ist.

Mit dem Seenotrettungskreuzer „Hermann Helms“ ist die Besatzung auf alles vorbereitet. Beim Bau des 27,5 Meter langen Schiffes 1985 wurde großer Wert auf Stabilität gelegt. Engmaschige Spanten verleihen dem Rumpf auch bei schwerster See Festigkeit. Und in der Brust der „Hermann Helms“ schlagen gleich drei Herzen. Die beiden kleineren Diesel leisten 781 PS, der größere 1632 PS. Sie treiben drei Schiffsschrauben mit jeweils eigenem Ruder an. Bei Löscheinsätzen halten die beiden kleineren Motoren das Schiff in Position, während der größere Motor in der Minute 32.000 Liter aus dem Meer durch die beiden Wasserkanonen jagt. Maschinist Axel Berg legt Wert darauf, dass seine drei Zwölfzylinder hier unten so blank glänzen, als wären sie eben erst in Dienst gestellt. Schadstellen sollen auf den ersten Blick erkennbar werden, denn im Einsatz ist die gesamte Besatzung oben an Deck gefordert.

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