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Jonas Åkerlund : Der Provokateur

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Das war nicht immer so. Bevor er in einer Produktionsfirma anfing und zum ersten Mal im Schneideraum saß, war der heute 46-Jährige Schlagzeuger. Doch seine Erfüllung fand er erstmals als Cutter: "Irgendwie wusste ich sofort, wie man das macht. Ich bin nie auf eine Filmschule gegangen, aber Schneiden war sehr einfach für mich. Alles stand mir klar vor Augen, und daran hat sich nichts geändert." Heute sagt er über sich, er sei "besser als jeder andere, wenn es darum geht, Bilder und Klänge zusammenzufügen".

Wuchtige Worte, doch größenwahnsinnig ist er nicht. Grundsätzlich sieht er eine klare Hierarchie: Ein Musikvideo kann einem Interpreten seiner Meinung nach sehr helfen, aber die Musik sei stärker. Sie lebe viel länger - wenn sie gut sei. Wenn nicht, könne ein Video auch einen schwachen Song retten - mehrmals sei ihm das schon gelungen, aber Namen will er nicht nennen. Er hat Respekt vor seinen Kunden; mitunter habe sich jene Wertschätzung gar zu Freundschaft ausgewachsen, erzählt Åkerlund. Es gebe da einen Kreis von Musikern, mit denen er sein Leben lang zusammenarbeiten wolle, mit denen er keine Kooperation ausschlagen würde. Madonna zum Beispiel - sie ist seine Nummer eins. Für sie verbrachte er einmal vierzehn Monate lang beinahe jeden Tag im Schneideraum und puzzelte an der Tour-Doku "I'm going to tell you a Secret". Eine Ausnahme, ansonsten ist der Grammy-prämierte Regisseur etwa zweihundertfünfzig Tage im Jahr unterwegs.

Leidenschaftliche Herangehensweise

Für die Produktion eines Musikvideos reserviert er mindestens einige Wochen, er schreibt das gesamte Skript und übernimmt mit seinem Team die Nachbearbeitung. Diese leidenschaftliche Herangehensweise, die sich mit beachtlichem Talent paart, machte Åkerlund zum Publikumsliebling. Allein seine Clips für Lady Gaga ("Telephone" und "Paparazzi") wurden bereits mehr als zweihundert Millionen Mal bei Youtube angeklickt.

Auf den ersten Blick erstaunt es, dass gerade ein Schwede zum Erfolgsgaranten der Entertainment-Maschinerie wird. Anderseits erwischen die Schweden den Zeitgeist mit hoher Treffsicherheit. Man denke nur an Astrid Lindgren, Abba oder Stieg Larsson mit seiner "Millennium"-Trilogie. Obendrein zählt das Land zu den führenden Musikexportnationen. Man kann sich vorstellen, dass Åkerlund daran einen Anteil hat. Dass er mit seiner soliden Art ein Filmset im Griff haben und selbst mit der hochschwangeren Madonna zurechtkommen kann, wie beim Dreh für deren Clip zu "Music". Widrigkeiten scheinen ihn nicht aufzuhalten. Da passt es ins Bild, dass er sich wenig um politische Korrektheit kümmert. Ein Habitus, der nicht selten Ärger einbrachte: Manche seiner Videos wurden nur nachts, andere bloß gekürzt ausgestrahlt.

Zensierter Skandalclip „Pussy“

Seinen Skandalclip "Pussy" für die Haudegen von Rammstein findet man sogar im Netz häufig nur zensiert. Kein Wunder: Die Mischung aus schwarz-rot-goldenem Gestus und Pornographie dürfte sogar manch liberalem Gemüt missfallen. Das gilt besonders für die Einstellung, in der Sänger Till Lindemann vor Uralt-Mikrofonen skandiert, während hinter ihm eine riesige Deutschlandfahne prangt. Sei alles seine Idee gewesen, sagt Åkerlund, aber wenn jemand deshalb eine Verbindung zu düsteren Geschichtsepochen ziehen sollte, würde er sich total missverstanden fühlen. Die Flagge sei deswegen da, weil er Flaggen eben möge.

Nach der Verteidigung seines heftigsten Werks gerät Åkerlund ins Husten und ruft nach seiner Assistentin, die mit einem Glas Wasser herbeihuscht. Fünfzehn Projekte des Skandinaviers warten derzeit auf ihre Fertigstellung, und allmählich merkt man, dass es ihn zurück an den Schnittrechner zieht. Als uns die Assistentin zur Türe geleitet, erhaschen wir einen letzten Blick auf ihn. Åkerlund sitzt konzentriert vor einem mächtigen Monitor. Was er dort erblickt, werden in einigen Monaten vielleicht schon Millionen gesehen haben.

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