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Jonas Åkerlund : Der Provokateur

  • -Aktualisiert am
Moby: „Porcelain“, 2000
          4 Min.

          Muss man hier die Schuhe ausziehen? Wir stehen vor Jonas Åkerlunds Wohnhaus im Herzen Stockholms und erinnern uns an die wichtigsten Benimmregeln in Schweden. Erstens: pünktlich sein, zweitens: Wohnräume nie mit Schuhen betreten. Anderseits ist Åkerlund nicht nur ein vielfach ausgezeichneter Musikvideo-Regisseur, sondern zugleich das Enfant terrible des Genres. Bei so jemandem sollte man das Schuhwerk anlassen können, ohne schiefe Blicke zu riskieren. Als dann die elektronische Eingangstüre aufschnappt, geht alles derart flott, dass keine Zeit zum Zaudern bleibt und wir schließlich beschuht im Wohnzimmer Platz nehmen.

          Here comes the Man in Black: Jonas Åkerlund mal selbst vor der Kamera Bilderstrecke
          Here comes the Man in Black: Jonas Åkerlund mal selbst vor der Kamera :

          Uns gegenüber sitzt Jonas Åkerlund: überraschend groß und mit langer Mähne, die so schwarz ist wie all seine Kleidungsstücke. Wir unterhalten uns bei Kerzenschein, hinter zugezogenen Gardinen, umgeben von fast komplett schwarzem Mobiliar. Nicht recht zum düsteren Ambiente passen die Kinder-Buggys im Hausflur und die Schaukel, die von der Wohnzimmerdecke baumelt. "Ich habe vier Kinder. Mein ältester Sohn ist siebzehn und hat alle meine Videos gesehen", erzählt Åkerlund. Kein ganz unverfängliches Statement, denn wenn der Schwede Regie führt, geht es hoch her: Drogenmissbrauch und Keilereien sind für ihn mitnichten Tabu-, sondern eher Standardthemen.

          Lebensgefährliche Fahrmanöver

          So war es sein Einfall, dass sich Britney Spears im Video zu "Hold it against me" mit ihrem Alter Ego prügeln muss. Angenehmer hatte es da Pink, die sich für "Sober" mit ihrer Doppelgängerin in der Horizontale vergnügen durfte. Åkerlunds Hang zur Provokation ist offenkundig, der gemeinsame Nenner seiner Arbeiten ist das Unkonventionelle. Dies zeigt sich schon in seinen frühen Werbespots für Dutzende Großkonzerne. Vollends Bahn bricht sich die Andersartigkeit jedoch in seinem Filmdebüt "Spun" und seinen Musikvideos. Wie im Clip zu Mobys "Porcelain", der kaum mehr ist als die Großaufnahme eines Auges, in dem sich diverse Szenen spiegeln. Krawallig rollt wiederum "My favourite Game" für "The Cardigans" daher. Hier sehen wir lebensmüde Fahrmanöver, die zu wüsten Kollisionen führen, und am Ende liegt Sängerin Nina Persson tot auf dem Asphalt, erschlagen von einem hochgeschleuderten Stein, mit dem sie zuvor das Gaspedal ihres Wagens beschwert hatte.

          Derartige Bilder sind keine Seltenheit in seinem OEuvre, doch Jonas Åkerlund findet nicht, dass eine nennenswerte Anzahl seiner Werke gewalttätig wäre. Nun ist Relativieren die Lieblingstaktik der Provokateure, aber Åkerlund fährt fort: "Mir geht es immer darum, etwas möglichst stark auszudrücken, und wenn ich Gewalt zeigen möchte, mache ich es eben so gewalttätig, wie ich kann." Das sei seiner Erfahrung als Werberegisseur geschuldet, "denn da hat man nur dreißig Sekunden, um die Leute zu packen". Und warum muss selbst die einst so naiv-hübsche Britney Spears auf ihr Ebenbild eindreschen? "Wir haben uns getroffen, ich habe mir die Musik angehört und auf ihre Karriere geblickt. Dabei hatte ich den Eindruck, dass sie einen inneren Konflikt austrägt, und den wollte ich darstellen." Brutalität stehe bei ihm nie um ihrer selbst Willen im Skript, sondern stets aus einem bestimmten Grund.

          Drastische Bilder, aber karrierefördernd

          Karrierefördernd waren die drastischen Bilder für ihn auf jeden Fall: "Smack my Bitch up", sein erstes international erfolgreiches Video für "The Prodigy", strotzt nur so vor Anstößigem. Weil es 1997 auf beiden Seiten des Atlantiks die Gemüter erhitzte, war Åkerlund in den Vereinigten Staaten auf einmal höchst gefragt. Wohl deshalb gilt für ihn: "Sobald ich mitbekomme, dass eines meiner Videos diskutiert wird, denke ich: Mein Job ist getan."

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