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Johannes Paul II. : Er hat das einfach verdient

Etwa 2 Millionen Menschen nehmen in diesen Tagen Abschied vom Papst Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein breiter Strom von Pilgern, Schaulustigen und stillen Besuchern strömt durch die Altstadt Roms, um sich vom Papst zu verabschieden. Viele Gläubige warten bis zur Erschöpfung auf den einmaligen Moment.

          Nirgendwo steht angeschrieben, wo die Schlange der Leute beginnt, die im Petersdom den aufgebahrten Papst sehen wollen. Doch den Tag über waren die Begriffe Engelsburg und Piazza Risorgimento durch das Radio gegeistert, und deswegen strömen zwischen diesen beiden Adressen aus allen Gassen mit schnellem Schritt Grüppchen - einzelne Besucher und Paare, aus denen dann an einem Tor durch die alte römische Stadtmauer ein breiter Strom von Pilgern, Schaulustigen und stillen Besuchern wird. „Er hat das einfach verdient, für alles, was er gemacht hat“, sagt ein Ingenieurstudent aus dem 60 Kilometer entfernten Städtchen Latina, der am Abend mit seinen Freunden spontan den Zug genommen hat.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          „Für uns war es der erste Papst, den wir kennengelernt haben“, sagt eine Frau und kaut dabei an der mitgebrachten Brotzeit. Beim Besuch von Johannes Paul II. in ihrer Heimatstadt zur Heiligsprechung von Maria Goretti sei sie zwar noch ein Kind gewesen, dennoch habe es seither für sie nur „einen Papst“ gegeben.

          „Ein bißchen Ernsthaftigkeit“

          Der mehr als zehn Meter breite Menschenstrom scheint schon nahe an der Via della Conciliazione, der Prachtstraße, die auf Sankt Peter zuführt. Doch an der „Porta Castello“ zwingt ein Polizeikordon zum Abbiegen. Wie sich herausstellt, haben die Papstbesucher von der anderen Seite schon eine größere Runde durch „den Borgo“ absolviert und damit durch das früher kleinbürgerliche, nunmehr touristische Viertel um den Vatikan. Die Menge wälzt sich den 400 Meter langen „Borgo Pio“ entlang. Von Wand zu Wand ist kein Platz mehr. Die wenigen parkenden Autos wirken wie Felsen, die beinahe von einer Brandung an Menschen überspült werden. Es scheint flott voranzugehen, und die Stimmung ist ausgelassen. Eine Pfarrgruppe aus Ariccia, einem Städtchen in der Nähe der päpstlichen Sommerresidenz Castelgandolfo, hat Gitarren und einen Lautsprecher mitgebracht. Doch der Sprecher gibt sich erst als Vertreter des Katastrophenschutzes aus und bittet, nicht zu rauchen; dann versucht er sich als Conferencier und reißt Witze mit anderen. „Ein bißchen Ernsthaftigkeit“, erregt sich eine ältere Italienerin laut. Doch den jungen Pfarrer aus Ariccia scheint die Szene nicht zu stören.

          Sie haben es fast geschafft

          Zeitweise tönt es rhythmisch „Giovanni Paolo“, in Erinnerung an den alten Schlachtruf der Massen beim Jugendtag im Heiligen Jahr. Beifall brandet auf und erlischt wieder. „Wenn unser Pfarrer uns hier sehen würde, wäre er wohl ziemlich erstaunt“, gibt ein Mann aus Latina zu. Denn richtige Kirchenbesucher oder praktizierende Katholiken seien er und seine Freunde nicht. „Dieser Papst hat die Leute näher an Christus gebracht, ohne daß sie dafür erst einmal durch die Kirchenhierarchie müssen“, sagt eine Mittdreißigerin, die mit einem Abendzug aus dem 350 Kilometer entfernten toskanischen Thermalort Montecatini angereist ist. „Das hier ist einfach die Beerdigung des Jahrhunderts“, sagt ihr Begleiter. „Nur Gandhi könnte vielleicht mit dem Ereignis hier konkurrieren, doch der war ja nicht einmal ein Religionsführer.“

          Wartende mit Schwächeanfällen

          Ganz anders sehen es die Besucher aus den Pfarreien. „Wir haben gestern eine Gedenkmesse für den Papst abgehalten. Da war es logisch, daß einige von uns am Tag danach auch hierher kommen“, sagt ein Pfarrer aus dem umbrischen Städtchen Spoleto. Neben ihm wird ein Holzkreuz getragen, um das ein Tuch vom Jugendtag in Rom geschlungen ist, von der größten Massenveranstaltung des Heiligen Jahres mit 2 Millionen Teilnehmern. „Wir mußten kommen, weil wir nun die Zeugen der Leistungen dieses Papstes sind und für ihn Zeugnis ablegen“, sagt der jugendliche Kreuzträger aus Viterbo.

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